“Wir hatten eine interne Lage”

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Die Corona-Pandemie stellt nicht nur eine Gefahr für die körperliche Gesundheit dar, sondern belastet auch die psychische Gesundheit von Einsatzkräften enorm. (Foto: BS/Hermann Kollinger, pixabay.com)

“Wir hatten keine externe Lage. Wir hatten eher eine interne Lage”, zeigt sich Christian Kossmer, Zugführer und Mitglied des Corona-Krisenstabes an der Feuer- und Rettungswache der Feuerwehr Hamburg, mit Blick auf den Beginn der Corona-Pandemie überzeugt. Die Dauerbelastung der Krise könne seine Meinung nach nur effektiv und kreativ im Team bewältigt werden. Aber auch die psychosoziale Versorgung musste neugedacht werden.

Als Anfang März 2020 der Krisenstab bei der Hamburger Feuerwehr eingerichtet wurde, realisierte man schnell, dass die Schwierigkeit der Bewältigung weniger aufgrund von den fehlenden Rettungswagen oder Einsatzkräften entstand, sondern eher durch die internen Unwägbarkeiten, wie den ersten Corona-Fällen in den eigenen Reihen, den Quarantänemaßnahmen für die Wachabteilungen oder die psychosoziale Unterstützung von Kameradinnen und Kameraden. Die Krisenpläne und Handbücher für den Krisenstab, die zu Beginn aus den Schubladen gezogen wurden, halfen nicht weiter. Häufig waren diese veraltet oder nicht an die Lage angepasst, berichtet Kossmer auf dem 7. Symposium der Stiftung “Hilfe für Helferinnen und Helfer in den Feuerwehren” des Deutschen Feuerwehrverbands (DFV), welches in Kooperation mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) durchgeführt wurde.

Krisenstabsarbeit nicht nach Vorschrift und ohne Denkverbote

Die neuen Krisenpläne und Handlungsanweisungen mussten erst von der Unterstützungsgruppe, bei der Kossmer beteiligt war, erarbeitet werden. Im Sommer wurde zugunsten der Unterstützungsgruppe die Arbeit des eigentlichen Krisenstabes eingestellt und die Gruppe zum neuen Stab erhoben. “Durch diese Entscheidung haben wir wieder Ruhe in die eigenen Reihen reinbekommen”, erläutert der Hamburger. Einzig die Stabsbereiche S1 “Innerer Dienst” und S7 “Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV)” wurden in die neue Struktur übernommen. Bis auf den Stabsleiter gebe es flache Hierarchien und keine “Denkverbote”. Dies sei auch geboten, da viele Themen komplett neu für die Gefahrenabwehr seien. Nur im Steuerungskreis würden Prioritäten gesetzt werden. Es findet Problemlösung in kleinen Schritten statt. Durch die einerseits komplett neue Lage und der “Schwarmintelligenz” des neuen Stabes würde viel mehr Kreativität freigesetzt werden. Man sei entscheidungsfreudiger, so Kossmer.

Neben dem psychischen Druck sei das gleichzeitige Abarbeiten der Lagen und die Durchführung von Hygienemaßnahmen bei Einsätzen besonders fordernd. Zwar seien die Einsätze in der Pandemie weniger geworden, dauerten jedoch länger. Auch sei die soziale Belastung durch die Corona-Krise und die Begleiterscheinungen wie Homeschooling gestiegen. Dazu führte Kossmer als Zugführer in der Bereitschaftszeit auf der Wache Gespräche, um seinen Kolleginnen und Kollegen beizustehen.

Über 400 Betreuungsgespräche seit Pandemiebeginn

Um den gestiegenen Bedarf an PSNV zu begegnen, wurde in der Pandemie erst der Stabsbereich S7 etabliert. Volker Pietsch, auch Angehöriger der Feuerwehr Hamburg, ist maßgeblich bei der psychosozialen Notfallversorgung Einsatzbegleitung (PSNV-E) beteiligt. Die Einsatzbegleitung betreut in Hamburg neben den in Quarantäne befindlichen Kollegen der Berufsfeuerwehr, auch die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr sowie die Mitarbeiter der Vertragspartner, also der Hilfsorganisationen. Dabei können die Betroffenen über eine Hotline Kontakt aufnehmen oder die Einsatzbegleitung ruft die Betroffenen nach Einwilligung selbstständig an. Wie hoch der Bedarf an Gesprächen ist, zeigt ein Blick auf die von Pietsch erhobenen Zahlen. Er führte seit Beginn der Pandemie bis Ende April über 432 Gespräche mit über 181 Betroffenen. Dabei dauerte ein Gespräch im Durchschnitt knapp 80 Minuten. Die wiederkehrenden Themen seien Angst, selbst zu erkranken oder Angehörige anzustecken, Schuld, für eine Erkrankung eines anderen, oder auch organisatorische Probleme, die mit der Quarantäne aufkommen.

Schwierig – aber nicht anders möglich – sieht Pietsch die Gespräche nur über das Telefon und die fehlende Begleitung vor Ort. Ebenso müsse sich die PSNV im eigenen Haus immer wieder bei den Kollegen ins Gedächtnis rufen, weil die Einrichtung noch so frisch sei. Aber trotz aller Schwierigkeitenhätte sich die Einrichtung der S7, also der PSNV-E im Corona-Krisenstab, als bewährt.

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