Zukunftsvision DVH 4.0

0
878
Patrick Burghardt ist seit 2019 Staatssekretär für Digitale Strategie und Entwicklung sowie CIO und Bevollmächtigter der hessischen Landesregierung für E-Government und Informationstechnologie. (Foto: BS/HMinD)

“Wir wollen die Zukunft der Verwaltung in Hessen so gestalten, dass sich unsere Dienstleistungen nahtlos und vorausschauend in den Alltag der Kundinnen und Kunden und unserer Beschäftigten integrieren”, heißt es in der Einleitung zur DVH 4.0 (“Digitale Verwaltung 4.0”). In dieser Vision, einer Fortschreibung der Digitalstrategie “Digitales Hessen”, hat das Land eine übergreifende Gesamtsicht auf die Verwaltungsdigitalisierung in Hessen formuliert. Über zentrale Inhalte der DVH 4.0 und wie man die Vision in die Realität transferiert, sprach der Behörden Spiegel-Redakteur Guido Gehrt mit Staatssekretär Patrick Burghardt, CIO und Bevollmächtigter der hessischen Landesregierung für E-Government und Informationstechnologie.

Behörden Spiegel: Herr Staatssekretär Burghardt, das Land Hessen hat mit der DVH 4.0 seine Vision einer digitalen Verwaltung formuliert. Welches sind die zentralen Säulen dieser Vision?

Patrick Burghardt: Unser Anspruch sind effiziente, bürgernahe und transparente Abläufe. Wir sehen unsere Verwaltungsvorgänge aus Sicht unserer Kundinnen und Kunden, also den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Unternehmen, die die Verwaltung nutzen. Deshalb sollte die Antragsverwaltung, mit der sich die DVH 4.0 beschäftigt, so einfach und nachvollziehbar gestaltet sein wie eine Online-Bestellung.

Hier kommen drei Kernprinzipien zum Einsatz, die zum Teil bereits in der Verwaltung bekannt sind, nun in der DVH 4.0 explizit festgeschrieben wurden. Erstens “One-Stop-Shops”: Mit nur einer einzigen digitalen Sitzung sollen Kundinnen und Kunden Dienstleistungen anstoßen können – anschließend läuft der Verwaltungsprozess automatisch bis zum Abschluss ab. Zweitens: In den sogenannten “No-Stop-Shops” führt die Behörde sogar antragslos Verwaltungsdienstleistungen aus. Das kann perspektivisch unter anderem bei dem Gewähren von Kinder- oder Elterngeld nach der Geburt eines Kindes greifen.

Zentral ist das dritte Element, das “Once-Only-Prinzip”. Bestimmte digitale Informationen werden von den Kundinnen und Kunden nur noch einmal benötigt und stehen dann auch für weitere behördliche Angelegenheiten zur Verfügung, selbstverständlich mit Einverständnis der Antragstellenden. Die Behörden tauschen die Informationen untereinander aus, was die Datenqualität erhöht und Mehrarbeit auf allen Seiten reduziert.

Aus einer reaktiven Verwaltung wird so eine proaktive Verwaltung – die Voraussetzung für das Zielbild der DVH 4.0, welches mit seinen Dienstleistungen den Kundinnen und Kunden rund um die Uhr zur Verfügung steht. Ich möchte jedoch betonen, dass weiterhin auch die Möglichkeit des klassischen Antragsweges inklusive des persönlichen Besuchs vor Ort bestehen wird.

Behörden Spiegel: Ein früherer Bundeskanzler hat Visionäre sprichwörtlich zum Arzt geschickt. Wie sorgen Sie dafür, dass aus Visionen Umsetzungsstrategien und letztlich reale Projekte werden?

Burghardt: Die DVH 4.0 ist in der Tat eine ambitionierte Zukunftsvision. Doch eine Vision ist Voraussetzung, um sich auf den Weg zu machen und Begeisterung für das Projekt der Verwaltungsdigitalisierung mit dem Ziel des digitalen Rathauses zu entfachen. Nach einem Jahr DVH 4.0 können wir sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Modern, serviceorientiert und effizient – so muss und wird die digitale Verwaltung in Hessen aussehen. Dem liegt schon der gesetzliche Auftrag zugrunde.

Aus der Vision wurde ein konkreter Maßnahmenkatalog abgeleitet, um die Ziele der Strategie DVH 4.0 zu erreichen. Dieser wird nach und nach umgesetzt, wobei wir eine große Bandbreite an Maßnahmen identifiziert haben. Beginnend bei fachspezifischen Umsetzungen, zum Beispiel der Digitalisierung einzelner Verwaltungsleistungen, reicht der Katalog bis hin zur Bereitstellung von zentralen IT-Komponenten, was nur landesweit gestemmt werden kann. Hier ist ein aktuelles Beispiel das einheitliche Nutzerkonto für die Kundinnen und Kunden.

Wichtig ist uns die Einbindung aller Beteiligten, vor allem der Ressorts und ihrer Digitalisierungsbeauftragten. Denn klar ist, dass solch eine herausfordernde Strategie nur Realität werden kann, wenn es ein Gemeinschaftsprojekt wird und die Akzeptanz für die Maßnahmen gegeben ist. Wir benötigen alle Beschäftigten auf jeder Ebene, damit die Digitalisierung der Verwaltung gelingen kann. Deren Erfahrung und Wissen aus dem Verwaltungsalltag hilft uns zudem, die DVH fortzuschreiben, mit der wir die Zukunft der Verwaltung in Hessen gestalten.

Wir leben in einer Zeit der schnellen, permanenten Veränderung, vor allem in der Arbeitswelt, was insbesondere durch die Digitalisierung vorangetrieben wird. Deshalb ist die Strategie der DVH 4.0 auch nicht abgeschlossen, sondern muss iterativ fortentwickelt werden.

Behörden Spiegel: Die Digitalisierung ist ein sehr dynamischer Prozess und über längere Zeiträume, wenn überhaupt, nur schwer planbar. Liegt hier nicht auch ein Risiko für die DHV 4.0?

Burghardt: Ich bin überzeugt: Ein dynamischer Prozess ruft auch Innovation hervor. Unser Anliegen ist es, die hessische Verwaltung so zu gestalten, dass sich Verwaltungsdienstleistungen immer besser in den Alltag der Menschen integrieren. Ganz einfach, medienbruchfrei, zu jeder Zeit.

Die Kernbotschaft unserer Strategie lautet: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Darauf sind auch die Nutzenversprechen ausgerichtet, welche erstmalig so in einer Verwaltungsstrategie formuliert wurden. Denn auch wenn die Digitalisierung eine enorme Erleichterung für Dienstleistungen bietet, wir damit Potenziale heben und die Behörden fit für die Zukunft machen: Verwaltung wird von Menschen für Menschen ausgeübt. Sie muss bei allem technischen Fortschritt und digitaler Unterstützung menschenzentriert sein, zuverlässig und immer ansprechbar.

Deshalb ist uns Transparenz bei den Maßnahmen wichtig, sowohl in der externen Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden: Was haben wir erreicht? Was leistet die Verwaltung aktuell? Aber auch nach innen: Um den Erfolg bei der Umsetzung der DVH 4.0 zu gewährleisten, ist es notwendig, dass die Beschäftigten aktiv bei der Gestaltung der Veränderung mitwirken.

Hier haben wir mit der Arbeitsgruppe “Corona Lessons Learned” sehr gute Erfahrungen mit dem Feedback aus den Ressorts erzielt und konnten daraus die nächsten Schritte ableiten, die unseren Beschäftigten helfen. Die AG erfasste über eine Umfrage die Bedarfe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, beispielsweise zur technischen Büroausstattung. Die Verwaltung konnte zügig reagieren und so zum Beispiel die VPN-Zugänge “HessenAccess” enorm steigern. Eine der wichtigsten Voraussetzungen der Digitalisierung in der Verwaltung.

Behörden Spiegel: Um die Zukunftsvision einer DHV 4.0 “auf die Straße” zu bekommen, sind die Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung von elementarer Bedeutung. Wo sehen Sie hier Handlungsbedarf?

Burghardt: Wir wissen, dass wir auch aufgrund des Fachkräftemangels im Wettbewerb um die klügsten Köpfe stehen und in der Verwaltung auch einen attraktiven, modernen Arbeitsplatz bieten müssen. Deshalb ist Digitalisierung unerlässlich und bedeutet für unsere Beschäftigten mit der Umsetzung der DVH 4.0 mehr Effizienz im Verwaltungshandeln. Der Fokus der Strategie liegt auf der Antragsverwaltung, welche durch digitalisierte Abläufe und den Einsatz digitaler Anwendungen handhabbarer und übersichtlicher wird.

Wir brauchen in der gesamten hessischen Verwaltung ambitionierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Alle Behörden müssen als vielversprechender Arbeitgeber sowohl für Menschen mit Berufserfahrung als auch für junge Talente wahrgenommen werden. Dazu gehören selbstverständlich digitale Tools, die unter anderem flexible Zeitmodelle und mobiles, ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen.

Selbstverständlich richten wir den Blick auch auf die derzeitigen Verwaltungsmitarbeitenden, die wir mit unterschiedlichen Angeboten für die Aus- und Weiterbildung unterstützen. Diese Maßnahmen möchten wir noch deutlich ausweiten, um wirklich alle Beschäftigten zu befähigen, die an sie gestellten Anforderungen zu meistern und ihre digitalen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Diese Aktivitäten erfordern einen organisatorischen Change-Management-Prozess, den wir derzeit konzipieren.

Vor uns liegen interessante Aufgaben für die digitale Zukunft Hessens, die Herausforderungen bedeuten, aber auch viel Potenzial in sich bergen. Ich möchte alle Beteiligten ermutigen, diesen Weg mitzugehen und an der modernen, bürgernahen und transparenten Verwaltung mitzuarbeiten.

HEssenDIGITAL am 8. Juni in Bad Homburg

Die Verwaltungsdigitalisierung steht auch im Zentrum des Kongresses “HEssenDIGITAL”, den der Behörden Spiegel am 8. Juni 2022 in enger Kooperation mit der hessischen Landesregierung in Bad Homburg veranstaltet. Im Rahmen der Veranstaltung wird u. a. das Thema “DVH 4.0 – Die Zukunftsagenda für die hessische Verwaltung” in einem Vortrag von Staatssekretär Patrick Burghardt behandelt und mit den Teilnehmenden diskutiert.

Weitere Informationen zum Kongress sowie eine Anmeldemöglichkeit unter www.hedigital.de.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here