Koordinierter durch die Katastrophe

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Nils Kröning (Foto: BS/CAE)

(BS) Viele Gemeinden wurden überraschend durch die Flut getroffen und kämpfen immer noch mit den Folgen. Darunter auch der Ort Stolberg in Nordrhein-Westfalen, in dem sich der Firmensitz von CAE befindet. Niels Kröning, General Manager Europe der CAE, berichtet im Gespräch mit dem Behörden Spiegel, welche Lehren er für den Katastrophenschutz in Deutschland aus dem Erlebten zieht. Das Interview führte Dorothee Frank.

Behörden Spiegel: Ihr Unternehmen wurde auch durch die Hochwasserflut getroffen. Wie haben Sie es erlebt?

Kröning: Der Ort Stolberg wurde schwer getroffen durch die Flutkatastrophe, und wir haben dadurch direkt gemerkt, was für einen Unterschied es macht, ob man “nur” von den Katastrophen hört oder sie selbst miterleben muss. Wir haben direkt erlebt, wie sehr es darauf ankommt, dass man beim Katastrophenschutz reibungslos zusammenarbeitet. Wir hatten mit unserem Bürgermeister und den Behörden Kontakt und haben mitbekommen, wie die verschiedenen Rettungskräfte da reingefahren und reingeflogen sind. Das waren Szenarien, die man bisher nur aus dem Fernsehen und den Nachrichten kannte, wenn sich irgendwo in der Welt ein Wirbelsturm oder ein Erdbeben ereignet hat. Aber nun leben wir plötzlich mittendrin im Katastrophengebiet. Das beschäftigt mich bis heute sehr, weil auch viele unserer Mitarbeiter direkt oder indirekt betroffen sind.

Gerade mit unserer Ausrichtung und Erfahrung als Unternehmen sehen wir uns darin bestätigt, wie wichtig die Vorbereitung auf solche Ereignisse und das Üben von Einsätzen sind. Man muss sich gemeinsam vorbereiten, organisieren und trainieren, damit Einsatzkräfte dann mit der Realität vor Ort gut zurechtkommen. Im Falle von Katastrophen wie dieser gilt dies sogar länderübergreifend: Stolberg liegt im Dreiländereck Deutschland, Belgien und Niederlande.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Einsatzkräfte vor Ort alles Erdenkliche getan haben. Ich habe großen Respekt vor deren Einsatzbereitschaft und Unermüdlichkeit! Wir haben aber von vielen Einsatzkräften auch gehört, dass die Zusammenarbeit verschiedener Akteure nicht optimal klappte. Das lässt sich nur ändern, wenn man im Vorfeld die Verfahren und Handgriffe gemeinsam übt.

Behörden Spiegel: War der Katastrophenschutz nicht ausreichend ausgerüstet?

Kröning: Man konnte erkennen, dass wir über hervorragende Einsatzmittel verfügen, wie beispielsweise Hubschrauber oder Tieflader. Solche Geräte sind enorm wichtig und Deutschland ist damit offenkundig auch gut ausgestattet. Ich habe gesehen, dass die Einsatzkräfte hervorragende Arbeit geleistet haben. Aber noch einmal: Die Katastrophe hat nach Einschätzung von Experten auch offengelegt, dass die Alarmierung und Koordination nicht optimal waren, dass man diese Einsatzkräfte auch gezielter in den Einsatz schicken kann.

Es geht mir also nicht um die Ausstattung oder die Professionalität der Einsatzkräfte, hier hat Deutschland viel investiert und ist sehr gut aufgestellt. Mir geht es um die Bewältigung der Einsatzlagen. Hierfür müssen wir im Vorfeld definitiv übergreifend und gemeinsam üben. Allein die Komplexität in Deutschland – mit Polizei, Rettungskräften, THW, Bundeswehr – zu koordinieren, muss trainiert, geübt und eingespielt sein. Vor einer Katastrophe. Sonst ergeben sich in der Krise genau jene Schwächen wie mangelnde Zuständigkeiten oder eine falsche Versendung von Einsatzkräften, wie wir sie in den vergangenen Wochen erlebt haben.

Behörden Spiegel: Eigentlich haben wir doch genau dafür die alle zwei Jahre stattfindende Lükex.

Kröning: Das ist auch gut so! Dennoch zeigt sich, dass diese Übungen nicht ausgereicht haben. Alle zwei Jahre etwas zu trainieren ist gut und richtig, es gibt aber mittlerweile genug technische Lösungen, um das Training im täglichen Leben zu den Einsatzkräften zu bringen. Die Übung muss zur Einsatzkraft kommen, nicht die Einsatzkraft zur Übung. Gerade auch durch den Einsatz moderner, digitaler Lösungen werden Zeit- und Kostenaufwand extrem reduziert. Gleichzeitig kann ich auf eine viel höhere Taktzahl kommen. Schließlich schafft nur der Wiederholungseffekt die automatisch koordinierte Reaktion, und dafür reicht eine Übung alle zwei Jahre mit wenigen Akteuren nicht aus.

Behörden Spiegel: Können Sie Beispiele für technische Möglichkeiten nennen?

Kröning: Wir bei CAE nennen die Technologie “Synthetic Environment”. Damit kann man einen digitalen Zwilling der Welt erstellen, der jeden Ort, jeden Flusslauf, jede Senke usw. abbildet. Mit dem Einsatz einer solchen Technologie können Sie dann verschiedenste Szenarien simulieren: Hochwasser, Pandemie, Umweltkatastrophe, Unfälle. Die Einsätze lassen sich also realitätsnah üben – mit vielen Akteuren: Behörden, Polizei, Bundeswehr, Krankenwagen, Ärzte, THW usw. Was passiert bei Starkregen? Was passiert, wenn die Flüsse sieben Meter Hochwasser führen? Was passiert, wenn diese Brücke wegbricht? Kommt man dann vielleicht nur noch über die Luft rein? Und wenn ja, wer kann das, wen muss ich fragen, welche Kommunikationswege gibt es, um Hubschrauber zu erhalten? Der digitale Zwilling ist dann keine phantastische Gaming-Umgebung, sondern direkt Stolberg selbst. Da fällt dann die dicke Linde oder Eiche im Ortszentrum um, und die landwirtschaftlichen Zufahrtswege sind überflutet. Dadurch sieht der Katastrophenschützer vor Ort, wie und womit man die Häuser überhaupt noch erreichen kann.

Bei der aktuellen Katastrophe mussten Menschen bis zu 24 Stunden auf ihren Dächern ausharren. Wir können nicht verhindern, dass es regnet. Wir können auch nicht überall verhindern, dass die Flüsse über die Ufer steigen. Aber wir können die Auswirkungen minimieren, wenn wir solche Szenarien vorher durchgespielt und gemeinsam geübt haben. Indem wir uns auf die möglichen Auswirkungen besser vorbereiten.

Behörden Spiegel: Gibt es solche Übungen bereits? Kröning: Natürlich. Auch in Europa. Wir haben z.B. vor zwei Jahren eine große Übung in Ungarn durchgeführt mithilfe von Augmented Reality. Es wurden verschiedene Akteure in multiplen Krisensituationen, die durch eine Flut verursacht wurden, mit Goggles eingebunden. Wir sprechen über eine großangelegte Übung mit über 400 Teilnehmern, genau wie in Deutschland aus zivilen und militärischen Katastrophenschutzkräften bestehend. Bei der Übung ging es darum, dass die Personen im Führungsstab mit den Goggles genau sehen konnten, was infolge der Katastrophe passiert. Wo geht die Flut hin? Wie kann ich Kräfte wohin verlegen? Man muss die ganze Kette von Entscheidungen, von oben bis unten, letztlich durchtrainieren. Vom Lagezentrum bis zur Einsatzkraft vor Ort. In Deutschland sind offenbar Einsatzkräfte zu Orten geschickt worden, wo eigentlich schon genug Einsatzkräfte waren. Ich selbst sehe mich nicht in der Rolle, irgendwem Fehler zuzuschreiben. Mir geht darum, darauf zu verweisen, dass wir aus solchen Erfahrungen lernen sollten. Damit wir bei Krisen und Katastrophe besser agieren können.

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