Den digitalen Spuren folgen

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Wie können digitale Spuren genutzt werden? Dazu diskutierten (v.l.n.r.): Serdar Günal Rütsche, Jens Reumschüssel, Sebastian Pieper, Jörg Majerhofer, Andreas Stenger und Conrad Meyer. (Foto: BS/Trenkel)

Während im Alltag schon selbstverständlich von Giga- und Terabyte gesprochen wird, ist man bei der Polizei schon einen Schritt weiter. Bei Ermittlungen käme es durchaus vor, dass Datenträger mit einer Gesamtgröße von mehreren Petabytes beschlagnahmt werden, sagt Andreas Stenger, Präsident des Landeskriminalamts (LKA) Baden-Württemberg. Diese Flut an Daten muss bewältigt werden. Doch es gibt nicht nur Schattenseiten.

Stenger geht davon aus, dass die Datenmenge in den kommenden Jahren weitersteigen wird. Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Das Thema werde in Zukunft weiter an Relevanz gewinnen. “Digitale Spuren sind das Zukunftsthema”, sagt der LKA-Präsident. Doch hapere es noch an der Umsetzung. Wie in Deutschland stelle in der Schweiz mit seinen 26 Kantonen der Föderalismus mit seinen starren Strukturen und Zuständigkeiten ein Hindernis für eine effektive Verfolgung von digitalen Spuren dar, sagt Serdar Günal Rütsche, Chef Cybercrime bei der Kantonspolizei Zürich und Leiter des Netzwerks Digitale Ermittlungsunterstützung Internetkriminalität (NEDIK) der Schweizer Polizei. Durch diese Strukturen werde der effektive Datenaustausch zwischen den Stellen massiv erschwert. “Wir brauchen einen automatisierten Datenaustausch, um ein anständiges Lagebild zu erstellen”, fordert Rütsche. Einzelfallentscheidungen beim Datenaustausch seien im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß. Kriminalität funktioniere heutzutage grenzübergreifend und interessiere sich nicht für Zuständigkeiten.

Die digitalen Spuren finden sich dabei in den Chat-Protokollen von Messangern, den E-Mail-Verläufen, den Bord-Computern von Autos, den Zugangsprotokollen bei Smart-Home-Anwendungen oder in den polizeieigenen Beständen. “Es war noch nie so komplex mit den Daten umzugehen und es werde noch komplexer”, prophezeit Sebastian Pieper, Sales Director bei Cellebrite.

An der Front Abhilfe schaffen

Selbst nach dem Aufbrechen der Silostrukturen der Behörden müssten die Daten eingesammelt werden, die beispielsweise den verdächtigen Personen zugeordnet werden. Doch damit nicht genug, die Daten müssten aufbereitet und prozessiert werden, erklärt Jens Reumschüssel, Director of Sales DACH von Exterro. Dies bedeutet, dass z. B. Sprachdateien zu Textdateien umgewandelt und Bilder auf verschiedene Elemente, wie Waffen oder Nummernschildern, durchsucht und diese mit Schlagwörtern versehen werden müssen. Dies brauche enorme Rechenleistung, sagt Rütsche.

Zwar könne man dabei auch auf Unternehmen zu gehen, die Daten produzieren, und um Unterstützung bei der Aufbereitung bitten, sagt Conrad Meyer, Referatsleiter im Geschäftsfeld Digitale Forensik der Zentral Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS), doch habe man meistens nur bei deutschen oder europäischen Unternehmen Erfolg. Bei Produzenten aus dem Ausland, vor allem aus dem asiatischen Raum, würden die Erfolgsaussichten für eine Kooperationen schlechter aussehen. Deshalb sei auch von staatlicher Seite Forschung und Entwicklung in diesem Bereich von besonderer Bedeutung. Gerade in Bereichen müsse geforscht werden, die für Unternehmen uninteressant seien, betont Meyer.

Zur Entlastung der polizeilichen IT-Labore könnte ein dezentraler Ansatz beitragen. Durch eine sogenannte “Frontline Forensic” verspricht sich Jörg Majerhofer, Area Sales Manager Germany von MSAB HQ, Abhilfe für die Spezialistinnen und Spezialisten. Die Idee dahinter ist folgende: Mit einer IT-Lösung, die bei kleinen Straftaten zum Einsatz kommt, sollen die Kolleginnen und Kollegen vor Ort z. B. Mobiltelefone auslesen können und nur die Daten sichern, die gebraucht werden. “Wir müssen selektiv rangehen. Wir brauche nicht immer alle Daten “, sagt Majerhofer. Dafür brauche es jedoch vordefinierte Fälle und zielgerichtete Vorgaben, wann Frontline Forensic eingesetzt werden kann. Eine Ausnahme dabei stelle auf jeden Fall Kapitalverbrechen dar. Dort sei eine Untersuchung in Laboren von Nöten.

Für eine Entlastung der Spezialisten macht sich auch Rütsche stark. Diese müssten für Spezialaufgaben da sein. Jetzt müssten diese zu viele Support-Aufgaben übernehmen. Deshalb müsse die Masse stärker digitalisiert und befähigt werden. Durch die Corona-Pandemie habe man bei der Fortbildung in diesem Bereich durch Webinare und Videos schon einen guten Weg eingeschlagen, findet Rütsche.

“Big Data ist nicht nur ein Problem. Es gibt Möglichkeiten, die es früher noch gar nicht gab”, sagt Stenger. Von den Möglichkeiten der Datenerhebung und Verknüpfung von Informationen habe man früher noch geträumt. Deshalb sollte das Thema der digitalen Spuren nicht nur problematisiert werden.

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