“25 Prozent im Jahr 2025“

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(Foto: BS/Klawon)

Sie möchte die erste Frau im Präsidium des Deutschen Feuerwehrverbands (DFV) werden. Birgit Kill kandidiert im November für das Amt als Vizepräsidentin. Welche Ziele und Pläne sie hat, verrät sie im Interview. Die Fragen stellte Bennet Klawon.

Behörden Spiegel: Können Sie einmal Ihren Werdegang in der Feuerwehr skizzieren?

Birgit Kill: Als Quereinsteigerin bin ich eher durch einen Zufall zur Feuerwehr gekommen. Damals habe ich noch als OP-Schwester in einem Universitätsklinikum gearbeitet. Dort musste eine Werkfeuerwehr eingerichtet werden, weil die Feuerwehr aus der Innenstadt die Hilfsfristen nicht einhalten konnte. Mit einem Aufruf unter den Mitarbeitenden konnte man sich auch ohne feuerwehrtechnische Ausbildung für die Werkfeuerwehr bewerben. Das habe ich dann getan und so entstand sehr schnell meine Liebe zur Feuerwehr. Dort wurden alle Lehrgänge wie Atemschutzgeräteträger und Funkausbildung bis hin zum Maschinisten von mir absolviert, zuletzt bin ich dann von meiner Tätigkeit im OP gänzlich zur Werkfeuerwehr gewechselt.

Natürlich wollte ich dann auch in die Freiwillige Feuerwehr in meinem Heimatort, wo ich glücklicherweise nicht die erste Frau war und mit offenen Armen empfangen wurde. Dort bin ich auch in die Informations- und Kommunikationsgruppe des Landkreises Marburg-Biedenkopf eingetreten und habe mich um die Jugendfeuerwehr und Brandschutzerziehung gekümmert. Meine Feuerwehrwurzeln liegen also in Hessen.

Nach meinem Umzug nach Nordrhein-Westfalen 2018 bin ich dann in die Freiwillige Feuerwehr Essen Werden-Heidhausen eingetreten. Seitdem bin ich dort in vielen Einsätzen aktiv. In Essen engagiere ich mich nicht nur im eigenen Löschzug in vielen Bereichen, sondern auch in der Stadtausbildung. Die aktive Einsatztätigkeit begeistert mich nach wie vor und motiviert mich, andere Menschen auch für die Feuerwehr zu begeistern (lacht)

Behörden Spiegel: Beruflich sind Sie nicht mehr in der Medizin, sondern im Verband der Feuerwehren NRW (VdF NRW) tätig. Wie kam es dazu und was machen Sie dort?

Kill: Als ich nach Nordrhein-Westfalen kam, wurde im VdF NRW, gefördert durch das Innenministerium, eine Projektkoordinatorin zur Förderung von Frauen in der Feuerwehr in NRW gesucht. Das hat mich sofort angesprochen, der VdF NRW hat sich für mich entschieden und seither ist es dort meine Aufgabe, das Thema Feuerwehrfrauen weiterzuentwickeln. Dazu habe ich Anfang 2019 das Netzwerk „Florentine NRW“ gegründet, das heute mehr als 700 Interessierte zählt. Seitdem hat sich sehr viel bewegt. Wir veranstalten in unserem Netzwerk nicht nur monatliche Online-Netzwerktreffen, sondern auch monatliche Online-Fortbildungen mit Feuerwehrtechnischen Themen ausschließlich für Feuerwehrfrauen. Die erste Präsenz-Veranstaltung war dann im September 2019. Das „Fachforum für Feuerwehrfrauen aus NRW“ bot tolle Vorträgen und interaktive Workshops für mehr als 130 Feuerwehrfrauen aus NRW und war eine gelungene Auftakt Veranstaltung des Netzwerks „Florentine NRW“. Nach mehrfacher Terminverschiebung wegen Corona veranstalteten wir dann Ende August 2021 eine bis dahin deutschlandweit einzigartige Veranstaltung in Paderborn zum Thema “Technische Hilfeleistung” ausschließlich für Feuerwehrfrauen aus NRW. Mit über 600 Workshop-Plätzen und insgesamt mehr als 230 Teilnehmerinnen zeigte sich auch hier, dass der Bedarf an Kompetenzentwicklung im eigenen Raum für Feuerwehrfrauen hoch ist.

Behörden Spiegel: Was ist Ihre Motivation für Ihre Kandidatur beim DFV?

Kill: Mein Hauptthema sind „die Frauen in der Feuerwehr”. Ich will die Frauen in den Feuerwehren stärken, viele Frauen für die Feuerwehr begeistern und damit wiederum auch das Ehrenamt stärken. Ich bin überzeugt, dass es eine Frau im Präsidium des DFV braucht, um das Thema voranzubringen, immerhin gab es in der jahrhundertelangen Geschichte des DFV noch nie eine Frau dort.

Behörden Spiegel: Was sind Ihre Ziele? 

Kill: Mein Ziel ist es, in 2025 25 Prozent Frauenanteil in der Feuerwehr zu haben. Das ist sicherlich ambitioniert, vielleicht auch visionär, zeigt aber auch den Handlungsbedarf. Ein wichtiger Punkt dabei ist auch die Vereinbarkeit von Familie und Ehrenamt in Freiwilligen Feuerwehren, im übrigen nicht nur für Feuerwehrfrauen. Auch dafür möchte ich mich einsetzen.

Behörden Spiegel: Wie kann der Frauenanteil erhöht werden?

Kill: Der Frauenanteil kann erhöht werden, indem Frauen in der Feuerwehr sichtbarer werden, denn wir Feuerwehrfrauen sind noch nicht wirklich präsent. Wenn uns Kinder begegnen, freuen die sich und sagen: “Da sind ja auch Frauen dabei!”

Die Lösungsmöglichkeiten zur Erhöhung des Frauenanteils sind vielfältig und umfassend. Das fängt beim „wording“ an wie in Zeitungsberichten, in denen nur von „Feuerwehrmännern“ die Rede ist, und endet bei der gezielten Einwerbung von Frauen für eine Feuerwehrtätigkeit, gleichermaßen ehrenamtlich wie hauptberuflich. Parallel dazu braucht es ein Umdenken in den Köpfen vieler Verantwortungsträger, um Frauen in der Feuerwehr nicht als Störfaktor, sondern Gewinn anzusehen. Ich bin überzeugt, dass der Geschlechtermix in der Feuerwehr ähnlich positive Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und Kompetenzen hat wie dies beispielsweise bei der Polizei oder auch im Arztberuf zu beobachten war.

Behörden Spiegel: Der DFV befand sich in letzter Zeit in unruhigem Fahrwasser. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Kill: Als Außenstehende kann und werde ich mich nicht zu internen Angelegenheiten des DFV äußern. Ich bin aber überzeugt, dass neue Köpfe positive Impulse bringen können und die Weiterentwicklung des DFV unterstützen werden.

Behörden Spiegel: Durch die internen Querelen gab es viel Kritik der Basis (Stichwort: #nichtmeinDFV). Wie kann das Vertrauen zurückgewonnen werden?

Kill: Ich glaube, dass Vertrauen nur durch Transparenz und Verlässlichkeit gewonnen werden kann. Außerdem braucht es einen konstruktiven Blick in die Zukunft und eine Verbandsarbeit, von der jede Feuerwehrfrau und jeder Feuerwehrmann profitiert. Mit dieser Perspektive möchte ich mich persönlich in die zukünftige Entwicklung des DFV einbringen.

Behörden Spiegel: Wie kann das Ehrenamt generell gestärkt werden?

Kill: Das Engagement im Ehrenamt ist ja davon geprägt, dass Menschen freiwillig und unentgeltlich ihre Zeit und Arbeit der Gesellschaft und damit allen Mitmenschen widmen. Das ist heute alles andere als selbstverständlich und besonders in Bereichen wie der Feuerwehr oder dem Katastrophenschutz ist ja wirklich potenziell jeder Bürger Nutznießer des Ehrenamtes.

Wir müssen also alles daran setzen, dass ehrenamtliche Kräfte optimale Bedingungen für Ihre Tätigkeit vorfinden, dies betrifft manches Mal auch alltägliche Dinge wie die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) oder der einfache Zugang zu Ausbildungslehrgängen. Wertschätzung zeigt sich oft schon in kleinen Dingen, und sei es nur der kostenfreie Eintritt ins städtische Hallenbad. Hier gibt es noch Entwicklungspotenziale, um ehrenamtliche Tätigkeit zu fördern.

Behörden Spiegel: Was braucht es, damit das Hilfeleistungssystem stark bleibt?

Kill: Es braucht nicht nur dann Wertschätzung und Unterstützung, wenn es zum Jahrhundert-Hochwasser kommt. Das Hilfeleistungssystem muss auch außerhalb von spektakulären Einsätzen gefördert, unterstützt und vor allem weiterentwickelt werden. Viele Menschen beschäftigen sich heute nicht selbständig mit Fragen der Notfall- und Krisenvorsorge, da der „Strom aus der Steckdose“ kommt. Es ist deshalb gleichzeitig Aufgabe der Politik wie auch der Hilfeleistungssysteme selbst, in den Dialog mit der Bevölkerung einzutreten und das Bewusstsein für die Notwendigkeit solcher Systeme zu erhöhen. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit mit Pandemie wie auch Naturkatastrophen müssen hier für ein Umdenken genutzt werden und das Thema Notfallvorsorge mit Nachdruck in die Bevölkerung kommuniziert werden. Hier ist noch viel Luft nach oben.

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