Entscheidung Schwerer Transporthubschrauber

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Die CH-47 Chinook ist bereits seit Jahrzehnten in zwanzig Ländern weltweit im Einsatz. (Bild: Boeing)

Beinahe täglich wird mittlerweile die Entscheidung zum Schweren Transporthubschrauber (STH) der Bundeswehr erwartet. Schon im Dezember 2017 hatte der damalige Generalinspekteur General Volker Wieker die CH-47 Chinook von Boeing und die CH-53K King Stallion von Sikorsky als die einzigen infrage kommenden Modelle für den Schweren Transporthubschrauber (STH) festgelegt, um den dringenden Bedarf an Lufttransportkapazitäten für die Landstreitkräfte zu decken. Die Ausschreibung begann allerdings erst im Juni 2019, die beiden Unternehmen gaben ihre Angebote bis Januar 2020 fristgerecht ab, das Vergabeverfahren wurde im September 2020 gestoppt. Zu hoch waren die Preisvorstellungen der beiden Anbieter Lockheed Martin (Sikorsky) und Boeing.

Diese enorme Preissteigerung – die Bundeswehr hatte knapp sechs Milliarden Euro  veranschlagt, die Industrie legte Entwürfe mit über zehn Milliarden Euro vor – ergaben sich allerdings aus den gewünschten Zusatzfunktionen. Besonders auf die Luftwaffe und das Kommando Spezialkräfte ist zurückzuführen, dass der STH auch den Bereich Combat Search and Rescue sowie Special Forces abdecken sollte. Beides erfordert Funktionalitäten und Anpassungen – gerne auch durch deutsche Unternehmen durchzuführen – die sich am oberen Ende der technischen Leistungsskala befinden und dementsprechend teuer sind. In diesem Fall führten sie zu einer fast Verdoppelung des Preises.

Zwei Hubschrauberlager

Die Vergabe wurde deshalb gestoppt. Deutschland plant nun in einen Foreign Military Sales (FMS) Case einzutreten. Dies bedeutet, dass marktverfügbare Hubschrauber aus den USA gekauft werden. Nach drei Jahren ist man also wieder an dem Punkt angelangt, den General Wieker bereits 2017 präferierte. Drei Jahre Verschwendung von Zeit, Ressourcen und Steuergeldern – da auch Berater wieder gut von diesem Projekt lebten.

Immerhin könnten diese drei Jahre auch einen Erkenntnisgewinn gebracht haben, der nun zur Beschaffung des wirklich besten Transporthubschraubers führt, so die positive Auslegung. Allerdings wird wahrscheinlich das Bauchgefühl von wenigen Personen entscheiden. Technisch gesehen hat jedes Modell seine Vor- und Nachteile, die in der aktuellen Diskussion allerdings wenig erwähnt werden.

Im Kern gibt es zwei Lager: Die eine Seite will den neueren Hubschrauber, weil der jetzt erst in Serie geht und somit auch in dreißig Jahren noch produziert wird. Die andere Seite scheut dank der schlechten Erfahrungen mit neuen europäischen Hubschraubermodellen das Wort “Neu” wie der Teufel das Weihwasser und will deshalb ein seit Jahrzehnten bewährtes und einsatzerprobtes System.

CH-53K King Stallion

Das neue Modell ist die CH-53K King Stallion von Sikorsky (Lockheed Martin). Es besteht allerdings ein wichtiger Unterschied zur Lage in Deutschland mit den europäischen Hubschraubermodellen: Die USA haben mehrere Firmen. Die amerikanischen Streitkräfte müssen also nicht ein einziges Unternehmen unterstützen, um nationale Kapazitäten zu erhalten. Wenn ein Konzern nicht liefern kann – oder es nicht schafft die zeitlichen, technischen und preislichen Vorgaben einzuhalten – dann kommt der nächste dran. Oder der übernächste. Auch die Drohung des Stellenabbaus zieht nicht, da diese entlassenen Arbeiter dann einfach zum nächsten amerikanischen Konzern wechseln. The winner takes all.

Ein als unzuverlässig gebrandmarkte Unternehmen braucht sich auch in Zukunft kaum noch um die Milliardenaufträge der Streitkräfte zu bewerben. Dies führt zu einer Disziplin, nicht irgendwelche Luftschlösser anzubieten, sondern nur das, was wirklich in dem Zeit- und Budgetrahmen möglich ist. Dementsprechend versteht Sikorsky noch nicht einmal die deutschen Bedenken gegen neue Hubschraubermodelle, da bisher alles immer im Zeit- und Kostenrahmen realisiert wurde. Alle Tests sind zum vorgeschriebenen Zeitpunkt in der vorgeschriebenen Reihenfolge erfolgreich bestanden worden.

Der Klarstand ist selbstverständlich Vertragsgegenstand und von der Stückzahl und den Wartungsverträgen abhängig, Sikorsky könnte aber durchaus über 90 Prozent Verfügbarkeit garantieren. Alles eine Selbstverständlichkeit für amerikanische Unternehmen.

Zu den Vorteilen dieses Modells zählt, dass es gerade erst in Serie gegangen ist und dementsprechend noch mindestens für 30 weitere Jahre produziert wird. Dies führt zu einer Versorgbarkeit mit Ersatzteilen und Upgrades über die nächsten Jahrzehnte. Hinzu kommt, dass durch die moderne Fertigung einige technische Vorteile in diesen Transporthubschrauber mit einfließen konnten, so dass er eine größere Reichweite und einen größeren Innenraum besitzt sowie eine höhere Traglast transportieren kann.

Aus dem Kommando Spezialkräfte (KSK) war zwischenzeitlich zu hören, dass der Downwash zu groß sei. Damit war gemeint, dass das sich unter dem Hubschrauber befindende Gelände und Infrastrukturen durch den vom Hubschrauber erzeugten Abwind zerstört werden können. Auch das Fast Roping, also das schnelle Abseilen von Spezialkräften, sei aufgrund des Downwashs kaum gefahrlos möglich. Bei Sikorsky und den U.S. Marines – die maßgeblich zur Entwicklung der CH-53K beigetragen haben – stieß diese Kritik allerdings auf Unverständnis, da gerade das Fast Roping eine Kernfähigkeit und Kernforderung der Marines war, deren Beherrschung der Hubschrauber bereits erfolgreich beweisen konnte. Auch entspräche der Downwash dem normalen von einem Transporthubschrauber zu erwarteten Abwind, die nach Forderung der U.S. Streitkräfte unter einem Hubschrauber einzuhaltenden Werte würden nicht überschritten.

Die CH-53K King Stallion ist – obwohl jünger – deutlich weiterentwickelter als die in der Bundeswehr in den letzten zehn Jahren eingeführten europäischen Hubschraubermodelle. Sie ist erprobt und marktverfügbar, auch die Wartung und Instandsetzung in Deutschland wäre durch Rheinmetall gewährleistet.

CH-47 Chinook

Die CH-47 Chinook kontert hingegen damit, ein weiterentwickeltes kampferprobtes System zu sein. Von weltweit zwanzig Nationen, die den H-47 Chinook betreiben, sind acht Staaten NATO Mitglieder. Ein wichtiger Punkt für den Chinook, da Deutschland somit direkten Zugriff auf Upgrades und Support anderer NATO-Nationen hätte und auf eine von der Allianz erprobten Plattform zurückgreifen würde.

Durch die langjährige Nutzung – die ersten Chinook wurden bereits 1966 in Dienst gestellt – erfüllt der Hubschrauber zudem ein breites Spektrum an Missionsanforderungen. So bewährte sich der Hubschrauber bereits in über fünf Millionen Flugstunden auch in sehr spezifischen Anforderungen, beispielsweise bei Missionen in großer Höhe in den Bergen, bei der Evakuierung von Verletzten oder beim Einsatz von Spezialkräften. Zudem besitzt die Chinook eine über die Jahrzehnte optimierte und integrierte Avionik, Flugsteuerung sowie einsatzorientierte Fähigkeiten, die sicherstellen, dass der Hubschrauber auch die militärischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts erfüllt.

Eine Besonderheit ist die Anordnung der hinteren Rotorblätter, wodurch er an Hügeln mit dem Heck aufsetzen kann, während der Bug in der Luft bleibt. Dieser Aufbau ermöglicht es, auch im Wasser “zu landen”, also mit dem Heck tief genug einzutauchen, dass sogar kleine Schlauch- und Kunststoffboote direkt in den Hubschrauber hineinfahren können.

Zudem soll die Chinook laut Zahlen des U.S. Department of Defense die niedrigsten Flugkosten pro Stunde in seiner Klasse aufweisen und deutlich geringere Beschaffungs- und Wartungskosten verursachen. Auch Boeing punktet natürlich mit der – bei der amerikanischen Hubschrauberindustrie üblichen – Vertragstreue, Einhaltung von Lieferterminen sowie hohen Klarstandzahlen. Deutsche Firmen wären ebenfalls mit im Boot. “Mit unserer erweiterten Partnerschaft mit Rolls-Royce und Honeywell bieten wir Deutschland ein starkes Support-, Wartungs- und Trainingsangebot für den H-47. Gleichzeitig integrieren wir damit unsere Aktivitäten und Standorte noch stärker in die deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie”, sagte Dr. Michael Haidinger, Präsident, Boeing Deutschland und Zentral- & Osteuropa. “Dies ist nur ein Beispiel für die starken lokalen Industriepartnerschaften, die wir im Rahmen der STH-Ausschreibung der Bundeswehr aufbauen.”

Ende offen

Aktuell lässt sich schwer einschätzen, welches der beiden Lager am Ende gewinnt und welcher der beiden Hubschrauber den Zuschlag der Bundeswehr erhält. Sicher ist nur, dass der Ersatz der aktuell vorhandenen und stark veralteten CH-53G absolut notwendig ist. Nicht umsonst hatte General Wieker das Vorhaben bereits 2017 als dringend bezeichnet und – um dem Projekt die notwendige Beschleunigung zu verschaffen – den Kauf eines marktverfügbaren Modells verlangt. Beide Hubschrauber sind schon seit drei Jahren marktverfügbar und vorhanden, man müsste nur noch die Unterschrift unter einen Vertrag setzen.

2 Kommentare

  1. Die Bundewehr besitzt auch ganz normale LKW/PKW ohne Extraausstattung die auch NUR für den Transport von A nach B
    gebraucht werden .
    WARUM – sollte das bei dem Fluggerät/Schwere Hubschrauber anders sein bis auf einige wenige die in Kampfeinsätze im Ausland unterwegs sind und dementsprechend nach und umgerüstet werden werden können/könnten ? .
    Bei der Polizei sitzt auch NICHT in jeder kleineren Wache
    ein SEK im Keller und wartet auf Abruf ! .
    .
    Die USA sind für mich eines der wenigen Länder wo man
    “erprobte getestete und auch brauchbare Waffen/Gerätschaften
    Kaufen kann” ,
    “zumal” wenn diese dort auch noch Jahre oder Jahrzehnte im Einsatz
    sind so das die Kinderkrankheiten schon der Geschichte angehören
    dürften , was für die US Bürger auch nicht gerade günstig war
    und Teilweise auch mit Menschlichen Verlusten
    dort in Verbindung zu bringen ist/war .
    .
    Deutschland will das Know-How in Deutschland/Europa behalten
    und da wird/wurde schon die eine oder andere Reisbrettzeichnung
    blind gekauft mit viel Gottvertrauen was leider auch NICHT
    immer im Positiven geendet hat sondern manchmal eher
    zu einem Milliardengrab führte .
    .
    Wehrtechnische Dienststellen die für die Materialbeschaffung der Bundeswehr zuständig sind , sind ja mit der Zeit auch auf SPAREN und NACHHALTIGKEIT getrimmt worden ! .
    Wenn jetzt auch noch etwas mit Logik gedacht wird dann verstehe ich die
    NEU Beschaffung von Maschinengewehren NICHT die beim Dauerfeuer ? Treffsicherer sein sollen ! ABER es wurde so beschlossen = Logik aus ! .

  2. Die Chinook – ERPROBT – BEWÄHRT – BRAUCHBAR – ZUVERLÄSSIG
    alt und doch Technisch auf dem neuesten stand – auch Umweltpolitisch ! .
    Erfahrungsaustausch durch 8 ODER ?
    (vielleicht auch bald 9 oder mehr Nato-Staaten) .
    .
    Die “NEUE” CH-53K King Stallion also für den Potenziellen Nachfolger des
    in die Jahre/Jahrzehnte gekommenen Vorgängers CH-53G der am 26.07.1972 offiziell an das Heer übergeben wurde und für den
    man sich auch nicht entscheiden konnte ! .
    “Wahrscheinlich” – waren WIR über Jahrzehnte hinweg völlig
    unzufrieden mit dem Vorgänger CH-53G .
    .
    ABER – wer nicht genau weiß WAS ER/SIE eigentlich will ?
    außer vielleicht eine Eierlegende Wollmilchsau für den Preis
    eines Luftballons ? – da kann dann noch Jahrzehnte
    weiter gesucht werden – OHNE ERGEBNISS ! .
    .
    Früher wurden in Deutschland Politiker noch fürs Denken bezahlt ! ,
    heute LEIDER nur noch fürs absichern durch Berater DIE
    auch nicht für umsonst Arbeiten .
    Wenn wir jetzt die Beraterhonorare mit zum Kaufpreis dazu zählen ,
    da kommen UNS die Runtergehandelten Fluggeräte doch
    ziemlich Teuer zu stehen – d.h. wieviel gewünschte EXTRAS
    hätte man installieren können für die Beraterhonorare ? .
    .

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