Kommentar: Geopolitik und Geostrategie

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Vom 10. bis zum 20. Februar führen russische und weißrussische Einheiten in Belarus die Großübung Union Courage 2022 durch. (Bilder: BS/Russian Ministry of Defence)

Militärische Truppenbewegungen, wie aktuell von der Russischen Föderation (RF) an der Ostgrenze Europas vorgeführt, werden aus deutscher Politik wie auch den Medien fast durchgängig ohne militär-strategische Sachkenntnis kommentiert. Deutschland dürfte weltweit die einzige Mittelklassemacht sein, die sich nicht darüber bewusst ist, dass das Weltgeschehen primär auf den Faktoren Interessen und Macht beruht. Die zunehmend unsichere Weltlage wird neuerdings durch die Umarmung Chinas mit der Russischen Föderation (RF) – mit rigide anti-westlicher Intention  – gekennzeichnet. Die Konsequenzen dieser Entwicklung für Deutschland, Europa und die Welt sind noch nicht absehbar, sie bedürfen dringend der politischen Diskussion, einer geo-strategischen Analyse und daraus folgend richtungsweisender Entscheidungen, vor allem über den deutschen Bündnisstandort. Wenn hier nicht mehr eingegriffen wird, sind bedrohliche und verwirrende Situationen auch in Mitteleuropa zu erwarten. Vor allem ist ein Impuls zum Thema Geopolitik/Geostrategie notwendig, durch Regierung, Parlament oder eine Partei.

Zwei Wege Machterweiterung

Man erkennt beim aktuellen russischen Vorgehen die Doppel-Struktur eines groß angelegten “hybriden Einsatzes”, wie er nur in Diktaturen zu ermöglichen ist.

Erstens in Form des klassischen konventionellen Krieges, durch Versammlung überlegener Kräfte in günstigen Aufmarschpositionen, mit zunehmender Einkreisung der Ukraine auf drei Seiten. Neu ist dabei, diese Aggressionsform in aller Öffentlichkeit durchzuführen – weil es straflos möglich ist und zur Angst der Gegner beiträgt.

Der zweite Schritt wurde vor Jahren eingeleitet: Die angepasste hybride Kriegsführung (siehe Gerassimow). Es geht um massive Propaganda, Sabotage und Täuschungsmanöver jeder Art – insgesamt getragen durch die Lufthoheit der permanenten Lüge.  Ein weiterer Beitrag zugunsten des Aggressors liegt in der Sympathiegewinnung bei möglichst vielen Bürgern im Zielland.

Die Wirkung dieser Propaganda konnte man vor wenigen Tagen bei der jetzigen Regierungspartei SPD beobachten: Die kurzfristige Sprachlosigkeit des Bundeskanzlers, der sich in Washington unter den Augen unseres wichtigsten Bündnispartners, Präsident Joe Biden, wohl aus Parteidisziplin einer einfachen Zustimmung enthalten musste. Kann man sich in unserer bedrohlich-fragilen Bündnislage Schlimmeres vorstellen?

Spannungen auch in Moskau

Anfang Februar haben zwei hohe russische Offiziere kritische Artikel veröffentlicht: Oberst i.G. Michail Chodarenok und Generaloberst a.D. Leonid Ivaschov. Beide lehnen in Aufrufen an die Regierung den Krieg mit der Ukraine ab. Ivaschov fordert Präsident Putin zum Rücktritt auf. Sinngemäßes Zitat: “Krieg ist das Mittel, um seine (Putins) antinationale Macht weiter aufrecht zu erhalten und den vom Volk gestohlenen Reichtum zu behalten. Wir (Offiziere Russlands) fordern vom Präsidenten, die kriminelle Politik aufzugeben, keinen Krieg zu provozieren, in dem sich RF allein gegen die Kräfte des Westens wiederfinden wird – treten Sie zurück.” Interessant, dass diese Texte im russ. Original bisher nicht gelöscht wurden! Man beachte eine alte Aversion zwischen Militär und Geheimdienst – der Präsident ist Offizier des Geheimdienstes. Aus Sicht des Militärs heißt das: Einmal “Tscheka (Geheimdienst), immer Tscheka”.

Die endgültige Entscheidung zur Invasion scheint zumindest noch nicht gefallen. Wäre es nicht an der Zeit, dass die deutschen Sympathisanten des korrupten Putin-Regimes ihre Anhänglichkeit überdenken?

Der Autor des Gastbeitrags ist Oberst a.D. Wolf Poulet.

Berichterstattung des Behörden Spiegel zur Ukraine-Krise bisher (die laufend aktuelle Liste gibt es hier):

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