Über 1.500 Clan-Straftaten

0
992
Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat das erste öffentlich zugängliche Lagebild zu Clan-Kriminalität für sein Bundesland vorgestellt. (Foto: BS/Dombrowsky)

In Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr insgesamt 2.630 sogenannte Ereignisse im Zusammenhang mit Clan-Kriminalität verzeichnet. In 1.585 polizeilichen Vorgängen handelte es sich um Straftaten. Dabei dominierten Körperverletzungen, Bedrohungen und Beleidigungen. Das geht aus dem ersten öffentlichen Lagebild zur Clan-Kriminalität in Niedersachsen hervor.

Dieses wurde von Innenminister Boris Pistorius (SPD) präsentiert. Der Ressortchef unterstrich in diesem Zusammenhang: “Clan-Kriminalität in allen ihren Ausprägungen ist in Niedersachsen ein ernstzunehmendes Problem. Auch wenn die Anzahl der Straftaten selbst im Promillebereich im Verhältnis zur Gesamtkriminalität steht: Kriminelle Clan-Mitglieder sind gewalttätig, sie bedrohen ihre Konkurrenz genauso wie Angehörige der Polizei.”

Mitglieder aller kriminellen Großfamilien in Niedersachsen träten mit überhöhtem Ehrgefühl und großer Respektlosigkeit auf. Sie beachteten geltende Regeln und Gesetze nicht. “Sie bedrohen damit unseren Rechtsstaat und unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft. Sie akzeptieren unsere Rechtsordnung genau so wenig wie Vertreter des Rechtsstaats, die kommunal geltenden Regelungen und die Ordnungsbehörden”, so Pistorius weiter. Darauf reagiere der Staat repressiv und unmittelbar mit allem, was insbesondere im polizeilichen Repertoire zur Verfügung stehe.

Fast 1.700 Verdächtige oder Beschuldigte

Dem Lagebild zufolge wurden 2019 1.646 Personen als Tatverdächtige oder Beschuldigte erfasst. Davon waren 87 Prozent Männer und mehr als die Hälfte jünger als 30 Jahre. Die Tatverdächtigen oder Beschuldigten kommen ursprünglich aus nahezu 50 Staaten. In Bezug auf die Herkunft dominiert jedoch die Bundesrepublik mit 890 Personen. Es folgen der Libanon (167), die Türkei (162), Syrien (83) und Rumänien (53). 355 Personen (21,6 Prozent) waren Mehrfachtäter. Es wurden Vermögenswerte in Höhe von knapp 5,7 Millionen Euro vorläufig gesichert. Die Tatorte verteilen sich nahezu über ganz Niedersachsen. Es ist sowohl der städtische als auch der ländliche Raum betroffen. Urbane Hotspots, wie sie aus anderen Bundesländern bekannt sind, finden sich in Niedersachsen in dieser Intensität nicht.

Mit Blick auf das Dunkelfeld sagt der Präsident des Hannoveraner Landeskriminalamtes (LKA), Friedo de Vries: “Wir gehen davon aus, dass wir im Dunkelfeld noch etwas mehr Straftaten clan-kriminellen Personen und Gruppierungen zuschreiben müssten.” Es liege aber gerade in der Eigenart der Clan-Kriminalität, dass die Polizei aufgrund der familiären Abschottung und durch Einschüchterungshandlungen von einem gewissen Teil der Straftaten erst gar nicht erfahre.

Vernetzung verstärken

Und Landespolizeipräsident Axel Brockmann ergänzte: “Wir werden uns der Clan-Kriminalität weiter intensiv widmen und die Vernetzung mit den kommunalen Behörden und Institutionen weiter ausbauen. Überall da, wo Kriminelle meinen, die Straße gehöre ihnen, sie stünden über dem Recht, werden wir ihnen erforderlichenfalls noch intensiver mit Präsenzkräften auf den Füßen stehen.” Ein sehr niedrigschwelliges Einschreiten auf der Straße sei eine wesentliche strategische Leitlinie für alle Polizeibeamten beim Umgang mit Mitgliedern krimineller Clans. “Diesen Personen begegnen wir zudem angepasst mit entsprechenden Ermittlungseinheiten und spezialisierten Ermittlungskräften”, so Brockmann weiter.

Schon früher interne Lagebilder

Das nun vorgestellte Lagebild zur Clan-Kriminalität ist das erste öffentlich präsentierte seiner Art in Niedersachsen. Allerdings wurden dort bereits seit 2013 interne Lagebilder zum Phänomen erstellt. Dabei wurden die wesentlichen Kriterien immer deutlicher definiert. So wurden Straftaten zunächst insbesondere durch eindeutig zuzuordnende Nachnamen von bekannten Gefahrenverursachern und Straftätern der Clan-Kriminalität retrograd zugeordnet. Dies geschah in der Regel erst lange nach dem begangenen Delikt.

Das aktuellste Lagebild hingegen generiert sich vor allem daraus, dass die Polizei in jahrelanger fachlicher Annäherung einen Merker für Straftaten mit Clan-Bezug entwickelt hat. Diese Methodik ist bundesweit einzigartig und setzt nicht retrograd, sondern bereits bei der Erfassung der Daten im polizeilichen Vorgangsbearbeitungssystem an. Dazu sagte Minister Pistorius: “Wir können mit diesem neuen Ansatz Sachverhalte schneller der Clan-Kriminalität zuordnen, was gerade im dynamischen Feld dieser Kriminalitätsform enorm wichtig für die Arbeit der Polizei ist. Die neue Systematik gehe deutlich über hauptsächlich ethnische Kriterien, die bis zum Lagebild 2018 vorrangig genutzt worden seien, hinaus. “Namen, Herkunftsländer und Nationalitäten sind keine allein bestimmenden Kriterien mehr. Es geht um typisch Clan-kriminelles Verhalten”, so der SPD-Politiker.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here