Cyber Crime-Bekämpfung stellt bestehende Strukturen infrage

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Sebastian Fiedler ist seit 2018 Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Schon seit 2014 ist er nordrhein-westfälischer Landesvorsitzender des BDK. (Foto: BS/Bund Deutscher Kriminalbeamter)

Kriminalität im und aus dem digitalen Raum findet grenzüberschreitend und international statt. Das stellt die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) vor große Herausforderungen. Eingefahrene Strukturen sind nicht unbedingt zukunftsfähig. Darüber offen und ehrlich zu debattieren, fordert Sebastian Fiedler. Das Interview mit dem Bundesvorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) führte Behörden Spiegel-Redakteur Marco Feldmann.

Behörden Spiegel: Herr Fiedler, wie schätzen Sie die derzeitige Bedrohungslage im Bereich von Cyber Crime ein?

Sebastian Fiedler: Die Bedrohungslage im Bereich von Cyber Crime halte ich derzeit für äußerst relevant. Wenn man sich Erhebungen des europäischen Polizeiamtes Europol genauer anschaut, stellt man fest, dass es in Europa zahlreiche Gruppierungen der Organisierten Kriminalität (OK) gibt, deren Mitglieder auch im Bereich von Cyber Crime aktiv sind. Das gilt etwa mit Blick auf Ransomware-Angriffe. Außerdem bestehen Gefahren durch Attacken, die von anderen Staaten ausgelöst werden, sowie durch Cyber-Spionage und -Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft.

Behörden Spiegel: Was können die Polizeibehörden, und insbesondere die Kriminalpolizeien, dagegen tun?

Fiedler: Wir müssen im Kampf gegen Cyber Crime zuallererst darüber diskutieren, ob wir weiterhin einen Weg gehen wollen, bei dem jedes Bundesland für sich in Anspruch nimmt, alles selbst leisten und bekämpfen zu wollen. Eine offene und kritische Diskussion über die Sicherheitsarchitektur in diesem Bereich ist aus meiner Sicht sinnvoll.

Behörden Spiegel: Was bedeutet das konkret?

Fiedler: Derzeit gibt es bei der Cyber Crime-Bekämpfung zu viele Akteure mit zu vielen unterschiedlichen Zuständigkeiten. Nicht jedes Landeskriminalamt kann in diesem Bereich gleich gut sein. Deshalb macht es Sinn, bereits vorhandene Expertise in einigen Dienststellen zu bündeln und auszubauen und sie dann anderen Bundesländern zur Verfügung zu stellen. Dann wäre auch eine bessere und flexiblere Reaktion auf neue Kriminalitätsfelder möglich.

Behörden Spiegel: Cyber Crime wird international und grenzüberschreitend begangen. Braucht es da mehr Kompetenzen für Europol?

Fiedler: Das europäische Polizeiamt Europol muss stetig weiterentwickelt werden. Dort ist bereits viel Expertise gegen Cyber Crime vorhanden. Allerdings darf Europol derzeit nicht selbst ermittelnd tätig werden, sondern muss sich auf die Bereiche Analyse und Auswertung beschränken. Hier wünschen wir uns eine Ausweitung des Europol-Mandates, hin zu mehr Koordination bei großen Ermittlungskomplexen sowie hin zu eigenen Ermittlungen. Das gilt nicht nur für den Bereich Cyber Crime, sondern auch für Finanz- und Wirtschaftskriminalität.

Behörden Spiegel: Für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) ist es im IT-Bereich schwierig, genügend qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen. Was muss hier aus Ihrer Sicht getan werden, um konkurrenzfähig mit der Privatwirtschaft zu werden?

Fiedler: Die BOS müssen – wie der gesamte Öffentliche Dienst – attraktiver werden. Dabei geht es auch, aber nicht nur, um die Bezahlung. Wichtig ist jungen Menschen heute unter anderem auch ihre technische Ausstattung durch den Arbeitgeber. Hier können viele BOS noch besser werden und innovativer agieren.

Behörden Spiegel: Braucht es eine spezialisiertere polizeiliche Ausbildung gegen Cyber Crime, also eine Y-Ausbildung?

Fiedler: Aus meiner Sicht sind die Bezeichnungen nicht mehr ganz zeitgemäß. Wir brauchen eine deutlich stärker spezialisierte Polizeiausbildung in Deutschland, etwa auch für den Bereich der Verkehrspolizei. In Schleswig-Holstein gibt es inzwischen bereits drei Spezialisierungen: Schutzpolizei, Kriminalpolizei und Wasserschutzpolizei. Wir müssen wegkommen vom Dogma der Einheitsausbildung, das es in zahlreichen Bundesländern weiterhin gibt. Zudem braucht es dringend mehr Möglichkeiten für Quer- und Seiteneinsteiger bei der Polizei, unter anderem für Cyber-Ermittler.

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