Die zukünftige Ausrichtung des Heeres

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Werden mit einem zweiten Los Puma die schweren Kräfte ausgebaut oder bleibt es bei der Ausrichtung auf Mittlere Kräfte? (Foto: BS/Bundeswehr/Konstatin Kiesel)

(BS) Beim Heer besteht nach Aussagen von dessen Inspekteur mit der größte Erneuerungsbedarf. Dank der versprochenen 100 Milliarden Euro an Investitionen in die Bundeswehr kann der Inspekteur Heer, Generalleutnant Alfons Mais, nun Zeichen setzen. So ließe sich die Qualifizierte Fliegerabwehr realisieren, die bereits von seinem Vorgänger, General Jörg Vollmer, als priorisiertes Vorhaben bezeichnet wurde, danach in der Folge von Sparzwängen allerdings nur in einer homöopathischen Menge für die VJTF 2023 unter Vertrag ging. Die Rede ist von den Protector RS4 Waffenstationen von Kongsberg auf dem Boxer. Im Rahmen der Qualifizierten Fliegerabwehr gingen im Dezember 2019 zehn Protector RS4 Counter UAS Systeme auf Boxer-Basis unter Vertrag, die sich aktuell in der Auslieferung befinden. Im Dezember 2021 folgte ein Vertrag über zwei Nachweismuster für das deutsche Programm “Joint Fire Support Team, schwer” (JFSTsw).

Parallel zur Fliegerabwehr wurde das Programm Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS) der Luftwaffe aufgesetzt. Mit NNbS soll die entsprechende Fähigkeitslücke in der mobilen Luftverteidigung geschlossen werden, die sich nach dem Kalten Krieg durch das Ausphasen der Systeme und Fähigkeiten vor allem aus dem Heer ergab. Das Projekt wurde in mehreren bezahlbaren Phasen geplant. Innerhalb des Teilprojektes 1 “Erstbefähigung Land” stand die Beschaffung von Fahrzeugen zum Schutz vor Feuerwaffen, Lenkflugkörpern, Raketen, Marschflugkörpern und unbemannten Fluggeräten an. Vorgesehen ist ein Umfang von vier Feuereinheiten, die Ausschreibung ist für dieses Jahr vorgesehen. Das gewissermaßen designierte System ist IRIS-T SL. Mit den vier geplanten Feuereinheiten würde der Schutz von drei Brigaden und Divisionstruppen einer Division möglich, so die Einschätzung der Bundeswehr. Der Auftrag ließe sich also ausweiten, um im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung gegen hochwertige Gegner bestehen zu können.

Mit der Entscheidung, ob ein zweites Los Puma geordert wird, oder weitere Varianten des Boxer zur Ausstattung von Mittleren Kräften unter Vertrag gehen, wird der Inspekteur Heer die Ausrichtung seiner Teilstreitkraft für die nächsten Jahrzehnte bestimmen. Diese Entscheidung lässt sich dann auch nicht mehr rückgängig machen, weil je nach Entscheidung die Kapazitäten in der Industrie verlagert werden und dann in einem Jahr eben nur noch Schützenpanzer oder nur noch Boxer produziert werden können. Die Frage, ob Mittlere Kräfte tatsächlich zur Landes- und Bündnisverteidigung ausreichend sind, hat also eine Tragweite wie seinerzeit die Ausrichtung auf den Einsatz.

Ebenfalls fertig aus der Schublade könnte zudem der Kampfhubschrauber Tiger mit Mk3 in die Kampfwertanpassung gehen, so denn das Heer Kampfhubschrauber im Portfolio der Multi Domain Battle halten will. Auch hier kann der Inspekteur Zeichen setzen, in welche Richtung sich die Kampfkraft der Bundeswehr entwickeln soll – und welche Industrien das Kommando Heer dabei als besonders vertrauenswürdig ansieht.

Bei all diesen Großprojekten darf allerdings nicht vergessen werden, dass am dringendsten Munition und Ersatzteile zu beschaffen sind. Die Liste ist lang, da in der Vergangenheit vor allem an der Munition gespart wurde, weil dies in Friedenszeiten weniger auffällt als nicht vorhandene Panzer oder Flugzeuge, vor allem wenn große Teile der Ausbildung in der Simulation stattfinden können.

Der Reformbedarf ist also groß und für das BAAINBw wird es eine herausfordernde Aufgabe, die Flut an Anfragen nun in Beschaffungsprozesse und Verträge zu gießen. Durch die Steuerung der Vorhaben kann der Inspekteur Heer nun die Ausrichtung für die nächsten Jahrzehnte bestimmen. Die Politik scheint bereit, sehr viel mitzutragen.

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