Handeln in der Pandemie – Blaupause für hybride Kriegführung

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(Foto: Bundeswehr / Dittrich)

Das SARS-CoV-2 Virus hat unseren Alltag in den letzten Monaten stark geprägt. Im Vordergrund standen dabei die Versorgung von Patientinnen und Patienten sowie die Eindämmung des Infektionsgeschehens. Deutlich hat sich gezeigt, dass das Handeln von Staaten durch eine Pandemie über längere Zeit dominiert werden kann. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, der staatlichen Handlungsfähigkeit und der militärischen Einsatzbereitschaft können durch einen Erkrankungsausbruch verlangsamt oder geschwächt werden.

Die Hemmung einer Gesellschaft durch das Ausbringen von gesundheitsschädlichen Stoffen kann ein mögliches Mittel hybrider Kriegsführung zur Schwächung des Gegners in Szenaren der Zukunft sein. Dabei spielt die Bewertung, ob ein natürliches Geschehen oder ein mit militärischem/terroristischen Hintergrund intendiertes Handeln vorliegt, die entscheidende Rolle für die Reaktion.

Deutschlands Rolle in zukünftigen Szenaren ist nicht mehr die der möglichen Frontlinie im Kalten Krieg, sondern die Drehscheibe von Truppen sowie für Unterstützungs- und Versorgungsleistungen. Die Nachführung von Personal und Material ist ein besonders vulnerabler Punkt für das Gelingen von militärischen Aktionen. Die Minderung der Einsatzbereitschaft durch Fremdeinwirkung in Deutschland kann daher als wahrscheinlich angenommen werden.

Sollten diese hybriden Aktivitäten eine Gesundheitslage, ähnlich den aktuellen Bedingungen auslösen, so sind militärische Fähigkeiten allein nicht ausreichend für die Bewältigung des Geschehens. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr als Spezialist und Träger für medizinische Versorgung und Gesundheitsschutz in den Streitkräften besitzt für derartige Szenare besondere Fähigkeiten.

Die Erfahrung im Führen von komplexen Lagen bringt der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr ebenso mit ein wie fachliche Expertise im Gesundheitsschutz, klinische und ambulante Behandlungskapazitäten wie auch Forschungs-Know-how und die Fähigkeiten zur Herstellung und Lagerung von Arzneimitteln und Medizinprodukten. Seine Ressortforschungseinrichtungen im Bereich des ABC-Schutzes, der Toxikologie und Mikrobiologie sind weltweit anerkannt und wertvolle Instrumente zur Verifikation eines Ausbruchsgeschehens.

Doch dies alleine ist nicht hinreichend. Die durch SARS-CoV-2 verursachten Patientenzahlen zeigten schnell die Grenzen auch eines so hervorragenden Gesundheitssystems wie dem unseren auf. Die nicht zu unterschätzende Bedeutung von medizinischem Fachpersonal, von ausreichend Infrastruktur, Material und Vorratshaltung wurde sichtbar. Eine gesamtstaatliche, ressortgemeinsame Antwort ist daher die einzig gangbare Lösung.

Hier muss die Erfahrung aus der SARS-CoV-2 Lage eine Blaupause sein. Spezialistinnen und Spezialisten aus allen Ressorts haben sich eng abgestimmt. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat ein Verbindungselement im Bundesministerium für Gesundheit und im Robert Koch-Institut implementiert und war ebenfalls ansprechbar für die Bundesländer, hier im Besonderen für die Gesundheitsbehörden. Vor allem mit seinen fünf Bundeswehrkrankenhäusern hat der Sanitätsdienst der Bundeswehr, als integraler Bestandteil des zivilen Gesundheitssystems, an der Bewältigung des Patientenaufkommens mitgewirkt. Wir haben an Hot-Spots des Ausbruchsgeschehens wesentlich unterstützt. Diese Einzelleistungen, deren Wert nicht geschmälert werden soll, sind jedoch nur im Zusammenwirken komplementärer Fähigkeiten nachhaltig wirksam. Nur konzertierte gesamtstaatliche Leistungen können am Ende eine derartige Gesundheitslage eindämmen.

Deutlich wurde, dass unser Gesundheitssystem und die Gesellschaft stark beeinflussbar sind durch Gesundheitslagen dieses Ausmaßes. Gleichzeitige Cyberattacken auf das Gesundheitswesen würden die Reaktionsfähigkeit zusätzlich gefährlich beeinträchtigen.

“Nebenwirkungen” einer solchen Lage zeigen sich schnell in allen gesellschaftlichen Bereichen. Bürgerämter die nicht arbeiten, Kindergärten und Schulen die geschlossen bleiben und Gesundheitseinrichtungen am Rande der Belastungsgrenze. Durch eingeschränkte Produktion und Handel leidet die Wirtschaft; zur Vermeidung von Virusübertragungen wird das soziale Leben extrem eingeschränkt, geringere Familieneinkommen erschweren die Finanzierung zum Teil auch von Grundbedürfnissen in der Bevölkerung. Hieraus kann dann schnell eine politische Krise erwachsen.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik ist wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz der politischen Vorgaben und daraus resultierender Maßnahmen. Vor allem bei hybriden Bedrohungen ist dies die Basis für eine handlungsfähige, wehrhafte und damit resiliente Gesellschaft.

Der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Innerer wie Äußerer Sicherheit muss zukünftig deutlich stärker beachtet werden. Gerade bei kritischen Gesundheitslagen verschwimmen die Grenzen der beiden Sicherheitsbegriffe. Wichtige Lektion aus der aktuellen Lage ist schon heute: Jeglicher Lösungsansatz kann nur ressortgemeinsam, gesamtgesellschaftlich und häufig auch nur international gefunden werden.

Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner, Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, ist Verfasser des Gastbeitrages.

1 Kommentar

  1. Ob sich der Verfasser ganz sicher ist, dass das was gerade abläuft wirklich nur eine Blaupause ist?
    Das absehbare Ergebnis ist wohl ausreichend katastrophal für die “westliche” Welt und wenn es eine minimale Lernfähigkeit in Europa und Nord-Amerika geben sollte ist diese Nummer nicht wiederholbar.
    Zumindest China dürfte auch keinen Bedarf haben, so etwas zu wiederholen: Als Wirtschaftsmacht wird ihm wohl auf lange Zeit niemand mehr die Spitzenposition streitig machen können.
    Wenn China seine Bargeldreserven auf den Markt wirft, können sowohl Europa wie auch die USA ihr Geld nur noch zum Heizen benutzen – sofern es ausreichend Papiergeldreserven gibt!

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