Dauerhafte Lösungen

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(Bild: PhotoMIX, pixabay.com)

OZG-Torschlusspanik beherrscht die aktuellen Digitalisierungsdebatten. Doch viel wichtiger als hektisch entwickelte Behelfslösungen vor Ablauf der Frist ist die langfristige Perspektive. Die digitale Verwaltung benötigt stabile, sichere und finanzierbare Software – nicht nur zum Jahresende, sondern auf Dauer. Ein Lösungsansatz dafür ist eine stärker industrialisierte Softwareproduktion.

Wie kann der Staat sicherstellen, dass individuell entwickelte Software auf lange Sicht verlässlich und sicher läuft – und zwar mit vertretbaren Kosten? Diese Frage ist für eine nachhaltige Digitalisierung absolut grundlegend. Erstaunlicherweise findet sie selten Eingang in aktuelle Debatten – weder im Kontext von Fachverfahren, die im “Backend” der Verwaltung liegen, noch in Bezug auf OZG-relevante Dienste für Bürger und Unternehmen. Das mag daran liegen, dass Torschlusspanik herrscht und angesichts der näher rückenden und nicht zu haltenden OZG-Frist die langfristige Perspektive der digitalen Verwaltung aus dem Blick gerät. Oder daran, dass die Komplexität zeitgemäßer und zukunftsfähiger Software drastisch unterschätzt wird.

So betrachten Entscheider die operative Umsetzung von Fachverfahren und OZG-Leistungen allzu oft als rein technisches Abarbeitungsthema. Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass man lediglich ein ausreichend großes Team digitaler Talente rekrutieren muss und auf der grünen Wiese loslegen kann. Dabei ist absehbar, dass viele solcher Projekte zum Scheitern verurteilt sind. Der Grund: Die Anforderungen an behördliche Software sind massiv gestiegen. Ohne eingespielte, zunehmend industrialisierte Entwicklungsprozesse lassen sich die heutigen Herausforderungen kaum bewältigen – zumindest nicht, wenn sichere, performante, anpassbare und langfristig nutzbare Software herauskommen soll.

Nicht zu groß und nicht zu klein

Um die heutigen Herausforderungen zu verstehen, hilft ein Blick zurück. Denn das Prinzip industrieller Softwareentwicklung ist an sich nicht neu. Vor 20 Jahren war es in der Software-Industrie das vorherrschende Paradigma. Große Konzerne und Organisationen setzten auf übergreifende Architekturentwürfe und umfassende Qualitätssicherungsansätze. Viele Projekte scheiterten jedoch, da sie nicht in der Praxis geerdet waren und auf veränderte Anforderungen nur unzureichend reagieren konnten. Es folgte die agile Welle und mit ihr der Trend zu isolierten, sauber strukturierten Einzelprojekten. Eine Zeit lang dominierte das an- dere Extrem: Entwicklungsteams legten auf der grünen Wiese los. Microservice-Architekturen traten an die Stelle von Monolithen. Heute wissen wir, dass sich durch eine zu starke Isolierung auch nicht alle Probleme lösen lassen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens bleiben Synergien auf der Strecke. So wurde auch bei der bisherigen OZG-Umsetzung schnell klar, dass etliche Einzelprojekte die Aufwände in die Höhe schrauben. Dem wirken Standards und wiederverwendbare Komponenten entgegen. Zweitens ist die Komplexität von Software massiv gestiegen. Sie muss hohen Ansprüchen an die Usability genügen, auf verschiedenen Endgeräten laufen, resistent gegen Cyber-Attacken sein sowie in Cloud-Infrastrukturen schnell ausgeliefert und reibungslos betrieben werden können. Das setzt wiederum die Kombination von immer mehr Disziplinen und Kompetenzen voraus – und ist für ein frisch rekrutiertes Team ohne eingespielte Prozesse kaum schaffbar.

Low Code und Software-Fertigungsstraßen

Wie sieht nun ein gesunder Mittelweg zwischen den zu groß gedachten Monumentalentwürfen vor 20 Jahren und den bei einer wachsenden Softwarelandschaft nicht mehr praktikablen Einzelprojekten aus? Ein Lösungsansatz sind schlanke und modular aufgebaute Plattformen. Sie reduzieren in Software-Projekten die Fertigungstiefe und schaffen anwendungsübergreifende Synergien. Für Behörden sind vor allem Plattformen interessant, die gleichzeitig eine professionelle Anwendungsentwicklung unterstützen und einen Low-Code-Ansatz bieten. Das Low-Code-Paradigma ist in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft bereits weit verbreitet. Die Idee dahinter: Fachexperten bekommen spezielle Werkzeuge, mit denen sie Teile einer Anwendung ohne Programmierkenntnisse gestalten und anpassen können – zum Beispiel Formulare, Validierungen für abgefragte Daten oder auch bestimmte digitalisierte Arbeitsabläufe. So können Behörden Teile ihrer Anwendungen aus eigener Kraft mitgestalten und fachlich souverän bleiben. Der Anpassungsaufwand und damit die Wartungskosten bei fachlich getriebenen Änderungen sinken drastisch.

Einhergehend mit dem Einsatz passender Plattformen sind industrialisierte Entwicklungsprozesse zunehmend unabdingbar. Anders als vor 20 Jahren müssen sie aber in der Praxis verwurzelt sein. Bei der Entwicklung müssen agile Prozesse, Methodiken und Best Practices zum Einsatz kommen, die eine nahtlose Zusammenarbeit aller involvierten Disziplinen sicherstellen. Richtig verschaltete und konfigurierte Werkzeuge sorgen zudem für einen hohen Automatisierungsgrad in einer Art Fertigungsstraße für Software – zum Beispiel für Tests der Qualitätssicherung, Security-Prüfungen sowie im Bereich Build & Deployment. Solche industrialisierten Entwicklungsverfahren verringern die Risiken von Software-Projekten. Sie erhöhen zudem die Wahrscheinlichkeit, in kurzer Zeit hochqualitative, nutzerfreundliche und sichere Software bereitzustellen, die möglichst lange Zeit verlässlich ihren Dienst erfüllt.

Der Autor des Gastbeitrags ist Hamarz Mehmanesh, CEO bei mgm technology partners.

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