Digitalisierung als digitale Kultur

0
425
(Grafik: ArtTower, pixabay.com)

“Kultur ist die Gesamtheit der Lebensäußerungen einer Gemeinschaft”, lautet eine gängige Definition des Kulturbegriffes. Gleichzeitig ist es fast schon eine Plattitüde, festzustellen, dass die Digitalisierung inzwischen alle Lebensbereiche der Menschen durchdringt. Wir können also mit Fug und Recht behaupten, dass unsere technisierten Gemeinschaften neue digitale Kulturen sind – gleichermaßen umfassend wie unser allgemeines Verständnis von Kultur an sich.

Solch digitale Lebensäußerungen in privaten, geschäftlichen oder gesellschaftlichen Bereichen sind erst seit Kurzem durch leistungsfähige Technologien möglich, die sich in immer kürzeren Zyklen verbessern, gleichzeitig stets kostengünstiger werden – und dadurch digitale Kulturen mit steigender Konsequenz und rasanteren Geschwindigkeiten in unseren Gemeinschaften lebbar und erlebbar machen.

Damit geht ein Bruch zwischen analogen und digitalen Kulturen einher. Die zwischenmenschliche Interaktion erfolgt zusehends durch technische Kommunikationsmittel und weniger durch körperliche Medien. Dies setzt neue ökonomische, soziale sowie politische Potenziale frei und zerrüttet überkommene Strukturen, die sich als Teil der analogen Kulturen lange bewährt hatten. Dadurch werden bisherige Erwartungen der Menschen enttäuscht, neue Erwartungen bilden sich und die Gesellschaft wird in ihrer Gesamtheit dauerhaft und grundlegend verändert.

Thomas Böning leitet als Referent und berufsmäßiger Stadtrat das IT-Referat der Landeshauptstadt München. In seiner Position fungiert er zugleich als Chief Digital Officer (CDO) der Landeshauptstadt München. (Foto: BS/Dombrowski)

Für die verantwortlichen Akteure in Wirtschaft, Verwaltung und Politik erfordert dieser Kulturwandel ein gänzlich neues Verständnis der sie umgebenden Welt, um neue Herausforderungen erkennen und darauf aufbauend zielorientierte Lösungen entwickeln zu können. Dabei werden sie ausgetretene analoge Pfade verlassen und neue digitale Wege beschreiten müssen, auch wenn künftige Entwicklungen der digitalen Welt schwerlich vorauszusagen sind.

Es liegt im Wesen digitaler Kulturen, sich zusehends zu vernetzen – ökonomisch und sozial. Diese Kulturen befruchten sich stärker gegenseitig und sind zugleich stärker voneinander abhängig. Folglich werden Wirtschaftskrisen ebenso globalisiert wie gesellschaftliche Ideen, deren Zeit gekommen ist. Trotz der zunehmenden Komplexität dieser Verflechtungen müssen künftige Entscheider die weltweiten Wirkungen ihres digitalen Handelns abschätzen können – eine immense Aufgabe.

Analoge Institutionen und Abläufe können in digitalen Kulturen keinen Bestand haben. Mehr noch: Es wird nicht darum gehen, sie lediglich digital abzubilden, weil jede analoge Lösung nur ein notwendiges Kind ihrer Zeit ist. Vielmehr schlägt nun die Stunde völlig neuer digitaler Einrichtungen und Prozesse. Die Menschen freilich werden das Gefühl haben, dass vieles einfacher wird, weniger komplex – denn digitale Institutionen und Abläufe verrichten ihr Werk unsichtbar und im Hintergrund. Sie sind, wenn man so will, die verborgene ordnende Macht.

Prof. Dr. Maximilian Wanderwitz ist seit September 2020 Professor für Wirtschaftsrecht, insbesondere das Recht der Informationstechnologie, an der Hochschule Trier, Umweltcampus Birkenfeld. Zuvor war er im Direktorium der Rechtsabteilung in der Landeshauptstadt München tätig. (Foto: BS/Dombrowski)

Ganz und gar nicht verborgen werden jedoch die Lebensäußerungen eines jeden einzelnen sein. Alles kann erfasst, quantifiziert, qualifiziert und ausgewertet werden. Die Unmengen an Daten erfordern intelligente und leistungsfähige Technologien, um sie auswerten und damit menschlichen Entscheidungen zugrunde legen zu können. Die verantwortlichen Akteure in Wirtschaft, Verwaltung und Politik können dadurch wesentlich effizienter auf Herausforderungen reagieren. Doch für den einzelnen Menschen bedeutet dies maximale Transparenz – anderen gegenüber, aber auch gegenüber sich selbst; in einer digitalen Kultur wird es schwer werden, sich etwas vorzumachen.

Zugleich wird sich der Mensch zusehends in rein digitalen Infrastrukturen bewegen. In seiner Wahrnehmung wird die digitale Welt schlicht “Welt” sein, mit eigenen Regeln, Mechanismen, Geboten und Verboten – und sie wird das ethische und moralische Empfinden der Menschen nachhaltig beeinflussen und verändern. Gleichwohl ist diese digitale Welt ein Produkt unterschiedlicher Interessen, allen voran der großen Technologiekonzerne, die schon längst ihre virtuellen Ölfelder erschlossen haben. Damit geht die Gefahr einher, dass es in den Händen von wenigen liegt, zu bestimmen, was in digitalen Kulturen als richtig und falsch geglaubt wird.

Jede Kultur ist einzigartig – diese Einsicht gilt ebenso für künftige digitale Kulturen, deren Wesen wir aktuell nur erahnen können. Doch bei all dem vielbeschworenen digitalen Wandel wird eines gleich bleiben: die conditio humana, also das, was den Menschen in seinem Innersten ausmacht.

Die Autoren des Gastbeitrags sind Thomas Böning, CDO der Landeshaupstadt München, und Prof. Dr. Maxiilian Wanderwitz, Professor für Wirtschaftsrecht, insbesondere das Recht der Informationstechnologie, Hochschule Trier.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here