Genau zur richtigen Zeit

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Spannend und gut zu lesen bei dennoch hohem wissenschaftlichem Anspruch: Das "Handbuch Extremismusprävention – Gesamtgesellschaftlich. Phänomenübergreifend", herausgegeben von Brahim Ben Slama und Uwe Kemmesies (2020). (Screenshot: BS/Feldmann)

Im vergangenen Jahr sind deutlich mehr politisch motivierte, extremistische Delikte polizeibekannt geworden als noch 2018. Der Anstieg betrug 14,2 Prozent und war damit der zweithöchste seit Einführung dieser Statistik im Jahr 2001. Dabei dominieren eindeutig rechtsmotivierte Delikte.

Sie machten 2019 54,3 Prozent aller extremistischen Straftaten aus. Zudem ist ihre Zahl 2019 um 9,4 Prozent angewachsen, wie aus dem aktuellen Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) hervorgeht. Die Behörde von Präsident Thomas Haldenwang zählt bundesweit 32.080 Personen mit rechtsextremistischem Potenzial. 2018 waren es noch 24.100 Personen. Die Zahl der gewaltorientierten Rechtsextremisten beläuft sich hierzulande auf mindestens 13.000. Im Bereich des Linksextremismus schätzt das BfV jeden vierten der insgesamt 33.500 Linksextremisten als gewaltorientiert ein. Auch steigt dort die Bereitschaft, Gewalt nicht mehr nur gegen Sachen, sondern auch gegen Menschen einzusetzen. Auch die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus ist in Deutschland weiterhin hoch.

Mehr als 750 Seiten

Angesichts dieser Dimensionen kann es eigentlich keinen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema geben. Sie liegt nun mit dem “Handbuch Extremismusprävention” vor. Dieses wurde erstmals von Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesinnenministerium (BMI) herausgegeben. Der über 750 Seiten starke Sammelband besteht aus drei Teilen. Ein erster Abschnitt widmet sich den Grundlagen der Extremismusprävention. Darin werden nicht nur zentrale Begriffe, sondern auch unterschiedliche Phänomene der politisch motivierten Kriminalität. Dazu zählen unter anderem der Rechtspopulismus und -terrorismus, Salafismus und Islamismus sowie die verschiedenen Formen des Linksextremismus. Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes werden auch der transnationale Extremismus hierzulande sowie Radikalisierungsprozesse aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Dabei handelt es sich jeweils um sehr gute, detaillierte, wissenschaftlich fundierte, aber dennoch leicht lesbare Überblicke über die jeweilige Szene. Allerdings gibt es einige kleinere Mängel im Lektorat.

Im zweiten Teil des Sammelbandes, das mit Vorworten von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sowie BKA-Präsident Holger Münch versehen ist, steht dann die Praxis der Extremismusprävention im Mittelpunkt. Dabei werden unter anderem verschiedene Praxiskonzepte sowie die Koordination und Implementierung von Extremismusprävention auf den unterschiedlichen staatlichen Ebenen anhand konkreter Beispiele erläutert. Ein Beitrag widmet sich zudem explizit der Extremismusprävention aus der Perspektive eines sicherheitsbehördlichen Bedarfs. Auch hier sticht wieder die gute Lesbarkeit der Artikel bei gleichzeitig hoher wissenschaftlicher Relevanz hervor.  

In einem dritten Teil, der das Bild sehr gut abrundet, geht es dann um komplementäre gesellschaftliche Handlungsfelder. Dabei wird unter anderem auf Herausforderungen im Bereich der politischen Bildung im Angesicht von Extremismus, Extremismus aus sprachwissenschaftlicher Perspektive und Präventionsmöglichkeiten durch das Strafrecht eingegangen.

Das Handbuch ist in einer ersten Auflage von 4.500 Stück erschienen und kann ab sofort auch kostenfrei auf www.bka.de/hex als barrierefreie PDF-Datei heruntergeladen werden.
Zusätzlich werden die Inhalte ab 2021 auf www.handbuch-extremismusprävention.de einzeln abrufbar sein.

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