“Ersthelfer” teilweise momentan nicht vorhanden

0
322
Diskutierten über den effektiven Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt (im Uhrzeigersinn): Dr. Horst Baier, Thorsten Nowak, Dr. Astrid Helling-Bakki, Celine Sturm und Ulrich Wilmsmann. (Screenshot: BS/Feldmann)

Die Corona-Pandemie und die damit oft einhergehende längere Schließung von Kindertagesstätten und Schulen hat zum Teil massive Auswirkungen auf das Kriminalitätsgeschehen. Die Folgen lassen sich allerdings oftmals noch nicht genau quantifizieren. Dies gilt insbesondere für die Bereiche der häuslichen Gewalt und des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen. Denn aufgrund der Einschränkungen mangelte es längere Zeit an Hinweisgebern.

Lehrer und Erzieher, denen diese Aufgabe in normalen Zeiten am ehesten zukommt, hätten die Funktion nur sehr begrenzt wahrnehmen können. Es habe während der Corona-Krise länger an diesen “Ersthelfern” gemangelt, kritisiert Celine Sturm, Referentin für Kriminalprävention bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Teilweise sei dies sogar immer noch der Fall. Dabei seien während des Lockdowns alle Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche “in die Höhe geschnellt”, berichtet die Geschäftsführerin der World Childhood Foundation, Dr. Astrid Helling-Bakki. Das Problem sei jedoch gewesen, dass selbst bei den Behörden – unter anderem bei den Jugendämtern – zunächst eine Schockstarre geherrscht habe.

Noch vieles zu tun

Dies sei aber äußerst problematisch. Denn zum einen sei Kriminalprävention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, um die Opferwerdung möglichst zu verhindern, unterstreicht Sturm. Zum anderen braucht es einen möglichst frühen Kinderschutz, findet Helling-Bakki. Sie verlangt: “Wir müssen die Kinder möglichst früh sensibilisieren, damit sie sich bemerkbar und ihre Grenzen deutlich machen können.” Hierfür brauche es bereits im Kindesalter eine hohe Medienkompetenz und eine Sensibilität für die Risiken und Gefahren im digitalen Raum bei allen Akteuren. Nur so könne es möglicherweise gelingen, Missbrauchstaten zu verhindern. In beiden Bereichen sei allerdings hierzulande noch “viel Luft nach oben”, bemängelt die ehemalige Kinderärztin.

Datenschutz darf nicht alles sein

Die Bedeutung einer effektiven Prävention beim Kinderschutz im Internet, betont auch der IT-Bevollmächtigte der niedersächsischen Landesregierung. Hierfür brauche es möglichst niederschwellige Angebote, so Dr. Horst Baier im Rahmen einer Online-Diskussionsrunde im Rahmen von “Digitaler Staat online”. Beim Kinder- und Jugendschutz seien vor allem Kindertagesstätten, Schulen und Verantwortliche in Vereinen besonders gefragt. Notwendig seien unter anderem Investitionen in eine entsprechende Aus- und Fortbildung von Lehrern und Erziehern. Denn: “Kinder brauchen Schutz und Vertrauen”, so der IT-Beauftragte im Rahmen der von Thorsten Nowak, dem Leiter der Geschäftsstelle der Kinderschutzallianz, moderierten Debatte.

Bei der Verfolgung von sexuellem Kindesmissbrauch müsse gegebenenfalls auch der Datenschutz zugunsten des Schutzes der Kinder zurücktreten. Hier müssten entsprechende Prioritäten gesetzt werden, mahnt Baier. Hilfreich für die Strafverfolgung seien zudem audiovisuelle Vernehmungen der betroffenen Kinder, sind sich Helling-Bakki und Sturm einig. Diese Form der Befragung habe einen hohen Mehrwert für die Ermittlungsarbeit, sei opferschonend und trage dazu bei, Tätern schneller auf die Spur zu kommen.

Bei der Strafverfolgung und Täterermittlung könnte auch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) und Data Mining-Ansätzen hilfreich sein, ergänzt Baier. Ulrich Wilmsmann, Head of KI, Big Data and Geo Analytics beim IT-Dienstleister Atos Deutschland, meint: “Technologie ist eine Methode, um schneller reagieren zu können.” Und er unterstreicht: “Die beste Prävention ist die schnelle Aufklärung.” Dafür sei es wichtig, dass Ermittler auch schnell Datenelemente zusammenfügen und miteinander verknüpfen könnten, bei denen Zusammenhänge untereinander nicht sofort erkennbar seien. Dies sei für rasche Fahndungserfolge ebenso wichtig wie die Verbindung unterschiedlicher Datentöpfe und die internationale Kooperation der Polizeibehörden. Hierfür brauche es unbedingt automatisierte und KI-gestützte Lösungen, etwa bei der Analyse von Bildern oder Chats.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here