Fliegeralarm bei Pressekonferenz in Litauen

0
528
(Foto: BS/Eurofighter, Geoffrey Lee)

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez besuchte gestern das eigene Kontingent der “Ejército del Aire” auf dem litauischen Luftwaffenstützpunkt Siauliai, wo es aktuell im Rahmen des “Baltic Air Policing” der NATO stationiert ist. Die gemeinsame Pressekonferenz mit dem litauischen Präsidenten Gitanas Nauseda musste plötzlich unterbrochen werden, weil sich russische Kampfflugzeuge näherten. Daraufhin stiegen spanische Eurofighter “Typhoon” alarmstartmäßig auf (Foto). Dieser Vorfall zeigt, wie angespannt die Sicherheitslage im Baltikum ist.

Hierzulande ist sich die Öffentlichkeit dieser Situation weitgehend nicht bewusst, da die Bundesrepublik nicht mehr “Frontstaat” ist, so wie sie es während des Kalten Krieges gegenüber dem Warschauer Pakt gewesen war. Dieses zweifelhafte “Vergnügen” haben jetzt die osteuropäischen Mitgliedsstaaten der Atlantischen Allianz gegenüber Russland.

Die Pressekonferenz der beiden Spitzenpolitiker hatte gerade begonnen. Als Hintergrunddekoration stand dort ein aufmunitionierter spanischer Eurofighter. Nach nur drei Minuten gab es Alarm. Noch während der litauische Präsident sprach, konnte man vor laufender Kamera im Hintergrund sehen, wie ein spanischer Pilot zu dem abgestellten Abfangjäger rannte und in das Cockpit stieg. Die Ansprache wurde unterbrochen. Die Rednerpulte und die Fahnen wurden entfernt. Die Medienvertreter mussten den Platz räumen, damit der Kampfjet sich in Bewegung setzen konnte.

Zuerst hieß es, dass ein Kampfflugzeug in der russischen Enklave Kaliningrad (dem früheren Königsberg) gestartet sei und den litauischen Luftraum verletzt habe. Laut einem Sprecher des litauischen Generalstabs habe der russische Jet vor dem Start keinen Flugplan vorgelegt – was sehr häufig vorkommt. Als die spanischen Eurofighter in der Luft waren, identifizierten sie zwei russische taktische Bomber vom Typ Suchoi Su-24 (NATO-Code “Fencer”), die weder ihre Transponder eingeschaltet hatten noch mit Fluglotsen kommunizierten, so ein Sprecher des Nordatlantischen Bündnisses. Solche russischen Störungen bei Staatsbesuchen in Osteuropa sollen sich häufiger ereignen.

Nach dem Alarmstart der spanischen Kampfflugzeuge wurde die Pressekonferenz mit rund einer halben Stunde Unterbrechung fortgesetzt. Pedro Sanchez dankte seinen Piloten “für die harte Arbeit, die sie leisten, um die territoriale Integrität Litauens zu verteidigen – wie wir gerade gesehen haben.” Eine unmittelbare Gefahr für die beiden Spitzenpolitiker habe nicht bestanden, so ein Sprecher von Präsident Nauseda. NATO-Sprecherin Oana Lungescu sagte zu dem Vorfall, dieser zeige wieder einmal die Bedeutung der Luftraumüberwachungsmission der Allianz, “um unsere Himmel sicher zu bewahren.” Regelmäßig fangen NATO-Jets russische Kampfflugzeuge über der Ostsee ab.

Multinationales Engagement im Baltikum

Die Überwachung und Sicherung des Luftraums der drei baltischen Staaten wird seit deren NATO-Beitritt im Jahr 2004 von Luftwaffen verschiedener NATO-Staaten übernommen, da die Luftstreitkräfte Estlands, Lettlands und Litauens nicht über eigene Kampfflugzeuge verfügen. Seit 30. April sind sieben spanische Eurofighter in Litauen stationiert und vier italienische Kampfflugzeuge vom Typ Lockheed Martin F-35 “Lightning II” auf dem estnischen Luftwaffenstützpunkt Amari.

Die italienische Luftwaffe löste in Estland die deutsche ab, die dort acht Monate lang als “Verstärkung Air Policing Baltikum (VAPB) 2020/21” im Einsatz war. Insgesamt waren dort 35 Alarmstarts, sogenannte “Alpha-Scrambles”, durch den NATO-Luftverteidigungsgefechtsstand CAOC (“Combined Air Operations Center”) im nordrhein-westfälischen Uedem befohlen worden. Rund 170 Bundeswehr-Soldaten und bis zu sechs Eurofighter waren in Amari stationiert. Dabei stellte das deutsche Kontingent eine Rund-um-die Uhr-Bereitschaft mit einer Alarmrotte (“Quick Reaction Alert”/QRA) von üblicherweise zwei Abfangjägern sicher.

Außerdem hat Deutschland die Führung einer Heeres-“Battlegroup” in Litauen im Rahmen der NATO-Mission “Enhanced Forward Presence” (EFP) übernommen. Die Atlantische Allianz reagierte mit der “verstärkten Vornepräsenz” von Landstreitkräften in Polen und dem Baltikum ab Anfang 2017 auf die völkerrechtswidrige gewaltsame Annexion der Krim und die fortgesetzte Destabilisierung der Ukraine durch Russland. Mehr als 3.500 deutsche Soldaten haben sich bisher an dem multinational zusammengesetzten Kampfverband beteiligt. Aktuell befinden sich rund 500 Bundeswehr-Angehörige bei EFP.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here