Digitale Evolution

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2021
Prof. Dr. Maximilian Wanderwitz ist Professor für Wirtschaftsrecht, insbesondere das Recht der Informationstechnologie, an der Hochschule Trier, Umweltcampus Birkenfeld. (Foto: BS/Bildschön/Gierke)

Im Jahr 1859 veröffentlichte Charles Darwin sein berühmtes Hauptwerk “On the Origin of Species”. Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung begründete er damit zwar nicht die Evolutionstheorie, ja einige seiner Aussagen mussten in den darauffolgenden Jahrzenten revidiert werden, doch prägte er nachhaltig diese damals noch junge Wissenschaft und unser grundlegendes Verständnis der Evolution. Umso erstaunlicher ist es, dass heutzutage, über 150 Jahre später, nach wie vor Irrtümer herumgeistern, die das Wesen der Evolution maßgeblich verkennen – Irrtümer, die auf ähnliche Art und Weise zuweilen gegenüber der Digitalisierung anzutreffen sind.

Das fängt schon mit der Frage nach dem Ziel der Evolution an. Jahrhundertelang war die Menschheit davon überzeugt, die Krone der Schöpfung zu sein; und wurde hierbei von diversen Religionen tatkräftig moralisch unterstützt. Die Evolutionstheorie lehrt uns hingegen, dass es keine Schöpfung gab, ja nicht einmal einen Schöpfer gibt – wie also sollte der Mensch sein solcherart verletztes Ego retten, wenn nicht durch die Annahme, wenigstens das Ziel der Evolution zu sein? Und wo die Menschheit Endpunkt einer Entwicklung ist, da müsse es doch einen Plan geben, der zu ihr geführt hat; ein Plan, nach dem sich all die vergangenen Millennien entfaltet haben. So verwundert es nicht, dass viele Darwins Bonmot vom “Survival of the Fittest” gründlich missverstanden haben, vielleicht sogar missverstehen wollten als ein “Überleben des Besseren”, als ein “Überleben des Stärkeren” – einschließlich des daraus folgenden Sozialdarwinismus, dessen Verheerungen uns allen nur allzu bekannt sind.

Evolution kennt weder Plan noch Ziel

Nichts davon stimmt. Die Evolution kennt weder Ziel noch Plan, ja sie kennt überhaupt nichts – sie ist ein blind ablaufender Prozess voll chaotischer Irrungen und Wirrungen. Organismen treffen auf eine Umwelt, in der sie entweder zugrunde gehen oder sich behaupten. Zufällige Mutationen im Erbmaterial führen zu neuen Eigenschaften und Fähigkeiten, mit denen sich die Organismen besser an die Umwelt anpassen können, was wiederum ihre Überlebenschance erhöht – und damit die Chance, dass genau dieses mutierte Erbmaterial weitergegeben wird; so entsteht Survival of the Fittest. Nicht “das Bessere” überlebt, nicht “das Stärkere”, sondern schlicht dasjenige, was sich den Gegebenheiten bestmöglich angepasst hat – mag man es auch abschätzig als den Sieg des Opportunismus bezeichnen. In der Rückschau erscheint dies alles wie eine planvolle Entwicklung, doch diese Perspektive ist trügerisch und nur Zeichen dessen, was man gemeinhin als einen Bias bezeichnet.

Wenden wir uns nun der Digitalisierung zu. Dass sie nahezu alle Lebensbereiche der Menschen durchdringt, ist inzwischen mehr Plattitüde als Erkenntnis. Und so meinen manche, sie sei eine notwendige Entwicklung mit einem klaren Ziel, nämlich der umfassenden digitalen Transformation der Gesellschaft. Und für diesen digitalen Endpunkt müsse es natürlich einen Plan geben, zumindest eine grobe Linie, die von den Spitzen in Saat, Verwaltung und Wirtschaft behutsam und mit Bedacht zugrunde gelegt werde; bei der Verwirklichung des größten globalen Kulturprojekts aller Zeiten. Und selbstverständlich würden hierbei nur diejenigen IT-Produkte, Prozesse und Konzepte ausgewählt, die am effizientesten, am innovativsten, am leistungsfähigsten, kurz: am besten sind – mithin ein Survival of the Fittest (IT-Solution).

Mehr Hoffnung als Realität

Doch ein Blick hinter die Kulissen digitaler Welten offenbart, dass dies mehr Hoffnung als Realität ist. Das fängt schon damit an, dass die unterschiedlichen Akteure völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was eine gute digitale Lösung ausmacht. Unternehmen und Konzerne sind hauptsächlich auf Profit bedacht, auf den wirtschaftlichen Nutzen – davon hängt es ab, ob sich ein IT-Produkt behaupten kann oder nicht. Ganz anders bei staatlichen Stellen und der öffentlichen Verwaltung: Dort gilt es zunächst den gesetzgeberischen Auftrag zu erfüllen – und E-Government-Anwendungen werden in den Behörden nur insoweit eingeführt, als dies hierfür erforderlich ist. Allerdings darf die politische Dimension nicht verkannt werden. Werfen digitale Lösungen für die politische Spitze ausreichend politisches Prestige ab, so lässt die digitale Transformation des jeweiligen Behördenapparats nicht lange auf sich warten.

Hinzu kommen Faktoren, die sowohl in Unternehmen als auch in der öffentlichen Verwaltung wirken. So wächst mit der Digitalisierung der Gesellschaft gleichfalls ihre Regulierung – der Datenschutz bindet Staat und Wirtschaft gleichermaßen. Innovative Lösungen werden selten aus dem Mittelbau der Organisationen heraus initiiert und vorangetrieben, weil die erforderlichen Querschnittsprojekte nur auf den ersten Blick den erhofften Karrieresprung versprechen. Und schließlich menschelt es überall, man streitet um Kompetenzen, ums Ego, ja um beides – und am Ende steht der gute alte “Kompromiss”, der in Wahrheit nur eine Verlegenheitslösung ist.

Opportunismus setzt sich durch

Kurz gesagt: Digitale Lösungen finden sich in Staat und Wirtschaft einer ganz besonderen Art von Umwelt ausgesetzt, in der sie entweder zugrunde gehen oder sich behaupten. Welche digitale Lösung sich im Einzelfall durchsetzt, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab, von ihrer Anpassungsfähigkeit, von ihrem, wenn man so will, Opportunismus. Es handelt sich um einen Survival of the Fittest (IT-Solution) im besten Sinne Darwins – und damit um eine echte Digitale Evolution.

Doch im Gegensatz zur biologischen Evolution müssen wir diesen digitalen Ausleseprozess nicht klaglos hinnehmen. Vielmehr können wir lenkend eingreifen, ihm Richtung und Form geben, ja “das Bessere” hervorbringen, indem wir klug und mit Weitsicht das gestalten, was bisher die Digitale Evolution bestimmt hat: Ihr Umfeld; mithin Regulierungen, politische Präferenzen, Unternehmens- sowie Behördenkulturen und schlussendlich unser aller Geisteshaltung. Erst dann können wir mit Fug und Recht behaupten, dass die umfassende digitale Transformation der Gesellschaft einem höheren Endpunkt zusteuert.

Diesen Gastbeitrag hat Prof. Dr. Maximilian Wanderwitz, Professor für Wirtschaftsrecht, insbesondere das Recht der Informationstechnologie, an der Hochschule Trier, Umweltcampus Birkenfeld, verfasst.

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