Beweggründe eines Extremisten

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(Foto: Ditto Shafarnahariy, www.pixabay.com)

Familiäre Probleme, eine schwierige Kindheit und schlechte Bildung – für viele Menschen klingt das nach dem idealen Nährboden für rechtes Gedankengut und die Hinwendung zum Nationalsozialismus. Doch sind dies tatsächlich Gründe, aus denen sich ein junger Mensch entschließt, Neonazi zu werden?

Aussteiger Christian Weißgerber sieht das nicht so. “Ich würde niemals meine Kindheit als Ausrede dafür benutzen”, sagt er über seine rechtsextremistische Vergangenheit. Seine Mutter floh in den Westen, als Weißgerber gerade mal ein Jahr alt war, er blieb mit Vater und Schwester im Osten zurück und hatte dort keine einfache Kindheit. Doch auch seine Schwester musste mit dieser Situation leben und hat sich nicht radikalisiert, sie habe ganz andere Schlüsse aus dieser Kindheit gezogen, erklärt Weißgerber beim Ideencampus “Extrem menschlich” der DBB-Jungend. Außerdem würden oft auch Kinder wohlhabender Eltern zu Neonazis. Nicht die Herkunft entscheide über politische Ansichten, ist sich Weißgerber sicher.

Häufig wird angemerkt, mit mehr Bildung könne man Menschen davon abhalten, sich zu radikalisieren. Bildungsfern aufgewachsen ist Weißgerber jedoch nicht, er besuchte das Gymnasium und dort sogar die von den Lehrern sogenannte “Elite-Klasse”. Schon in der Schulzeit faszinierte ihn der historische Nationalsozialismus und es war spannend für ihn, sich hierzu Wissen anzueignen, dass in der Schule nicht akzeptiert wurde und die Lehrkräfte im Geschichtsunterricht aus der Ruhe bringen konnte. Bildung ist für Weißgerber kein Gegensatz zum Rechtsextremismus und kann somit auch nicht davor schützen. Im Gegenteil: “Radikalisierungsprozesse sind Bildungsprozesse” betont er. Auch Rechtsextreme hätten demokratische Bildung erhalten, würden diese aber ablehnen und die Nazipolitik interessanter finden.

Was waren stattdessen Gründe für Weißgerber, sich den Neonazis anzuschließen? Neben dem Interesse für den Nationalsozialismus faszinierte es den gebürtigen Eisenacher auch, die deutsche Kultur auszuleben. Markenklamotten konnte er sich nicht leisten, doch das “deutsch sein” bot ihm die Möglichkeit, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen und bedeutete für ihn Identifikation. In seiner Kindheit und Jugend prägte ihn außerdem, dass er sowohl in der Familie als auch in der Schule immer wieder mit Alltagsrassismus und Verschwörungserzählungen konfrontiert wurde, hinzu kamen Enttäuschungen und die Ansicht, dass Politik sich nicht für die Jugend interessiere und nicht aufrichtig sei. Für Weißgerber ergab sich daraus das Gefühl, handeln zu müssen und sich für seine Lebensweise und deren Erhalt einzusetzen, bei Bedarf auch mal mit Gewalt, um Menschen in ihre Schranken zu weisen. Als er Neonazi wurde, bemerkte er, dass seine Mitmenschen auf ihn reagierten. Die Schulflure leerten sich, wenn er sie betrat. Die Mitschülerinnen und Mitschüler hatten Angst, was er jedoch als ein Zeichen von Respekt interpretierte. In der Neonazi-Szene erfuhr Weißgerber Akzeptanz, trat als Musiker und Redner auf und konnte dort etwas erreichen. Man könne leicht Karriere machen in der rechten Szene, erklärt er.

Die demokratische Gesellschaft habe überzeugten Neonazis nichts zu bieten. Das Sozialgefüge in der rechten Szene funktioniere besser als soziale Auffangsysteme, erläutert Weißgerber, für Rechtsradikale ergebe sich daher oft kein Grund wieder auszusteigen. Wenn es doch – wie bei ihm nach Repressionen und immer mehr Enttäuschungsmomenten wie Grabenkämpfen – zum Ausstieg komme, so höre man oft von “Heldengeschichten”. Ausstiegsgeschichten würden in den Medien häufig zusammengeschmolzen auf die wichtigsten Momente, in der Realität gebe es solche großen Erlebnisse aber meist nicht. Der Ausstieg funktioniere nicht von heute auf morgen, berichtet er aus eigener Erfahrung. Er selbst habe erst anfangen müssen, alles zu hinterfragen: sein denken, sprechen, fühlen, leben und lieben. Auch wenn sich die Einstellung verändere, Ressentiments veränderten sich nicht so schnell, betont er. Reue könne im Nachhinein nichts ungeschehen machen, doch Weißgerber ist wichtig, nun in den Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten gegen den Rechtsextremismus vorzugehen und Aufklärungsarbeit zu leisten.

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