ÖGD: Nicht die Technik ist das Problem

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Zwar sind medienbruchfreie Prozesse im ÖGD noch nicht in Sicht, doch sind technische Hürden nicht das alleinige Problem – fast wichtiger sei es, miteinander ins Gespräch zu kommen, so das Fazit des Behörden Spiegel-Webinars “Modernisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes”. ( Foto: ampwizard, pixabay.com)

Seit Beginn der Corona-Pandemie steht der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) im Fokus wie lange zuvor nicht mehr. Zwar ist die Belastung in den Gesundheitsämtern aufgrund angestiegener Infektionszahlen groß, größer noch sind aber die Herausforderungen, die das veraltete technische Equipment bei der Bewältigung der Aufgabe mit sich bringt. Statt weiter am Fax festzuhalten, brauche es dringender denn je digitale Lösungen, die eine medienbruchfreie Datenverarbeitung erlaube, fordert PD Dr. Ariane Berger, Referentin Digitalisierung beim Deutschen Landkreistag. 

Informationen nur lokal verfügbar

“Nicht die Technik ist das Problem, sondern der politische Wille” – für PD Dr. Ariane Berger vom Deutschen Landkreistag liegen die Schwierigkeiten bei der Digitalisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes auf der Hand. Noch immer fehle es an der notwendigen Bereitschaft zur Kollaboration, um die Meldewege besser zu vernetzen. Zwar seien digitale Lösungen im ÖGD inzwischen keine Seltenheit mehr, von durchgehenden Prozessen, die eine medienbruchfreie Datenverarbeitung erlaubten, sei man aber noch weit entfernt. Eine Konsequenz der mangelnden Vernetzung: Informationen über das aktuelle Infektionsgeschehen sind nur lokal verfügbar, was zumal auf kommunaler Ebene Probleme mit sich führt. Zwar hätten Kreise stets ein Bild über die Entwicklungen auf eigenem Boden, wie es in den umliegenden Gemeinden aussehe, darüber wisse man vor Ort stets zu wenig.

Wie bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung allgemein lägen die Herausforderungen im Gesundheitsbereich in einer äußerst heterogenen IT-Landschaft begründet. Bei den Kreisen und Kommunen finde man meist einen regelrechten Flickenteppich lokaler Softwarelösungen und IT-Dienstleister vor. Doch ist, wie Berger heraushebt, nicht Heterogenität an sich das Problem, sondern mangelnde Kompatibilität sowie fehlendes Schnittstellenmanagement. Was es brauche, seien kluge und nicht zuletzt auch verbindliche Standards, mit deren Hilfe eine Integration schon in Gebrauch befindlicher Software vorangetrieben werden müsse. Orientierung bei Vorhaben dieser Art biete der IT-Planungsrat, dessen Ansätze für den Gesundheitsbereich adaptiert werden müssten, so Berger.

Die nötige Infrastruktur sei vorhanden. Nun gelte es, sie nachzunutzen, meint auch Dr. Stephan Klein, Geschäftsführer des Bremer IT-Dienstleisters Governikus, der mit dem Bremer Elektronischen Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (BREMIS) jüngst eine eigene Lösung für die Gesundheitsämter der Hansestadt ausgerollt hat. Obwohl man sich noch in der Pilotphase befinde, seien die ersten Erfahrungen positiv, so dass man den Dienst ab November auch für weitere Interessenten anbieten wolle. “IT-Dienstleister müssen stets über die Fachlichkeit kommen. Erst wenn sich eine Lösung in der Praxis bewährt hat, kann man überlegen, ob sie auch andernorts zum Einsatz kommen soll”, so Klein. Grundsätzlich falsch sei es, nach dem Top-down-Prinzip zu verfahren, da zentral verordnete Lösungen – von Integrationsproblemen abgesehen – selten mit Zustimmung vor Ort rechnen könnten. Ein Negativbeispiel: das “Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz” (DEMIS) des Robert Koch-Instituts (RKI). Beschwerlich, letztlich aber zielführender sei der föderale Prozess nach dem Vorbild des IT-Planungsrates. Zwar komme es auch hier vor, dass am Ende eine Lösung für verbindlich erklärt werde. Anders als beim Vorgehen Top-down werde diese aber im Dialog gefunden und sei dadurch konsensuell abgesichert. 

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