Eine kurze Geschichte der Translatologie

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(Foto: Suzy Hazelwood, pexels.com)

Kommunikation, Wissenstransfer und Kulturtransfer: Unter diesen drei Begriffen können die Bedeutung der Übersetzungswissenschaft und deren Geschichte zusammengefasst werden. Translationen sind, um mit Eugene A. Nida und Charles R. Taber zu sprechen, Übertragungen in andere Sprachen, wobei auch der Stil von Texten oder Sätzen in die Zielsprache vermittelt werden muss, damit der Empfänger diese in ihrer ganzen Bedeutung versteht. Die Geschichte der Translatologie wiederum ist eine Entwicklungsgeschichte hin zu diesem Ideal. 

Übersetzungen sind selbstredend nur mit der Existenz von Schrift denkbar und somit beginnt die Geschichte der Translatologie nach heutigem Wissenstand um 5300 v. Chr., dem Zeitraum, auf den die ältesten Schriftexemplare datiert werden. Wie anhand des berühmten Steins von Rosette, der auf 196 v. Chr. zurückgeht, zu ersehen ist, bezogen sich Übersetzungen bis in die Neuzeit hinein oft auf religiöse Schriften (beim Stein von Rosette handelte es sich um ein Priesterdekret in Ägyptisch und Griechisch; u.a. mithilfe dieses Fundes konnten die Hieroglyphen entschlüsselt werden). Diesen Sachverhalt untermauert auch die Bedeutung der Septuaginta als ältester durchgehender Bibelübersetzung, die auf 247 v. Chr. datiert wird, und die epochale Tragweite der lateinischen Übersetzung der Bibel durch Sophronius Eusebius Hieronymus (347 bis 420 n. Chr.). Diese war unter der Bezeichnung „Vulgata“ wegweisend für die römisch-katholische Kirche. Hieronymus zählt heute zu den vier Kirchenvätern und ist überdies der Schutzheilige der Übersetzer. 

Einen Schritt weiter als die Übersetzer vor ihm ging der christlich-arabische Gelehrte Abū Zayd Hunain ibn Ishāq al-ʿIbādī, der auch unter dem lateinischen Namen Johannitius bekannt war und als Begründer der wissenschaftlichen Übersetzungskunst gilt. Im Rahmen des 830 n. Chr. in Bagdad begründeten „Hauses der Weisheit“ befasste er sich mit der Übertragung antiker Manuskripte der griechischen Wissenschaften. Er prägte dabei eine Übersetzungsmethode, die über das wörtliche Übersetzen hinausging und als konzeptionelles Übersetzen bekannt ist. Dank ihm und seinem Umfeld sind diese antiken Texte erhalten geblieben. 

Auch Martin Luther mit seiner bahnbrechenden Translation der Bibel ins Volksdeutsche verließ im 16. Jahrhundert das sture wörtliche Übersetzen und betonte in seinen Thesen, dass es beim Übersetzen darum geht, den Sinn eines Textes zu begreifen und ihn so zu übertragen, dass der Empfänger ihn vor dem eigenen kulturellen Hintergrund versteht. Er hatte somit die Methode des interpretierenden Übersetzens geschaffen – eine Vorgehensweise, die an der heutigen Definition einer hochwertigen Übersetzung bereits nahe dran war. Das kommunikative Moment und der Wissens- und Kulturtransfer als grundlegende Ziele von Translationen scheinen hier bereits deutlich durch.

Kommunikation, Wissens- und Kulturtransfer waren auch große Themen vieler Romantiker, die sich darum bemühten, den Wechselbeziehungen nationaler Sprachen auf die Spur zu kommen und diese anderen zugänglich zu machen. Exemplarisch sind hierfür das „Wörterbuch der serbischen Sprache“ der Gebrüder Grimm oder die begonnene Shakespeare-Übersetzung von Friedrich Schlegel, einem der führenden Köpfe der romantischen Bewegung, die an der Wende zum 19. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte. Mit ihrem Interesse an fremdsprachigen Literaturen schufen die Romantiker gleichzeitig den Beruf des literarischen Übersetzers. Tagesaktuell gipfelt diese Entwicklung online, in einem Wörterbuch für Übersetzer.

Diese Anwendung der Übersetzungskunst auch auf nicht-religiöse Themen brach sich im 20. Jahrhundert endgültig Bahn. Mit den immer enger werdenden internationalen Beziehungen und dem steigenden Bedarf an weltweitem Wissenstransfer umfassten Translationen schließlich alle Lebensbereiche. Somit entstand die selbständige Disziplin Übersetzungswissenschaft, die Translationen als professionelle Dienstleistungen begreift. Lokalisierung ist hierbei das große Stichwort, was nichts anderes bedeutet, als Texte der Zielgruppe und dem kulturellem Kontext eines Landes anzupassen – eine Entwicklung, die in Luther ihren Vorläufer hat. Angesichts dieser hohen Anforderungen an Übersetzungen heutzutage ist zu Recht von „Übersetzungskunst“ die Rede – denn es ist tatsächlich eine Kunst zwischen dem Originaltext und den Anforderungen der Leserschaft zu vermitteln.

Der Autor des Gastbeitrags ist Jonas Wagner vom Zentrum für Internationale Sprachdienstleistungen.

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