Dinge ausprobieren und Diskussionen aushalten

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Wie könnten hybride, hyperattraktive, öffentliche Räume aus Verkehrsräumen entstehen? (Foto: BS, Pexels, pixabay.com)

Was tun mit Freiflächen – und woher bekommen wie diese überhaupt? Grünflächen in Städten sind rar und ungleich verteilt. Und dann sind da noch die Autos. “Corona hat sichtbar gemacht, wie wichtig der Zugang zu Freiräumen ist – auch außerhalb des Wochenendes,” erklärte Elisabeth Merk, Stadtbaurätin der Stadt München, in der zweiten Diskussionsrunde zur PostCorona-Stadt der Veranstaltungsplattform NeueStadt.org. In München gebe es den Ansatz kleinere Flächen miteinander zu verknüpfen und daraus durchgängige Grün- und Freiraumangeboten für Bewohner zu schaffen, ergänzte sie.

Die Bewohner hat auch der Mannheimer Verein POW e.V. im Blick. Auf einer ehemaligen Brachfläche im Stadtteil Neckarstadt – ein alter Parkplatz, der zu Angstraum und Gefahrenfläche wurde – wurden die Projekte “Alter” und “Oase” gegründet. Philipp Kohl, 1. Vorsitzender von POW e.V., erläuterte, dass es sich hier um eine Gegend mit vielen sozialen Problemen und hoher Wohnungsdichte handle. Durch gemeinwohlorientierte Flächennutzung konnte die ehemalige Brachfläche für die Bewohnerinnen und Bewohner der Neckarstadt nutzbar gemacht werden. Kunst, Kultur, Bildungsangebote, Sportgeräte und ein Kiosk.

“So wie wir Fläche betreiben nehmen es Leute als öffentlichen Raum wahr,” erzählt Kohl. “Es gibt keinen Konsumzwang, die Sportgerätenutzung ist unentgeltlich, es gibt keine Zäune. Es ist ein hyperattraktiver öffentlicher Raum – eine niedrigschwellige Gemeinwohlfläche.” Aus diesem Grund kämen unterschiedliche Gruppen der Stadtgesellschaft zusammen und hätten zwanglose Berührungspunkte, könnten sich austauschen, führt er aus.

Um gemeinwohlorientierten Nutzungen realisieren zu können, braucht es aber erst einmal öffentlichen Raum. Um dessen Neuverteilung in Zukunft immer mehr gestritten werden, prophezeit Christian Rauch, Leiter des Referats “Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr” des Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Es gebe nicht unbedingt Konsens über die letztendliche Nutzung einer Fläche und “nur durch hybride Nutzung kann neue Freifläche geschaffen werden,” um den verschiedenen Interessen gerecht zu werden. 

“Verteilungsfragen sind Frage der sozialen Gerechtigkeit, ” meint Miriam Dross, Fachgebietsleiterin „Nachhaltige Mobilität in Stadt und Land“ des Umweltbundesamts. Gerade in Stadtteilen mit hoher Bevölkerungsdichte und durchschnittlich niedrigen Einkommen seien laut Dross die Freiflächen rar und Umnutzen gestalten sich schwierig. “Viel Raum wird für Verkehr genutzt und das nicht besonders intelligent,” führt Dross aus. Straßenverkehrsordnung und Vorbehalte in der Bevölkerung machen demnach eine Umnutzung schwer umsetzbar. Da hilft nur: “Manchmal muss man mutig sein, Dinge ausprobieren und Diskussionen aushalten,” bis sich die Veränderungen durchsetzen. “Wir müssen uns vom Auto verabschieden,” meint auch Rauch und ergänzt, dass vielerorts bereits Straßen in Radwege umgewidmet werden.

Für einen solchen Wandel ist gerade die Zivilgesellschaft von großer Bedeutung. Kohl: “Eine wache Zivilgesellschaft kann günstige Momente der Instandhaltung und Umnutzung abpassen.” Dabei gebe es aber keinen Zeitpunkt, an dem eine Stadt fertig ist, alles befindet sich inständigem Wandel. Die Frage sei, mit welcher Geschwindigkeit wird der Wandel vorgenommen.

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