Afghanistan ist gefallen

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Die Taliban haben die afghanische Hauptstadt Kabul erobert. (Foto: BS/Martin Morisette, CC BY 2.0, www.flickr.com)

(BS) Die Taliban haben Afghanistan erobert. Die Hauptstadt ist gefallen, die gewählte Regierung geflohen.

Für viele ist erstaunlich, in welchem Tempo sich die Gotteskrieger das Land zurückholen. “Es lässt sich erst nach einiger Zeit sagen, ob die Bevölkerung, die Gesellschaft das, was sie als Verbesserung erfahren hat, beibehält, dass sie entsprechend ihr Wahlverhalten ausrichtet, dass sie Dinge einfordert und artikuliert”, sagte noch Anfang Juni dieses Jahres der Stv. Generalinspekteur der Bundeswehr, Generalleutnant Markus Laubenthal, im Interview mit der Oberhessischen Zeitung. Dabei benannte Generalleutnant Laubenthal auch klar die Risiken: “Aber die Fallstricke und die Tücken dieser Gesellschaft – Korruption, clanbasierte Systeme – sind nicht weg. Es gibt schnelle Meinungsänderungen und Richtungswechsel, auch Rollenwechsel: Gestern war er noch Soldat, morgen ist er Taliban. Teilweise geht es um das schiere Überleben.” Wie aktuell bewiesen, haben die Risiken überwogen. Die afghanische Bevölkerung wird ihren Willen nicht durch demokratische Wahlen ausdrücken können, sondern in das Terrorregime zurück gepresst.

Die Geschwindigkeit, mit der alle Bemühungen der westlichen Welt durch die Taliban beiseite gewischt wurden, ist ein Armutszeugnis für alle Nachrichtendienste – deutsche wie amerikanische. Dass die politischen und militärischen Verantwortlichen nicht mit dieser schnellen Entwicklung gerechnet haben, liegt nicht an der Unfähigkeit derselben, sondern an einer ungenügenden Informationslage. Dass die Informationen über eine Untergrundbewegung wie die Taliban nicht in offiziellen wissenschaftlichen Studien zu finden sind, war zu erwarten. Dafür existieren schließlich die Geheim- und Nachrichtendienste.

Aber dass die Taliban stark sind, war erwartbar. Schließlich kamen die regierungs- und demokratietreuen Soldaten und Polizisten bereits seit dem Friedensabkommen der USA mit den Taliban vom Februar 2020 ins Visier der Terroristen. Seit die Taliban durch diesen Vertrag ein festes Abzugsdatum erhalten hatten, gab es keine Anschläge oder Aktionen mehr gegen westliche Kräfte. Stattdessen litten die afghanischen Sicherheitsorgane, Polizei und Militär, unter einer stetig steigenden Zahl von Anschlägen mit entsprechend hohen Opferzahlen. Seit über einem Jahr zermürbten die Terroristen also die letzten Verteidiger der Demokratie, töteten und verstümmelten sie. Die Ernte kann nun eingefahren werden. Der aktuelle schnelle Sieg kann somit direkt auf das im Februar 2020 geschlossene Friedensabkommen zurückgeführt werden. Dieses verschaffte den Taliban die Luft zum eigenen Erstarken bei gleichzeitiger Demoralisierung der offiziellen afghanischen Kräfte. Eigentlich wollten sich die USA damit den notwendigen Freiraum schaffen, um ungestört und erhobenen Hauptes rückverlegen zu können. Damit sie wenigstens auf dem Papier ein friedliches Land hinterlassen und die Mission als Erfolg bezeichnen können. Doch auch diesen theoretischen Gewinn haben die Taliban durch ihren schnellen Sieg zunichte gemacht.

Berichterstattung des Behörden Spiegel zur Evakuierungsmission:

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