Zentrale Einsatzkoordination aus Köln

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Kriminaldirektor Michael Esser leitet die BAO Berg im Polizeipräsidium Köln. In seiner Einheit, deren Mitarbeiter gegen sexuellen Kindesmissbrauch kämpfen, waren zeitweise bis zu 400 Beschäftigte im Einsatz. (Foto: BS/Polizei Köln)

Viele seiner Mitarbeiter müssen sich tagtäglich schreckliche Bilder anschauen und Aufnahmen auswerten, auf denen Kinder zum Teil schwerst sexuell missbraucht werden. Darunter befinden sich teilweise sogar Säuglinge und Kleinkinder. Die Rede ist von Michael Esser. Der Kriminaldirektor leitet die BAO Berg im Kölner Polizeipräsidium. Vor welchen Herausforderungen und Problemen seine Kollegen und er bei ihrer Arbeit stehen, erläutert Esser im Gespräch mit dem Behörden Spiegel. Die Fragen stellten Uwe Proll und Marco Feldmann.

Behörden Spiegel: Herr Esser, was genau ist die BAO Berg und seit wann gibt es sie?

Michael Esser: Die BAO Berg ist am 30. Oktober 2019 im Polizeipräsidium Köln eingerichtet worden. Ausgangspunkt war ein Kindesmissbrauchsverfahren in Bergisch Gladbach, wo der erste Beschuldigte identifiziert und festgenommen wurde. Dann stellte sich recht schnell heraus, dass er viele Gleichgesinnte hatte. Innerhalb weniger Tage wurden durch die zuständige Kreispolizeibehörde im Rheinisch-Bergischen Kreis mehrere weitere Verdächtige identifiziert, nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Daraufhin entschied unser Innenministerium, dass der Fall durch uns in der Kriminalhauptstelle im Polizeipräsidium Köln zu bearbeiten sei. Wir sind als personalstarke Behörde und vom Aufgabenzuschnitt her besser auf die Bearbeitung solcher Fälle ausgerichtet.

Behörden Spiegel: Was geschah dann?

Esser: Da auch wir schnell merkten, dass es weitere Beschuldigte geben würde, haben wir die Ermittlungsgruppe aus Bergisch Gladbach bei uns integriert und eine “Besondere Aufbauorganisation” gegründet, die BAO Berg. Diese Einheit ist losgelöst von der “Allgemeinen Aufbauorganisation” und mehr als eine “normale” Ermittlungskommission. Wir wurden vom Innenministerium mit der landesweiten Einsatzführung in diesem Verfahrenskomplex gegen sexuellen Kindesmissbrauch beauftragt. Vom Polizeipräsidium Köln aus findet seitdem eine zentrale Einsatzkoordination mit bis zu 14 zeitgleichen Einsatzabschnitten im ganzen Land statt.

Behörden Spiegel: Wie viele Mitarbeiter hatte und hat Ihre BAO?

Esser: Angesichts der großen Dimensionen waren zeitweise bis zu 400 Mitarbeiter in der BAO Berg, die in dieser Form bundesweit bislang einmalig ist, zeitgleich tätig. Für diesen Einsatz gab es keine Blaupause, weshalb wir zum Beispiel Datenbanksysteme fortentwickelt und in der neuen Form hier erstmals zum Einsatz gebracht haben. Nichtsdestotrotz hat uns die Auswertung der riesigen zu analysierenden Datenmengen auch immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Um diese bewältigen zu können, hat uns das Innenministerium einen eigenen Server bereitgestellt.

Behörden Spiegel: Wie wählen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus?

Esser: In der Auswertung und Analyse von Missbrauchsbildern sind nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig, die das freiwillig machen. Denn in diesem Bereich ist die psychologische Belastung am höchsten. Dabei handelt es sich größtenteils um Kriminalbeamte. Wenn sie das nicht mehr machen wollen, müssen sie das nicht weiter begründen. Dann werden sie sofort in anderen Bereichen eingesetzt. Da die BAO Berg sehr schnell eingerichtet werden musste, konnten wir keine Auswahlverfahren durchführen, sondern mussten auf bereits vorhandenes Personal zurückgreifen.

Behörden Spiegel: Was tun Sie, um Ihre Mitarbeiter zu entlasten?

Esser: Wir versuchen das Arbeitsumfeld so angenehm wie möglich zu gestalten. Außerdem machen wir keine Bild- und Videoauswertungen in Einzelbüros, sondern in Großraumbüros. Da ist ein Austausch zwischen den Kolleginnen und Kollegen möglich, der den einzelnen Mitarbeiter psychisch entlasten kann. Außerdem haben wir die Schichtlänge in der Auswertung verkürzt und mit großzügigen Pausenregelungen versehen. Des Weiteren bieten wir den Kolleginnen und Kollegen Sport-, Entspannungs- und interne und externe psychologische Unterstützungsangebote sowie Supervisionen an. Zu Beginn der BAO haben wir auch einen separaten Essensbereich abseits der eigentlichen Kantine geschaffen, damit sich die Kollegen über das an den Auswerterechnern Erlebte austauschen können. Das hat viele Entlastungsmomente gebracht. Nichtsdestotrotz mussten einige Kollegen klinisch behandelt werden.

Behörden Spiegel: Wie fällt Ihre bisherige Erfolgsbilanz aus?Esser: Wir haben bisher mehr als 50 Kinder aus den Händen ihrer Peiniger befreit und mehr als 330 Tatverdächtige identifiziert. Dabei haben wir Bezüge ins europäische und außereuropäische Ausland feststellt. Im Ausland haben wir jedoch weniger Tatverdächtige ermittelt als in Deutschland.

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