Cloud und Partnerschaften

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Andreas Kleinknecht ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Microsoft Deutschland. Seit September 2017 ist er als Senior Director Public Sector verantwortlich für das Geschäft mit öffentlichen Auftraggebern, einschließlich des Bildungsbereichs und des Gesundheitswesens. (Foto: BS/Microsoft Deutschland)

Die Erwartungen von Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen an “gute Staatskunst” steigen, mehr Tempo bei der Digitalisierung ist nötig, um sie zu erfüllen. Die Cloud ist der zentrale Hebel dafür – und Partnerschaften das Instrument, mit dem der Staat in die Offensive kommt.

Eine Behörde schreibt Geschichte – und tausende Software-Entwicklerinnen und -Entwickler aus aller Welt schreiben daran mit. Ein Luftfahrzeug mit eigenem Antrieb auf einem anderen Planeten kontrolliert fliegen lassen: Dieses ambitionierte Ziel hatte sich die US-Raumfahrtbehörde NASA für ihre Marsmission gesetzt. Als der Mini-Helikopter “Ingenuity” im April auf dem roten Planeten abhebt, gelingt zum ersten Mal überhaupt ein solcher Flug auf einem anderen Himmelskörper. Gesteuert wird Ingenuity mit einer Software, die 12.000 Programmiererinnen und Programmierer gemeinsam auf Microsofts Open-Source-Entwicklerplattform GitHub geschrieben haben. Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, welche Potenziale zur Entfaltung kommen, wenn unzählige kluge Köpfe sich zusammentun – und wie die öffentliche Hand von der kollaborativen Zusammenarbeit profitieren kann.

Komplexe staatliche Aufgaben lassen sich nicht im Alleingang bewältigen

Staat und Verwaltung stehen vor komplexen Aufgaben, die im Alleingang nicht zu bewältigen sind. Internationale Konflikte, Naturkatastrophen, Pandemien und technologische Umwälzungen führen zu Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger sowie der Wirtschaft an “gute Staatskunst” sind gestiegen. Ihre Erwartungen an Reaktionsgeschwindigkeit und Handlungsfähigkeit, an Effizienz und Effektivität der Exekutive sind hoch. Gerecht werden kann sie ihnen nur, wenn sie die Möglichkeiten der Digitalisierung ausschöpft – und die Modernisierung erheblich beschleunigt. Im Ländervergleich der UN-Organisation für geistiges Eigentum ist die Bundesrepublik in mehreren Innovationsbereichen zurückgefallen, bei Digitalangeboten der öffentlichen Verwaltung von Platz 17 auf Platz 59. Der Digital Riser Report des European Center for Digital Competitiveness kommt zu dem Schluss, dass Frankreich und Italien an Deutschland vorbeigezogen sind. Höchste Zeit, in die Offensive zu gehen.

Wie soll der smarte Staat aussehen, was muss er können – und wie bauen wir ihn?

Eine starke und innovative Verwaltung gelingt am besten mit innovationsstarken Partnern. Die moderne Verwaltung aufzubauen, bedeutet nämlich nicht, einfach Technologie einzukaufen. Sondern mit Partnern in den Dialog zu treten. Plattformen zu bauen, die viele Anbieter integrieren können, inklusive Open-Source-Lösungen. Gemeinsam Probleme zu identifizieren und zusammen neue Lösungen zu finden. Dahinter steht nicht weniger als ein neues Rollenverständnis der öffentlichen Hand. Weg vom Einkäufer und passiven Technologienutzer, hin zum aktiven Gestalter und Partner bei der gemeinsamen Entwicklung maßgeschneiderter Lösungen nach eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen.

Die Cloud spielt dabei eine zentrale Rolle. Mit ihrer hohen ortsunabhängigen Verfügbarkeit und ihrer Rechenleistung ermöglicht sie Zugang zu Informationen und eröffnet Handlungsmöglichkeiten in nie dagewesener Art und Weise. Und setzt dabei Maßstäbe in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Wir brauchen die Leistungsstärke der intelligenten Cloud beispielsweise, damit Künstliche Intelligenz uns unterstützt, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, blitzschnell Empfehlungen gibt oder definierte Aufgaben selbst erledigt.

Das ist insbesondere von Bedeutung in Simultanlagen, in denen sich die Anforderungen an staatliche Akteure kaskadenartig überlappen und verstärken. Beispielsweise in Szenarien nach einer Naturkatastrophe. Verletzte müssen versorgt und Plünderungen verhindert werden, während das Gesundheitssystem bereits mit einer Pandemie zu kämpfen hat und Krankenhäuser ebenso wie andere kritische Infrastrukturen regelmäßiges Ziel von Cyber-Attacken sind. Parallel laufen Desinformationskampagnen über Soziale Medien. Der Staat braucht Lagebilder, die die zunehmende Daten- und Informationsflut strukturieren. Und er braucht eine Infrastruktur, um die Arbeit der beteiligten Organisationen koordinieren und steuern zu können.

Einsatz- und Rettungskräfte machen in solchen Situationen einen herausragenden Job. Sie verdienen dafür die bestmögliche Unterstützung – auch digital. Denn digitale Lösungen können bei den typischen Herausforderungen helfen, denen Polizei, Katastrophenschutz, Rettungsdienste sowie andere Behörden und Institutionen immer wieder ausgesetzt sind, wenn es um die öffentliche Sicherheit und die optimale Bewältigung von Einsatzlagen geht. Die Klassiker sind fehlende technische Schnittstellen, inkompatible Kommunikationsinstrumente und -prozesse, fehlende Transparenz und Dateninkonsistenzen. Häufig ist nicht klar, wer über welche Daten verfügt und wie sie zu interpretieren sind.

Doch ganz gleich ob es um Einsatzlagen geht, um vernetzte Infrastrukturen, um die Auswertung von Finanz-Transaktionen oder den Bürgerservice: Keine Verwaltung muss das Rad jedes Mal neu erfinden. Die Einsatz- und Nutzungsschwellen für Spitzentechnologien sind so niedrig wie nie. Cloud-Lösungen erfordern weder hohe Anfangsinvestitionen in die Infrastruktur noch horrende Betriebskosten. Und sie ermöglichen die Zusammenarbeit mit zahlreichen innovativen Partnern. Ein Beispiel: In unsere Azure-Cloud sind zahlreiche Open-Source-Werkzeuge für Entwickler integriert, schon jetzt laufen in Azure mehr Linux- als Windows-Systeme. Microsoft hat in Github investiert und Azure für diverse Open-Source-Ökosysteme geöffnet – und ist zu einem der größten Unterstützer von Open Source weltweit geworden.

Modernisierung sichert die digitale Handlungsfreiheit des Staates

Für die digitale Zukunftsoffensive finden Verwaltungen eine Vielzahl von Lösungen, die schon jetzt verfügbar sind. Die Verwaltung hat alle Trümpfe in der Hand, um das für sie optimale Setup aus kleinen und großen Anbietern, aus Open Source und proprietären Anwendungen zu bauen. Sie kann in Ausschreibungen Wünsche und Bedürfnisse definieren. Die Angebote auswählen, die am besten passen – und sie gemeinsam mit Partnern weiterentwickeln. Damit sichert der Staat zugleich langfristig seine digitale Handlungsfreiheit. Denn es sind Innovationen, die digitale Souveränität bringen. Vorbauen bringt mehr neue Möglichkeiten und somit auch mehr Wahlfreiheit als das Nachbauen bestehender Angebote.

Zu oft analysieren wir die Lage mit dem Rückspiegel. Wir stecken viel Energie in Bemühungen, Abhängigkeiten der Vergangenheit zu untersuchen, und zu wenig in neue Ideen, um Handlungsfreiheit in der Zukunft zu erarbeiten und zu sichern. Die entscheidet sich nicht bei Büro-Software von Textverarbeitungsdokumenten bis E-Mails. Sondern bei Zukunftslösungen wie Künstlicher Intelligenz in der Verwaltung und digitaler Unterstützung für den Staat bei der Erfüllung seiner Aufgaben in Daseinsvorsorge, Sicherheit oder Bürgerservice.

Wenn Politik und Verwaltung Ideen für den smarten Staat entwickeln und mit starken Partnern verfolgen, weisen sie der Innovation den Weg. Es steht mehr auf dem Spiel als nur die Zukunft der Verwaltung. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) macht deutlich, dass eine konsequent digitale Verwaltung die Voraussetzung für einen wettbewerbsfähigen Standort ist. In der sehr dynamischen Wirtschaftswelt und im globalem Wettbewerb beruhe die Stärke eines Standortes nicht zuletzt auf der Geschwindigkeit und Qualität von Behörden und deren Verfahren. Wir brauchen die digitale Verwaltung als Motor für ein digitales Deutschland.

Der Autor des Gastbeitrags ist Andreas Kleinknecht, Mitglied der Geschäftsleitung bei Microsoft Deutschland.

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