Erste Kursbestimmung der Deutschen Marine

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Der Inspekteur Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, umriss in seiner Grundsatzrede die aktuell bestimmenden Faktoren für die Deutsche Marine. (Foto: BS/Bundeswehr, Kristina Kolodin)

(BS) Vizeadmiral Jan Christian Kaack ist mittlerweile seit hundert Tagen als Inspekteur Marine im Amt. Er legte nun in einer Rede den neuen Kurs der Marine dar. Dabei richtet sich auch die Deutsche Marine an dem Angriff auf die Ukraine aus. “Die Russische Schwarzmeerflotte wurde aus der Baltischen Flotte, der Nord- und der Pazifikflotte verstärkt und ist in diesem Landkrieg primär in einer Unterstützungsrolle. Dabei unterstützt sie mit Artillerie- und Flugkörperangriffen die Operationen an Land und stellt mit Landungsschiffen ein ständiges amphibisches Bedrohungspotenzial dar”, beschrieb der Inspekteur Marine. “Sie alle haben darüber hinaus die Versenkung des russischen Kreuzers Moskwa sowie einiger anderer russischer Einheiten durch ukrainische Flugkörper verfolgen können. Wir alle sollten uns jedoch von diesen Bildern nicht täuschen lassen: Die russische Marine wird aus diesem Krieg im Wesentlichen unbeschadet hervorgehen. Darauf müssen wir – gemeinsam mit unseren Verbündeten – vorbereitet sein.”

Bei diesen Vorbereitungen komme der NATO die größte Rolle zu – und diese habe sich vorbereitet. “Als Reaktion auf den 24. Februar hat sich die NATO beeindruckend schnell neu sortiert und erstmals ihre Verteidigungspläne aktiviert. Der NATO-Befehlshaber in Europa bekommt damit weitreichende Befugnisse, um zum Beispiel Truppen anzufordern und zu verlegen. Er kann die bis zu 40.000 Soldaten der NATO Response Force aktivieren. Auch die schnelle Eingreiftruppe, die Very High Readiness Joint Task Force, hat ein neues Gesicht bekommen. Die NATO-Speerspitze mit einer ‚Notice to Move‘-Zeit von maximal drei Tagen wird künftig nicht mehr nach einer festgelegten Rotation aufgestellt, sondern flexibel, das heißt, an die Bedrohungslage angepasst.”

In den ersten Tagen nach dem Angriff auf die Ukraine habe auch die Deutsche Marine ihre Flexibilität und Einsatzbereitschaft unter Beweis gestellt. Als er am 24. Februar der Marine “Alles, was schwimmt, geht raus” befohlen habe, seien bis zu 28 Einheiten in kürzester Zeit in See gegangen. Die Deutsche Marine habe direkt die ständigen NATO-Einsatzverbände verstärkt sowie Schiffe, Boote und Flugzeuge in die östliche Ostsee entsandt. “Für unsere kleine Marine ist das schon eine irre Zahl. Und das trotz der Personal- und Materialmisere, die uns alle quält”, beschrieb Vizeadmiral Kaack. “Sie sehen, meine Kameradinnen und Kameraden, wir sind wach und aktiv. Seien wir aber auch ehrlich, diese Zahl an Einheiten, diesen Kraftakt können wir nicht unbegrenzt durchhalten.”

Die heutigen Probleme ergeben sich vor allem durch die frühere Ausrichtung auf den Einsatz sowie die durchgehende Reduzierung von Personal und Material in den vergangenen Jahren. Hierdurch kennen “manche jungen Offiziere das Seegebiet vor Beirut wie ihre Westentasche, wissen aber nicht, wo der Svendborgsund liegt oder die gefährlichen Untiefen im Kattegat sind. Ganz zu schweigen von den mangelnden Übungsmöglichkeiten während dieser Einsätze, um diese hochkomplexen Systeme der Korvette sicher beherrschen zu können. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass dies zu einem schleichenden Fähigkeitsverlust führt”, sagte der Inspekteur Marine. “Dabei macht mich die Ankündigung einer umfassenden Reform von Strukturen, Prozessen und Verfahren sowie die zu erwartende nachhaltige finanzielle Unterfütterung der Bundeswehr vorsichtig optimistisch, dass wir substanzielle Verbesserungen für die Marine erreichen können. Sehen Sie mir bitte meine norddeutsche Zurückhaltung nach, die Wahrheit ist: Wir freuen uns riesig!” Viele Aktionsfelder müssten nun mit diesen neuen Mitteln ausgebaut werden, um wieder eine schlagkräfte, durchhaltefähige Marine zu erhalten. Als ein wichtiges Element nannte Vizeadmiral Kaack das Marinearsenal. “Der kurzfristige Aufbau einer leistungsfähigen Erweiterung des Marinearsenals im Ostseebereich ist daher aus meiner Sicht der entscheidende und notwendige Schritt, um die Einsatzbereitschaft der Flotte nachhaltig und perspektivisch zu verbessern”, betonte Vizeadmiral Kaack. Das Beispiel Marinearsenal zeige, dass das Sondervermögen zwar die dringend notwendigen Beschaffungen forcieren könne, aber kein Allheilmittel sei. “Deshalb gilt es konsequent zwei Schritte zu gehen. Zu allererst müssen wir unsere Bestandsflotte stärken. Wir haben dazu in kurzer Frist auch ein Paket an vielen kleinen Projekten und Bedarfen zusammengetragen und gemeldet. Hier liegt die Chance auf kurzfristige Effekte. Sehr einfach formuliert habe ich das so auf den Punkt gebracht: Meine sieben Prioritäten sind: Munition, Munition, Munition, Ersatzteile, Ersatzteile, Ersatzteile – und Führungsfähigkeit.”

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