Wer will weiterdienen?

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Die Attraktivität des Dienstes konnte in den vergangenen Jahren gesteigert werden. (Foto: BS/Bundeswehr/Marco Dorow)

Zur Deckung des Personalbedarfs der Bundeswehr ist es neben der Gewinnung von zahlenmäßig ausreichendem und adäquat qualifiziertem Personal essenziell, Soldatinnen und Soldaten auf Zeit (SaZ) für eine langfristige Perspektive bei der Bundeswehr als Berufssoldat (BS) zu interessieren. Eine Studie zur Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber zeigt auf, wodurch die Personalbindung bei dieser Gruppe beeinflusst wird.

Der Einstieg in eine Karriere bei der Bundeswehr findet heute nach Aussetzung der Wehrpflicht 2011 vor allem über eine Verpflichtung als Freiwillig Wehrdienstleistende(r) (FWDL) oder als Soldatin bzw. Soldat auf Zeit (SaZ) statt. Der Verpflichtungszeitraum bei SaZ reicht dabei von vier bis 25 Jahre. In der Bundeswehr dienen mit Stand Dezember 2020 insgesamt 183.777 Soldatinnen und Soldaten. SaZ bilden mit ca. 66 Prozent die größte Gruppe.

Mit einer dritten, bundeswehrrepräsentativen Umfrage wurde 2020, wie schon in den Jahren 2013 und 2016 zuvor, die Evaluation der Maßnahmen der 2014 ins Leben gerufenen Agenda „Bundeswehr in Führung – Aktiv. Attraktiv. Anders.“ weitergeführt. Die vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) durchgeführte postalische Befragung fand im Zeitraum 3. Februar bis 6. März 2020 statt, also noch bevor die Corona-Krise in Deutschland spürbar angekommen war und als solche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Während 2013 39 Prozent der Bundeswehrangehörigen der Meinung waren, dass die Bundeswehr ein attraktiver Arbeitgeber ist, waren es 2016 59 Prozent, und 2020, also sechs Jahre nach Beginn der Attraktivitätsoffensive, sind es 68 Prozent. Das macht einen Anstieg von 2013 auf 2020 um 29 Prozentpunkte aus.

Wie entwickelte sich die Personalbindung bei SaZ und welche Gründe sprechen für oder gegen ein längerfristiges Engagement beim Dienstherrn? Für die Analyse standen die Antworten von 1.578 SaZ im Jahr 2020 und von 1.344 SaZ im Jahr 2016 zur Verfügung. Alle SaZ wurden gebeten anzugeben, ob sie ihre Dienstzeit über das derzeit festgesetzte Ende hinaus verlängern wollen. Im Erhebungsjahr 2020 antworteten elf Prozent, dass sie als SaZ verlängern möchten (2016: 19 Prozent), 41 Prozent möchten BS werden (2016: 30 Prozent), 25 Prozent haben sich noch nicht entschieden (2016: 22 Prozent) und 24 Prozent antworteten, dass sie weder verlängern noch BS werden möchten (2016: 30 Prozent). Das bedeutet erstens, dass die Anzahl derer, die sich explizit gegen eine weitere Karriere bei der Bundeswehr entscheiden, seit 2016 um 6 Prozentpunkte zurückgegangen ist und zweitens, dass die Anzahl der Unentschiedenen um drei Prozentpunkte leicht angestiegen ist. Drittens wollen heute insgesamt 52 Prozent der SaZ weiterhin Dienst leisten – 2016 waren es nur 49 Prozent. Innerhalb dieser Gruppe haben jedoch merkliche Verschiebungen stattgefunden. Der Anteil derjenigen, die BS werden wollen, steigt um elf Prozentpunkte, der Anteil derjenigen, die als SaZ verlängern wollen, fällt dagegen um acht Prozentpunkte.

Wo kann die Personalarbeit in der Bundeswehr ansetzen, d.h. wo unterscheidet sich die Motivlage der an ihren Dienstherrn gebundenen und nicht gebundenen SaZ? Eine eher untergeordnete Rolle spielen dabei die in der Motivationspsychologie so bezeichneten Existenzbedürfnisse. Man bleibt nicht bei der Bundeswehr wegen der Arbeitsplatzsicherheit, den Sozialleistungen und sogar nicht wegen der Bezahlung. Eine Mittelposition nehmen sogenannte soziale Bedürfnisse ein, die militärtypische Kameradschaft, die Nähe des Dienstortes zum Lebensmittelpunkt oder das Verhältnis zu Vorgesetzten. Die entscheidenden Bindungsfaktoren sind jedoch klassische Wachstumsbedürfnisse, d.h. bei einem angesehenen Arbeitgeber tätig sein zu können, sich persönlich und beruflich weiterentwickeln zu können sowie ein mit dem Dienstherrn übereinstimmendes Wertesystem zu haben.

In der Bevölkerung wird dies bemerkenswerterweise anders gesehen. Dort herrscht die Meinung vor, dass gerade eine gute und höhere Entlohnung die geeignetste Maßnahme zur Steigerung der Attraktivität der Bundewehr sei. Zu diesem Ergebnis kommt die jährlich durchgeführte Bevölkerungsbefragung des ZMSBw zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbild für das Jahr 2016, bei der ein Schwerpunkt auf die Attraktivitätswahrnehmung der Bundeswehr gelegt wurde.

Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie ist jedoch nicht abzusehen, ob und wie sich ggf. die berufliche Bedürfnisstruktur der SaZ ändern könnte. Es ist denkbar, dass klassische Existenzbedürfnisse wieder eine Bedeutungsrenaissance erfahren.

Dr. Gregor Richter, Wissenschaftlicher Direktor, ist Projektleiter am ZMSBw, ist Verfasser des Gastbeitrages. Die Ergebnisse der Studie sind als Forschungsberichte auf der Seite www.zmsbw.de abrufbar.

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