BDLI: “Inhalte der ILA in anderer Form”

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Standen dem Behörden Spiegel Rede und Antwort: Cornelia von Ammon (l.), Leiterin PÖA, und Mirja Schüller (r.), Leiterin Messen. (Foto: BS/BDLI)

Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) vertritt alle Branchensegmente und Unternehmensgrößen von den Ingenieurdienstleistern über mittelständisch geprägte Zulieferer bis zu internationalen Systemherstellern. Der Interessenverband veranstaltet die ILA in Kooperation mit der Messe Berlin GmbH. Vor dem Hintergrund der diesjährigen Messeabsage sprach Uwe Proll, Chefredakteur und Herausgeber des Behörden Spiegel, mit Cornelia von Ammon, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im BDLI, und Mirja Schüller, Leiterin Messen und Ausstellungen im BDLI.

Behörden Spiegel: Die internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin musste wegen der COVID-19-Pandmie abgesagt werden. Stattdessen ist “ILA Goes Digital” online. Wie kam es dazu?

Schüller: Für uns stand die Frage im Raum: Belassen wir es bei der Absage oder gelingt es uns, Inhalte der ILA in anderer Form abzubilden? Und so entstand der Gedanke zu “ILA Goes Digital”. Dazu haben wir uns extrem schnell mit unseren Partnern – der Messe Berlin, der Agentur, BDLI-intern und natürlich auch mit interessierten Digital-Ausstellern abgestimmt und haben binnen fünf Wochen die digitale ILA aufgesetzt. Und was bietet dieses Projekt? Die Möglichkeit, Kommunikation, Austausch, Information und Präsentation zu ermöglichen. Viele Elemente, die auch bei einer realen Messe stattfinden, haben wir jetzt ins Digitale verlegt.

Gestartet am 13. Mai, dem Eröffnungstag der “realen” ILA Berlin, wird sie bis 31. Juli 2020 online sein und Ausstellern und Partnern die Möglichkeit bieten, ihre Inhalte im Verbund zu präsentieren. Die Vielfalt umfasst auch Webinare und Startup-Pitches ebenso wie virtuelle Messerundgänge, aber vor allen Dingen Produkt- und Verfahrenspräsentationen. Wir wollten den Firmen die Möglichkeit geben, sich auch zu einem späteren Zeitpunkt einzubringen.

von Ammon: Es liegt in der DNA der ILA, Pionier der Innovation und der Zukunft zu sein. Sie ist, 1909 erstmalig ausgetragen, die älteste Aerospace-Messe der Welt. Der BDLI hat sie bewusst vor fünf Jahren zur führenden Innovationsmesse der Branche weiterentwickelt. Heute steht ILA für “Innovation and Leadership in Aerospace”. Mit der digitalen ILA kommt ihr wieder eine Trendsetter-Funktion zu.

Behörden Spiegel: Es gibt Webinare, die zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden und es gibt Produkt- und Verfahrenspräsentationen. Meinen Sie damit auch Videos von Ausstellern?

Schüller: Genau. Wir hatten auch ein Matchmaking in der ersten Woche im Angebot zum Thema “Technologietransfer”, das real auf der ILA stattgefunden hätte und wo sich mehr als 600 Gäste digital getroffen haben. Der Organisator des Ganzen, der Berlin-Partner in Verbund mit dem European Enterprise Network, hat das dann sehr schnell realisiert und das wir haben dann gerne über das Portfolio von “ILA Goes Digital” aufgenommen. Auch Grußworte von Politikern haben wir eingebaut.

Behörden Spiegel: Muss ich mir das Matchmaking als Chat vorstellen?

Schüller: Man konnte sich über eine Online-Plattform registrieren und sich dann direkt mit dem anderen Partner in Verbindung setzen. Das wird, weil es sehr erfolgreich gelaufen ist, vermutlich nochmal zu einem späteren Zeitpunkt angeboten.

Behörden Spiegel: Wie muss man sich diese Startup-Pitches vorstellen?

Auch dort bewerben sich Startups und werden von diesem Selection Committee bewertet. Das ist live, allerdings muss man sich vorher registrieren.

Schüller: Unterschiedlich. Wir haben jetzt gerade ein Startup-Pitch von Technologie-Startups hier aus dem Berliner/Brandenburger Raum in Planung. Dann findet ein E-Selection Committee von Starburst Accelerator statt.

Behörden Spiegel: Was für eine Technologie nutzen Sie da?

Schüller: In diesem Fall ist es Zoom.

Behörden Spiegel: Wird das Ganze gehalten bzw. verbunden durch die Homepage?

Schüller: Ja. Schnell war klar, dass wir das nur über die bestehende Website aufsetzen können, die bereits bekannt ist. Wir versuchen auch, “ILA Goes Digital” verstärkt über unsere Kanäle zu kommunizieren, um über die Nutzerzahlen, die in der ersten Woche ausgesprochen gut waren, zu halten bzw. möglicherweise sogar zu steigern.

Behörden Spiegel: Können Sie Zahlen nennen?

von Ammon: Wir hatten allein am Starttag deutlich über 2.000 Nutzer, am Ende der ersten Woche bereits mehr als 3.000 Nutzer. Die Zahlen sind das eine, das qualitative Feedback, das wir erhalten haben, freut uns natürlich auch.

Behörden Spiegel: Kommen die Nutzer Ihrer Digitalangebote im Wesentlichen aus Aktiven aus der Branche selbst?

Schüller: Ja. Die Hauptländer, aus denen jetzt die Nutzer kamen, waren Deutschland, die USA und Frankreich. Nicht weiter verwunderlich ist natürlich die jüngere Zielgruppe der “Digital Natives”. Aber auch langjährige ILA-Begleiter waren neugierig, was da passiert.

Behörden Spiegel: Wird sich der Ausfall der ILA in diesem Jahr auf den Wettbewerb mit Le Bourget und Farnborough auswirken?

Schüller: Dass der Ausfall uns hart getroffen hat, kann man nicht schönreden. Die Singapore Air Show war die letzte Branchenmesse, die noch stattgefunden hat. Mit der Absage von Farnborough reihen wir uns leider in eine Schnur von Messen ein, die nicht stattfinden können. Wir schauen alle natürlich Richtung Le Bourget: Wie wird das im Juni 2021 aussehen? Die Pandemie wird vielleicht Modifikationen im Messegeschehen nach sich ziehen.

Treffen im digitalen Raum ersetzt nicht das persönliche Treffen, was ganz wesentlich ist, um Vertrauen zu schaffen. Und Vertrauen ist nun mal in jeder Geschäftsbeziehung die Basis. Die digitale ILA ist ein eigenes Format. Ich würde allerdings prognostizieren, dass reale Messen auf jeden Fall wiederkommen werden, weil man sie braucht, um sich auszutauschen, dass sie aber zukünftig stärker durch Digitalkomponenten begleitet werden. Ob die Geschäftsreisen in der alten Form durchgeführt werden, weiß ich nicht. Der Trend geht bestimmt zu hybriden Meetings.

Behörden Spiegel: Was ist jetzt das Ziel dieser digitalen Präsenz, die keine Messe ersetzen kann? Geht es darum, die Marke ILA aufrechtzuerhalten?

von Ammon: Mit der “ILA Goes Digital” blicken wir nach vorne und transportieren jetzt virtuell die Faszination unserer Branche – dies ist wichtig in Zeiten der Krise. Dazu zählen Kernthemen wie das klimaneutrale Fliegen, dem erklärten langfristigen Ziel unserer Branche. Ebenfalls greifen wir Nachwuchs- und Zukunftssicherung, z.B. mit der BDLI-Grundschulinitiative “Zukunftsflieger”, mit der wir junge Menschen an MINT-Themen und damit an unsere Branche heranführen wollen. Die Marke ILA bleibt auf jeden Fall bestehen – virtuell und real.

Behörden Spiegel: Die Lufthansa hat gesagt, dass sie davon ausgeht, dass der Flugverkehr erst frühestens in drei Jahren wieder den altgewohnten Umfang erreicht. Muss die gesamte Branche sich auf eine längere Krise einstellen?

von Ammon: Wir erleben seit Mitte März die schwerste Krise der Luftfahrtindustrie seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Vordergrund steht für uns die Rettung der zivilen Luftfahrtindustrie mit ihrer in der ganzen Bundesrepublik beheimateten Zulieferindustrie.

Wir erwarten für die Luftfahrtindustrie keine schnelle Erholung, sondern eine U-Kurve mit tiefem Tal, auch weil die Nachfrage nach Dienstleistungen wie Wartung und Instandsetzung, die ja einen erheblichen Teil der Wertschöpfung ausmachen, eingebrochen ist.

Der BDLI hat daher zu schnellen und unbürokratischen Maßnahmen aufgerufen, um die Zukunft dieser für die Exportnation Deutschland zentralen, systemrelevanten Branche zu sichern. Wichtig ist auch, dass ohnehin geplante Aufträge in den anderen Segmenten Raumfahrt oder militärische Luftfahrt, jetzt auch wirklich zeitgerecht erteilt werden, um die Auswirkungen dieser Krise nicht noch unnötig zu verschlimmern.

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