“Handlungsfähigkeit muss verbessert werden”

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Jochen Stein ist seit 2005 Leiter der Feuerwehr Bonn. (Foto: BS/privat)

Die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz war ein traumatisches Erlebnis für die heutige Generation, sagt Jochen Stein, Leiter der Berufsfeuerwehr Bonn. Die Feuerwehr Bonn erfüllte neben den Einsätzen im Stadtgebiet der Bundesstadt auch zahlreiche Einsätze im schwer getroffenen Ahrtal. Die Bonner Feuerwehr arbeitet weiterhin in der Einsatzleitung des Kreises Ahrweiler in Bad Neuenahr mit. Der Führungsdienst der Bonner Feuerwehr steht zudem in Kontakt mit den örtlichen Einsatzleitungen, um schnell Hilfe anbieten zu können. Die Fragen stellte Bennet Klawon.

Behörden Spiegel: Wie schätzen Sie die momentane Lage im Ahrtal ein?

Jochen Stein: Das Ahrtal wurde offenbar am stärksten vom Unwetter getroffen. Viele dreigeschossige Gebäude standen bis zum Dach unter Wasser. Die Maßnahmen der Feuerwehren und Rettungsdienste werden erst in einigen Tagen vollständig abgeschlossen sein. Parallel haben schon die Aufräumarbeiten begonnen. Die Wiederherstellung der Infrastruktur wird sicherlich schnell angegangen und hat auch schon begonnen. Es werden einige Jahre vergehen, bis alles wieder vollständig hergestellt ist. In der Zwischenzeit wird einiges mit Provisorien im wahrsten Wortsinn überbrückt werden müssen. Dies wird aber gelingen, das Leben wird auch im Ahrtal für die Menschen weitergehen. Es haben sich viele traumatische Erlebnisse im Ahrtal ereignet. Menschenrettungen waren über mehrere Tage notwendig. Es wird schwierig und Bedarf viel Unterstützung dies alles zu verarbeiten.

Für die heutige Generation war dies ein traumatisches Erlebnis. Es hat alles selbst Erlebte bei weitem überstiegen. Der erreichte Pegel am 14. Juli 2021 wird noch rekonstruiert werden müssen, da in der Nacht alle Messstellen ausgefallen sind. Nach jetzigen Schätzungen dürfte dieser mit bis zu neun Metern fast das Dreifache des höchsten bisher gemessenen Wertes erreicht haben. Wir müssen aber lernen, dass wir im Katastrophenschutz und der Vorsorge über die eigene Lebenserfahrung hinaus die Historie beachten. Der Klimawandel mag für das jetzige Ereignis eine Mitursache haben. Die aus der Zeit vor den heutigen Pegelmessungen rekonstruierten Hochwasser waren aber schon mehrfach höher als die bisher gemessenen Höchstwerte. Das Hochwasser im Jahr 1804 mit 63 Todesfällen dürfte mit einem rekonstruierten Scheitelabfluss von etwa 1.200 m³/s noch über dem gerade erlebten Hochwasser gelegen haben.

Behörden Spiegel: Wie bewerten Sie die länderübergreifen Zusammenarbeit im Ahrtal?

Stein: Die Handlungsfähigkeit in Katastrophen von diesem Ausmaß muss innerhalb der Länder als auch länderübergreifend dringend verbessert werden. Über mehrere Tage musste die noch nicht ausreichend vorhandene Führungsfähigkeit der übergeordneten Strukturen auf kommunaler Ebene durch unmittelbare Hilfeleistungen kompensiert werden, auch über Ländergrenzen hinaus. Das in der Entstehung befindliche Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz beim gleichnamigen Bundesamt bietet für die Zukunft die richtige Grundlage. Es kann aber nur Erfolg haben, wenn zum Beispiel länderübergreifende Kräfteentsendungen vorgeplant sind und das Zentrum für solche Alarmierungen vorab autorisiert ist. Ein Vorbehalt der Länder im Ereignisfall würde zur planmäßigen Lähmung der Hilfeleistung führen.

Behörden Spiegel: Wie bewerten Sie die organisationsübergreifende Zusammenarbeit im Ahrtal?

Stein: Alle die vor Ort waren haben im Rahmen ihres grundsätzlichen Organisationsauftrages sehr konstruktiv unterstützt und zusammengearbeitet. Die Hilfsbereitschaft war sehr groß. Das Ausmaß an Hilfsbedürftigkeit mit der Hilfeleistung schnell zusammenzubringen hat die Strukturen überfordert. Dies wäre sicherlich überall der Fall gewesen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden hoffentlich in Verbesserungen von Strukturen und Abläufen für die Zukunft münden.

Behörden Spiegel: Wo langen die Haupteinsatzschwerpunkte beim Einsatz in Bonn und im Ahrtal?

Stein: Durch die Nähe zum Schadengebiet mit entsprechenden Berichten von vor Ort konnte die Dramatik und das Ausmaß schnell nachvollzogen werden. Eine erste unmittelbare Anfrage zur Unterstützung hat uns am Abend des 14. Juli erreicht. Trotz noch großer eigener Betroffenheit durch Einsatzstellen im Stadtgebiet und hoher Auslastung der Notrufabfrage durch von anderen Leitstellenbereichen weitergeleiteten Notrufen wurde daher unmittelbar eine erste Einheit zusammengestellt und in den Einsatz entsandt. In der Folge wurden von uns mehrere Einsatzabschnitte übernommen. Mehrere Ortslagen waren über einige Tage nicht über Straßen erreichbar. Seit dem 17. Juli sind bis auf kleine Ausnahmen alle operativen Maßnahmen für uns beendet. Seit dem 15. Juli unterstützen wir die Einsatzleitung in Ahrweiler mit Führungskräften und IuK-Personal. Dabei hilft auch die Feuerwehr Köln mit. Diese Tätigkeit ist noch bis auf weiteres so geplant.

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