Mehr Kompetenzen für Kommunen gefordert

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Diskutierten über Motorradlärm und Maßnahmen gegen ihn (von oben links im Uhrzeigersinn): Sonja Schuchter, Bennet Klawon (Moderation), Reiner Brendicke, Michael Jäcker-Cüppers und Michael Lenzen. (Screenshot: BS/Feldmann)

Zahlreiche deutsche Gemeinden sind aufgrund ihrer geografischen Lage massiv durch Motorradlärm belastet. Für die Anwohnerinnen und Anwohner von stark durch Zweiradfahrer beanspruchten Straßen kann das eine Belästigung und sogar eine Gesundheitsgefahr darstellen. Krankheiten wie Herzinfarkte und Schlaganfälle drohen gehäuft aufzutreten. Bislang können Kommunen gegen Motorradlärm allerdings nur wenig ausrichten.

Das müsse sich ändern, verlangt Sonja Schuchter, Bürgermeisterin der Schwarzwaldgemeinde Sasbachwalden. Die Initiatorin der “Initiative Motorradlärm” fordert ein Recht für Kommunen, Strecken im Einzelfall zumindest an Sonn- und Feiertagen aufgrund von Lärm zu sperren. Bislang dürfen Streckensperrungen allerdings nur von der jeweils zuständigen Straßenverkehrsbehörde vorgenommen werden. Den Gemeinden bleibe nur die Möglichkeit für die Gefahren von und durch Lärm zu sensibilisieren, etwa durch das Aufstellen entsprechender Messdisplays in geschlossenen Ortschaften oder durch Plakataktionen. Derartige Maßnahmen würden zwar der Bevölkerung vor Ort durchaus helfen. Damit ließen sich aber leider nicht alle Motorradfahrer erreichen, meint Schuchter, die auch gegen generelle Streckensperrungen ist, da dies nur zu Verdrängungseffekten führe. Deshalb sei die Politik gefordert, hier nochmals gesetzgeberisch tätig zu werden. Ebenfalls in der Verantwortung sieht Schuchter, an deren Initiative sich bereits mehr als 170 Gemeinden beteiligen, die Motorradhersteller.

Selektive Einzelmaßnahmen nicht sinnvoll

Aus Sicht von Reiner Brendicke, Hauptgeschäftsführer des Industrie-Verbandes Motorrad Deutschland e.V., braucht es für Verbesserungen zwingend den Dialog aller Akteure. Erforderlich sei ein umfassendes Konzept. Für nicht zielführend hält er selektive Einzelmaßnahmen, durch die ganze Gruppen von Verkehrsteilnehmern in “Sippenhaft” genommen würden.

Ähnlich äußert sich Michael Lenzen, Erster Vorsitzender des Bundesverband der Motorradfahrer. Seine Vereinigung, die rund 20.000 Motorradfahrer hierzulande vertritt, sei gegen Streckensperrungen und klage auch gegen derartige Anordnung. Denn diese Maßnahmen würden Motorradfahrer unzulässigerweise unter Generalverdacht stellen und Verdrängungseffekte zur Folge haben. Seiner Meinung nach seien vielmehr die Innenminister gefragt, die Polizeien weiter zu verstärken, damit die Beamtinnen und Beamten effektiv gegen “schwarze Schafe” vorgehen könnten, die bewusst gegen Regeln verstießen. Denn laut Lenzen hat der Fahrer “viel in seiner Gashand” und könne durch sein Fahrverhalten den Lärmpegel erheblich beeinflussen und senken. Er findet: “Sound ja, Krach nein!”.

Darüber hinaus plädiert Lenzen für die Einrichtung von Modellregionen. Dort könnten Lärmreduktionsmaßnahmen erprobt und wissenschaftlich-universitär begleitet werden. Die Gegend rund um den Nürburgring zeige großes Interesse, eine solche Modellregion zu werden, so Lenzen.

Tirol hat bereits gesperrt

Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der DEGA (ALD), meint, dass wohl kein Weg an Streckensperrungen für Motorradfahrer vorbeiführen werde. Denn dabei handele es sich um rasch wirksame Maßnahmen, die im österreichischen Tirol bereits ergriffen worden seien. Denn die Lärmbelästigung durch Motorräder sei relativ hoch und habe negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Anwohnerinnen und Anwohner. So würden teilweise, auch aufgrund von Manipulationen an den Maschinen, bis zu 110 db erreicht. Der Grenzwert liege aber eigentlich bei 77 db, so Jäcker-Cüppers. Lenzen und Brendicke halten von der österreichischen Maßnahme hingegen gar nichts. Sie sei aus juristischen Gründen nicht auf die Bundesrepublik übertragbar. Problematisch seien die dortige Orientierung am Standgeräusch der Motorräder sowie die direkte Korrelation zwischen dem Stand- und dem Fahrgeräusch, gibt Lenzen zu bedenken.

Jäcker-Cüppers ficht das nicht an. Er fordert sogar noch mehr. So ist seines Erachtens in der Zukunft auch ein Umdenken in der Industrie in Bezug auf das Design und die Ausgestaltung von Motorrädern notwendig. So müsse dort vermehrt über elektrische Antriebe sowie einen Geräuschedeckel nachgedacht werden. Außerdem sollte es keine sportlichen Motorräder mehr in bewohnten Gebieten geben.

Halterhaftung gefordert

Bürgermeisterin Schuchter hingegen plädiert für praktikablere Lärmmessungen sowie die Einführung der Halterhaftung auch im fließenden Verkehr. Bislang gebe es sie nur für den Bereich des ruhenden Verkehrs. Das müsse ausgeweitet werden, da Motorradfahrer aufgrund ihres Helms nur schwer zu identifizieren seien und eine Überwachung momentan nur durch personalintensive Polizeikontrollen möglich sei.

Lenzen ist gegen eine Halterhaftung. Gegen eine solche bestünden erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken, unterstrich er zusammen mit Brendicke im Rahmen einer Online-Diskussionsrunde auf der Behörden Spiegel-Plattform NeueStadt.org. Deshalb will er nur eine Halterverantwortung, wobei unklar blieb, was genau darunter zu verstehen ist, da der Begriff bislang noch nicht juristisch definiert ist. Auch will er ein verstärktes Blitzen von hinten. Diesbezüglich gibt es in Deutschland bereits entsprechende Technik, etwa bei der sogenannten Abschnittskontrolle. Dort werden zeitgleich Front- und Heckkameras ausgelöst, was die Identifizierung von zu schnell fahrenden Motorradfahrern erleichtert. Die Technik ist jedoch noch nicht flächendeckend vorhanden.

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