Das Gefühl setzte abrupt ein, nachdem der überraschend durchgedrungene Gesprächspartner sich verabschiedet hatte, und die geplante Verbindung für den spätabendlichen Plausch mit einem Freund erst gar nicht zustande kam. Nicht mit diesem, noch mit der Cousine, noch mit der Freundin in Berlin, mit einfach keiner angewählten Verbindung gelang der Kontakt. „Nicht im Netz registriert“ meldeten sämtliche SIM-Karten der verfügbaren Mobil-Telefone. Das Internet antwortete schon seit Stunden nicht mehr auf dringende Fragen. Ich war allein. Ein persönlicher Bericht aus dem Schwarzfall in Spanien.
Angefangen hatte das Ganze am Morgen mit einem vermeintlichen kurzen Blackout im Fitness-Studio. Plötzlich ging das Licht aus, und die Klimaanlage stellte ihre geräuschvolle Beatmung ein. Zwischen Beinpresse, Langhanteln und Laufbahn gingen verständige Blicke hin und hier: ein Stromausfall beeindruckte wenig und würde mit Sicherheit schnell lokal behoben sein. Auch der Unbill der stockdunklen Umkleide, in denen ein paar Nutzerinnen im Licht ihrer Mobiltelefone versuchten, den richtigen Schrank zu finden, ließ sich überwinden. Die Duschen und Toiletten im Nachbargebäude verfügten über genügend Tageslicht.
Erste Zweifel kamen beim routinemäßigen Email-Check auf der Terrasse vor der Tür: einige wenige Nachrichten trudelten nervtötend langsam ein. Die Seiten internationaler Informationsmedien blieben inhaltleer oder waren gleich unerreichbar. Keine Telefonverbindungen zu spanischen Nummern, das lokale WLAN platt. Aber der spanische Frühlingstag ließ sich auch so genießen.
Erst als die alte Dame auf der Restaurantterrasse lautstark von nationalen Stromausfällen in Spanien und Portugal berichtete und der Begriff „Cyber-Attacke“ in der tischübergreifenden Unterhaltung zwischen den Gästen fiel, setzte allmählich die Erkenntnis es, dass es sich um ein ernstes und durchaus längerfristiges Problem handeln könnte. Zur spanischen Mittagessenszeit war das Lokal im Nu überfüllt: Im Gegensatz zu benachbarten Gaststätten, die resigniert schon die Rollläden runterließen, kocht man hier nämlich mit Gas.
Neuankömmlinge reicherten das vorhandene Informationsangebot mit weiteren Gerüchtefetzen aus mehr oder weniger verlässlichen Quellen an: Die Regionalregierung rechne wohl mit etlichen Stunden bis zur Wiederherstellung der Stromversorgung. Man möge möglichst zuhause bleiben. Bemerkenswert für den südspanischen Ort mit größtmöglicher Distanz zum Krisenherd in der Ukraine war das allgemein ausgedrückte Gefühl der Bedrohung. Das sei eine gezielte Cyberattacke auf Europa, der Aggressor klar: Russland.
Der Heimweg mit dem Fahrrad führte über fast leere nachmittägliche Straßen. Den Verkehr auf den großen Kreuzungen der Innenstadt hatte die örtliche Polizei offensichtlich gut im Griff. Weniger Menschen als sonst flanierten in Parks und Fußgänger, aber, ob Einheimische oder Touristen, schienen die Lage mit Gelassenheit und guter Laune zu nehmen. Nur die aufregten Menschentrauben vor den bereits überfüllten Bussen zeugten davon, dass hier keine Alltagsroutine herrschte.
Überhaupt zerstört der Stromausfall schnell die Routine: der Aufzug funktioniert nicht, die Waschmaschine auch nicht. Mit dem zunehmenden Zusammenbruch der Netze gibt es auch keine neuen Informationen mehr. Ein Radio wäre jetzt schön … Aber gut, dass es Akku-Lampen, Kerzen und einen gut isolierten Kühlschrank gibt.
Beim Altstadtrundgang in der Abenddämmerung war die allgemein Stimmung vor allem bei den umherschweifenden Touristinnen und Touristen merkbar abgefallen. Die Einheimischen hatten sich längst zurückgezogen. 90 Prozent der Geschäfte und Restaurants blieben geschlossen, Airbnbs und kleinere Hotels ohne Licht und Services. Einige Lokale improvisierten immerhin mit kalten Gerichten im Freien. Das Geschäft ihres Lebens machten Pizza- und Döner-Kioske, Empanada-Stationen, kurz: Take-aways aller Art, die mit Gas kochen oder Vorgefertigtes servieren. Nur einige wenige Restaurants hatten sich auf rätselhafte Weise mit reichlich Licht ausgestattet und wurden von langen Schlangen hungriger Touristen belagert. Wer da clever war, hatte sich schon längst – selbstverständlich nur gegen Bargeld – im noch offenen Supermarkt mit dem Nötigsten eingedeckt. Am späten Abend war aber auch das zum Problem geworden: die Kassenschlange wand sich um sämtliche Regalinseln durch den gesamten Laden. Die übliche Alternative, der allzeit verfügbare chinesische 24-Stunden-Späti: geschlossen. Die normalerweise mit Leckereien überladene Bäckerei-Theke: leer gefressen.
Wieder zuhause kam der buchstäbliche „Schwarzfall“ mit der eigentlichen Nacht: Unter heranziehenden Regenwolken verwandelte sich die sonst hellerleuchtete, quirlige Stadt in ein dunkles Loch, aus dem nur noch gelegentlich menschliche Stimmen erklangen. Hinter den großflächigen Wohnzimmerfenstern schien der sonst anheimelnde Altstadtplatz von einem undurchdringlichen schwarzen Vorhang verdeckt. Kein Licht, nirgendwo.
Es ist nach Mitternacht, als das am Stromnetz angeschlossene Mobiltelefon vielversprechend aufleuchtet: die weite Welt ist zurück und berichtet von gestrandeten Zügen und gestrichenen Flügen, vom allgemeinen Chaos im ganzen Land. Die Stadt selbst bleibt zunächst finster. Erst am frühen Morgen fährt die Straßenbeleuchtung wieder hoch. Der Alltag kann beginnen. Die Ursachensuche auch. Auf rund 40 Millionen Euro schätzte die Lokalzeitung den entstandenen wirtschaftlichen Schaden.
(Die Autorin lebt derzeit im andalusischen Malaga.)

