Außenpolitik im 21. Jahrhundert

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"Um erfolgreich zu sein, muss diplomatisches Wirken Kompromisse und Vertrauensbildung mit Verbündeten und Gegnern gleichermaßen anstreben,“ sagen Mirko Kruppa, Vorsitzender des Personalrates im Auswärtigen Amt, sowie Kenneth Kero-Mentz, Generalsekretär bei der American Foreign Service Association (AFSA) im US-amerikanischen Außenministerium. (Foto: Geralt, pixabay.com)

Die internationalen Beziehungen ändern sich rasant angesichts komplexer Herausforderungen, ihres Entwicklungstempos und der Anzahl globaler Akteure auf der internationalen Bühne. In unserer hochintegrierten Welt verstehen die Menschen, dass globale Trends ihr tägliches Leben beeinflussen. So kann internationaler Wettbewerb zu Veränderungen der Volkswirtschaften, der Umwelt oder im Verbraucherschutz führen. Dies trägt bei zu wachsender Skepsis gegenüber der Globalisierung und sogar der Demokratie. Als Reaktion fordert eine neue und gefährliche Welle des Autoritarismus und des Unilateralismus die multilateralen Friedens- und Sicherheitsstrukturen heraus.

Die diplomatischen Dienste der Vereinigten Staaten und Deutschlands stehen bereit, auf diese Herausforderungen dynamisch mit all unseren diplomatischen Fähigkeiten zu reagieren, aber Reformen sind notwendig. Um erfolgreich zu sein, muss unser diplomatisches Wirken Kompromisse und Vertrauensbildung mit Verbündeten und Gegnern gleichermaßen anstreben. Unsere diplomatischen Bemühungen müssen agiler werden, um unseren flinkeren Kollegen aus autokratischen Regimen zu begegnen, die auf kurzfristige taktische Erfolge fixiert sind.

Unsere Diplomaten müssen befähigt sein, schnell zu handeln, um eine friedlichere, gerechtere und erfolgreichere Welt für alle zu sichern. Zunehmende Vielfalt innerhalb unserer Dienste und eine bessere Nutzung all unserer Beschäftigtenpotentiale können unsere Glaubwürdigkeit stärken und sicherstellen, dass wir unsere Mission im Namen unserer Regierungen und der pluralistischen Gesellschaften erfüllen, die wir auf der globalen Bühne vertreten.

Neue Karrierepfade erforderlich

Komplexe Themen wie Klimawandel, Internet-Governance oder die Verbreitung von Atomwaffen sind für die Außenpolitik von wachsender Bedeutung. Um diesen Themen besser begegnen zu können, müssen traditionelle diplomatische Karrierewege, die auf Standardrotationen von zwei bis drei Jahren basieren, einhergehen mit Karrierepfaden, auf denen sich einige von uns auf diese komplexen Fragen spezialisieren können. Befristete Entsendungen und der Austausch mit anderen staatlichen Institutionen könnten unseren Berufsdiplomaten neue Perspektiven für ihre berufliche Entwicklung bieten und ihnen ermöglichen, systematisch Kernkompetenzen in diesen Schlüsselbereichen aufzubauen.

Wir brauchen ein berufslanges Aus- und Weiterbildungsprogramm, das durch eine Reservekapazität für Ausbildungsplätze getragen wird – wie beim US-Militär praktiziert oder im deutschen Gesetz über den Auswärtigen Dienst (§6 GAD) vorgeschrieben (aber noch nicht umgesetzt). Kurz gesagt, wir brauchen ein Karriereentwicklungssystem, das es Diplomaten ermöglicht, ihren eigenen Karriereentwicklungspfad selbst zu gestalten und gleichzeitig sicherzustellen, dass dabei die Bedürfnisse des Dienstes erfüllt werden.

Als nächstes müssen wir unsere Managementpraktiken modernisieren, bürokratische Hürden beseitigen und es unseren Diplomaten so ermöglichen, durch geschicktes Handeln globalen Herausforderungen begegnen zu können. Das deutsche und das US-amerikanische diplomatische Korps haben immer noch langwierige und kreativitätshemmende Bürokratien mit steifen Hierarchien, die unsere Fähigkeit beeinträchtigen, die Ziele unserer jeweiligen Regierungen tatsächlich zu erreichen. Autokratischen Regimen mangelt es an öffentlicher Rechenschaftspflicht oder gesetzlicher Kontrolle und sie können Ad-hoc-Initiativen schnell koordinieren, was uns alt aussehen lässt. Unsere Auswärtigen Dienste müssen auf agilem Teamwork aufbauen, während sie den demokratischen Werten unserer pluralistischen Gesellschaften verpflichtet bleiben.

Schnellere Entscheidungsprozesse notwendig

Daher brauchen wir schnelle Entscheidungsprozesse mit weniger Freigabeebenen, bevor wir Außenminister oder Staatssekretäre damit erreichen. Als Verteidiger der multilateralen Weltordnung müssen wir in der Lage sein, Strategien wie Eskalationsdominanz und/oder reflexive Kontrolle flink entgegenzuwirken, um so sicherzustellen, dass lokale Öffentlichkeit und Gastregierungen informiert und mobilisiert werden.

Das Leben eines Diplomaten ist herausfordernd, insbesondere auch für die vielfältigen Familien, die wir auf unsere Posten in der ganzen Welt mitbringen, für Kinder, (Ehe-)Partner und manchmal sogar Eltern. Unsere Außenministerien sollten Berufsperspektiven für unsere Partner formalisieren und sicherstellen, dass ihre Stärken und Kenntnisse beim Wechsel von Posten zu Posten gewürdigt und belohnt werden. Es (Ehe-)Partnern systematisch zu ermöglichen auch im Ausland zu arbeiten, in den Bereichen Verwaltung oder Entwicklungshilfe, Journalismus oder Kultur, Forschung oder Bildung, würde nicht nur weiteres Fachwissen und frische Netzwerke zu den diplomatischen Bemühungen der “gesamten Auslandsvertretung” hinzufügen. Es würde auch die Attraktivität unseres diplomatischen Dienstes für neue Bewerber mit unterschiedlichen persönlichen Hintergründen stärken. Daher wären die Finanzierung und Institutionalisierung eines diplomatischen Reservekorps sowohl für unsere Familien als auch für unseren diplomatischen Auftrag ein wichtiges Instrument.

Diplomaten sind im 21. Jahrhundert für jede Regierung unverzichtbar, und wir können noch hilfreicher sein, wenn wir von einem modernen Arbeitsumfeld motiviert und unterstützt werden. Wir dienen loyal unseren gewählten Mandatsträgern, unseren Nationen und unseren Mitbürgern. Aktuell stehen wir vor dem unbestreitbaren Bedarf, uns wiederzubeleben, zu reformieren und neu zu definieren. Der Erfolg wird von einem überparteilichen Konsens innerhalb unserer Gesellschaften und unserer Regierungen abhängig sein, um all jene politischen und budgetären Unterstützungsleistungen zu sichern, die für einen modernen, attraktiven und auf Vielfalt ausgerichteten diplomatischen Dienst nötig sind. Als Vertreter unserer jeweiligen Auswärtigen Dienste glauben wir, dass die Zeit in diesem Sinne Maßnahmen zu ergreifen jetzt gekommen ist.

Die Verfasser des Gastbeitrages sind Mirko Kruppa, Vorsitzender des Personalrates im Auswärtigen Amt, sowie Kenneth Kero-Mentz, Generalsekretär bei der American Foreign Service Association (AFSA) im US-amerikanischen Außenministerium.

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