Woran hapert die Impforganisation?

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Im Vergleich zu anderen Staaten ist Deutschland beim Impfen nur Mittelmaß. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zur Impforganisation in Deutschland diskutierten: (im Uhrzeigersinn) Dr. Johannes Richert, Dipl.-Med. Ingrid Dänschel, Heiko Rottmann-Großner und Gabriele Hörl. (Foto: BS/Klawon)

Täglich wandert der besorgte Blick auf zwei Zahlen vom Robert Koch-Institut (RKI): auf die Infektionszahlen des Corona-Virus und die Anzahl der verabreichten Corona-Schutzimpfungen. Während andere Staaten ordentlich Tempo bei den Impfungen machen, scheint die deutsche Impfaktion nicht in Gang zukommen.

Das viel genutzte Beispiel für eine erfolgreiche Impfkampagne, Israel, eignet sich nicht so gut zum Vergleich, da sich dieses Land in einem permanenten Konflikt befindet und deswegen komplett andere Strukturen vorherrschen, gibt Dr. Johannes Richert, Stellvertreter des Generalsekretärs und Bereichsleiter Nationale Hilfsgesellschaft vom Deutschen Roten Kreuz (DRK), zu Bedenken. Dennoch liegen die Impfzahlen in den USA oder in Chile deutlich über den deutschen. Zu Beginn der Pandemie wollten andere Staaten noch von Deutschland lernen, nun sei das nicht mehr der Fall, berichtet Dr. Richert. Doch woran hapert die Impforganisation in Deutschland?

Verfügbarkeit weiterhin Schlüsselfrage

Man muss sich einiges ins Lehrbuch für die künftigen Pandemien schreiben, zeigt sich Heiko Rottmann-Großner, Unterabteilungsleiter 61 “Gesundheitssicherheit” im Bundesministerium der Gesundheit (BMG), überzeugt. Dennoch hinge Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarländern nicht besonders hinterher. Ein Grund für die stockenden Impfaktion liege nach Rottmann-Großner in der gemeinsamen Beschaffung sowie der Verfügbarkeit, der Lagerung, der Verteilung und der Verabreichung der Impfstoffe. “Dies sind immer noch die Schlüsselfragen”, so Rottmann-Großner. Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, dass man zu spät Impfstoffe beschafft habe. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe zusammen mit anderen europäischen Kollegen die Beschaffungen sehr früh angestoßen. Problematisch waren die unterschiedlichen Interessen auf EU-Ebene. In Zukunft müsse mehr über sogenannte Kapazitätsvorverträge gesprochen werden. Auch eine frühere Einbeziehung von Hausärztinnen und -ärzte war nicht möglich, da lange nicht klar war, welcher Impfstoff das Rennen macht und ob Hausärzte diese Vakzine überhaupt lagern können. Auf dem Digitalen Katastrophenschutz-Kongress sprach sich deshalb Stephan Manke (SPD), Staatssekretär im niedersächsischen Innenministerium, für die Beschaffung des russischen Impfstoffs Sputnik V aus.

Abbau der Bürokratie gefordert

Aus der Sicht von Gabriele Hörl, Leiterin im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StMGP), gibt es einen Hauptgrund für den holprigen Impfstart. Es läge nicht an der Verwaltung oder mangelnden Infrastruktur, sondern es läge daran, dass zu wenig Impfstoff vorhanden sei. Man betreibe eine Mangelverwaltung, so Hörl. Sie sieht besonders die Pharmaunternehmen in der Pflicht. Ein weiteres hausgemachtes Problem in den Impfzentren seien die Bürokratie und Dokumentationspflicht.

Dem stimmt Dipl.-Med. Ingrid Dänschel, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Mitglied des Bundesvorstands des Deutschen Hausärzteverbands, zu. Sie fordert einen Abschied an die deutsche Gründlichkeit und dem Verlangen nach 100-prozentiger Sicherheit, stattdessen braucht es pragmatische Lösungen. Sie führt als Beispiel an, dass bei der Impfaufklärung in einem Impfzentrum sechs Unterschriften getätigt werden müssten. Hier muss schnell Abhilfe vom Gesetzgeber geschaffen werden.

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