Ganz Europa als digitaler Heimatmarkt

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Setzt sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen dafür ein, dass junge Digitalunternehmen in Europa zu den neuen Global Playern heranwachsen können: Der Chief Innovation Officer von EIT Digital, Chahab Nastar. (Foto: BS/EIT Digital)

Im Bereich digitaler Start Ups geht es in der unmittelbaren Gründungsphase häufig schnell bergauf oder ebenso schnell bergab. So sind knapp 70 Prozent der jungen Unternehmen laut einer Studie der Universität Witten/Herdecke nach den ersten fünf Jahren schon wieder Geschichte. Hat ein Start Up diese erste kritische Phase jedoch erfolgreich hinter sich gelassen und eine Identität mit marktreifem Produkt und ersten Investoren für sich geschaffen, stößt das Wachstum häufig durch fehlende Kontakte in den internationalen Markt an seine Grenzen. Um an dieser Stelle für eine bessere Marktdurchdringung über die innereuropäischen Grenzen zu sorgen, veranstaltet EIT Digital, der digitale Arm des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT), die jährliche EIT Digital Challenge. Mit dem Ziel, die digitale Entwicklung Europas voranzutreiben, geht man dabei bewusst einen Schritt weiter als herkömmliche Wettbewerbsformen für junge Unternehmen, erklärt Chahab Nastar, Chief Innovation Officer (CIO) von EIT Digital, im Interview mit dem Behörden Spiegel. Die Fragen stellte Wim Orth.

Behörden Spiegel: Herr Nastar, die EIT Digital Challenge setzt ihren Fokus nicht auf Start Ups, sondern auf Scale Ups. Was ist der Gedanke hinter diesem eher ungewöhnlichen Ansatz?

Nastar: Wir bei EIT Digital sind grundsätzlich der Überzeugung, dass auch Europa in der Lage sein muss, global agierende und marktbeherrschende Digitalunternehmen hervorzubringen. Für solche Erfolgsgeschichten gibt es bislang noch viel zu wenige Beispiele. Abseits von dem Ausnahme-Player SAP und dem vergleichsweise jungen Erfolg von Spotify kommt erstmal nicht mehr viel an global aktiven Digitalunternehmen aus Europa. Mit unserem Wettbewerb wollen wir möglichst viele Unternehmen identifizieren, die ein ähnliches Potenzial wie SAP und Spotify mitbringen, sich zu einem Global Player zu entwickeln. Für ein solches Potenzial braucht es aber schon ein spezielles Produkt mit einem bestimmten Konzept bezüglich Marktfokus, Preisgestaltung und so weiter. Im Optimalfall suchen wir daher Scale Ups, die in ihrem lokalen Markt bereits erfolgreich sind und nun einen Einstieg in den gesamteuropäischen Markt suchen, um weiter wachsen zu können. Dabei haben wir insgesamt fünf Felder identifiziert, die für Europa wichtig sind: Digitale Städte, digitale Industrie, digitale Gesundheit, digitales Finanzwesen und abschließend Digital Tech. Das letzte Feld umfasst dabei sämtliche Kerntechnologien wie Netzwerktechnik, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, aber auch Cyber-Sicherheit. All diese Technikfelder sehen wir gleichberechtigt nebeneinander und alles, was wir tun, sowie alle Akteure, die wir unterstützen, arbeiten auf innovative Weise in einem dieser Felder.

Um nun in diesen Bereichen nachhaltig und vor allem zügig voranzukommen, fokussieren wir uns auf Scale Ups, die eben schon den entscheidenden Schritt weiter sind. Wir könnten natürlich auch mit Start Ups arbeiten, aber für uns als paneuropäische Organisation wäre dieser Ansatz extrem langwierig, denn Start Ups müssen sich normalerweise erstmal in ihrem regionalen Markt finden und bewähren. Außerdem gibt es bereits in allen Ländern Europas lokale und regionale Accelerator- und Incubator-Programme, die an die örtlichen Gegebenheiten angepasst sind. Daher sehen wir unsere Rolle vor allem in der paneuropäischen Vernetzung der Akteure sowie in der Unterstützung der Unternehmen im europäischen Markt.

Behörden Spiegel: Da Scale Ups aus denjenigen Start Ups heranwachsen, die die größte Chance für den Marktdurchbruch mit sich bringen, sind sie auch besonders wertvoll für die Gesellschaft. Wie konnten die Sieger der vergangenen Jahre die Gesellschaft durch ihre Innovationen voranbringen?

Nastar: Wir haben eine Reihe von Unternehmen in unserem Wettbewerb gehabt, die sich in Europa bereits einen gewissen Namen machen konnten. Aus Deutschland haben wir beispielsweise das Unternehmen Konux, das die allererste EIT Digital Challenge im Jahr 2014 für sich entscheiden konnte und das mittlerweile führend im Bereich der Predictive Maintenance bei industriellen IoT-Produkten ist. Mit speziellen KI-unterstützten Sensoren, die auf das Monitoring von Industrieteilen im Bahnsektor zugeschnitten sind, können sie errechnen, wann ein Teil ausgetauscht oder repariert werden muss. Gerade im Dezember erst hat das Unternehmen zum wiederholten Mal eine Ausschreibung der Deutschen Bahn für die Zustandsüberwachung der Weichen im Gleisnetz gewonnen. Mit diesem Konzept ist Konux inzwischen auf über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen und konnte mittlerweile in mehr als 110 Millionen Euro an Investorengeldern sammeln.

Die Digitalisierung der europäischen Industrie und der Infrastrukturen ist ein zentraler Fokuspunkt für die Zukunft, sodass sich gerade aus diesem Bereich viele Unternehmen in den Top Fünf der vergangenen EIT Digital Challenges finden. Ein weiteres Beispiel aus der digitalen Industrie mit großem Mehrwert für die Gesellschaft ist Medicus AI aus Wien, die eine Software entwickelt haben, die die Ergebnisse von Bluttests erklären und interpretieren kann. Zudem kann das Produkt anschließend Ernährungs- und sonstige Tipps für ein gesünderes Leben geben. Sie sehen also, wir haben es mit innovativen Akteuren aus allen Branchen zu tun, die für die Gesellschaft relevant sind.

Behörden Spiegel: Am Ende der 2020er Ausgabe der Digital Challenge standen fünf Sieger, davon wieder ein Unternehmen aus Deutschland. Mit welchen innovativen Ideen konnten sie die Jury von sich überzeugen?

Nastar:  Trotz der schwierigen Umstände war die Ausgabe des Jahres 2020 ein großer Erfolg, denn insgesamt haben sich 403 Unternehmen aus ganz Europa beworben. Aus diesen Scale Ups haben wir dann eine Vorauswahl von 20 Finalisten getroffen, bevor unsere Jury anschließend die fünf Gewinner aus den Bewerbungen ausgewählt hat.

Den ersten Platz konnte sich dabei das Unternehmen Deepomatic aus Paris sichern. Das Scale Up hat eine Plattform für Visuelle Automation aufgebaut, mit der sich die Kunden der Firma eine jeweils eigene Anwendung für die Arbeit in ihrem Feld bauen können, ohne selbst etwas programmieren zu müssen. Mithilfe von KI-gestützter Computer Vision ist die individuell erstellte Software anschließend in der Lage, aus Bildern oder Videos die wichtigen Informationen herauszulesen, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter proaktiv anzuleiten, was zu tun ist. So kann die Software beispielsweise im Bereich der Telekommunikationsinstallationen erkennen, wo falsche Kabel gesteckt sind oder ob Kabel defekt sind und ausgetauscht werden müssen. Dies wird dem Techniker in Echtzeit mitgeteilt, sodass sofort klar ist, wo der Fehler im System liegt. In einer weiteren Variante erkennt das Programm zudem in Parkhäusern, wenn Diebstähle begangen werden, Menschen um Hilfe rufen oder die Kamera verdeckt wurde, um ein Verbrechen zu vertuschen. Und all das mithilfe von Künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzen.

Und auch 2020 hatten wir wieder ein deutsches Unternehmen in den Top Fünf, und zwar Targomo aus Berlin. Die Software von Targomo liefert Hilfe bei der Standortsuche für Unternehmen. Wenn sich Unternehmen beispielsweise fragen, wo sie ein neues Geschäft oder ein neues Restaurant eröffnen sollen – für Behörden wäre beispielsweise die Frage nach dem Standort für eine neue Schule, eine Polizeiwache oder ein Krankenhaus relevant –, liefert die Software Simulationen für den Use Case bis hin zu Prognosen bezüglich möglicher Umsätze oder der Verkehrsanbindung für verschiedene Standorte. Auf Grundlage von vorliegenden Daten und in Zusammenarbeit mit KI-Systemen werden eine ganze Reihe von Datenquellen analysiert und zusammengefügt. Anschließend werden die Ergebnisse auf digitalen Karten feingliedrig visualisiert und zeigen die Pros und Contras für verschiedene Möglichkeiten. Da die Frage nach dem Standort für fast alle Bereiche in Behörden- und Wirtschaftswelt so zentral ist, sehen wir für das Unternehmen eine große Zukunft.

Behörden Spiegel: Ihr Support für die siegreichen Scale Ups endet nicht mit dem Finale der Challenge und der Auszahlung des Preisgeldes. Wie unterstützen Sie die Scale Ups auf ihrem weiteren Wachstumspfad?

Nastar: Dieser Ansatz war uns von Anfang an ganz wichtig. Es sollte kein Wettbewerb sein, an dessen Ende man einfach einen Preis gewinnt und dann geht man nach Hause und alles ist vorbei. Zwar gewinnt nur der Sieger ein Preisgeld in der Höhe von 100.000 Euro, aber die ersten fünf Plätze werden in den EIT Digital Accelerator aufgenommen und durch ein maßgeschneidertes Wachstumsprogramm unterstützt, das unter anderem Investorensuche und Kundenakquise beinhaltet. Dabei wollen wir vor allem helfen, grenzüberschreitende Kontakt zu knüpfen, also ein Wachstum auch abseits des Heimatlandes möglich zu machen. Das ist für uns das Schlüsselziel, denn die jeweiligen nationalen Heimatmärkte in den europäischen Ländern sind meist zu klein für digitale Unternehmen. Daher braucht es einen grenzüberschreitenden Ansatz, in dem die Scale Ups ganz Europa als ihren Heimatmarkt begreifen, um nachhaltig und international erfolgreich sein zu können.

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