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Wohn(t)raum aus zwei Welten

Ein innovatives Wohnprojekt für urbanes Leben auf dem Land nimmt im brandenburgischen Wiesenburg Formen an: Auf dem Gelände eines alten Sägewerks sollen 150 Menschen in einen Mix aus kleinen Häusern, Coworking-Areal und Wohnungen ziehen. Doch eine Analyse aus dem BBSR gefährdet die Pläne.

Sie sind pastellblau, wiesengrün, sonnengelb und in hellem Weiß gestrichen, die Terrassen sind weitläufig, die Fensterfronten bodentief und der Blick auf die umgebenden Bäume ist weitgehend unverstellt. Ein schmaler, mittig angelegter Weg soll später das Ensemble der 40 Holzhäuser miteinander verbinden. Derzeit graben sich an dieser Stelle noch die Bagger durch die Erdfurchen. Gartenzäune sind nicht Teil der Planung, das offene Miteinander zeichnet das Wohnprojekt am Ortsrand von Wiesenburg/Mark aus. Wer hier wohnt, sucht Gemeinschaft, nicht Abgrenzung und Isolation.

Patric F. C. Meier ist einer der Vorstände der Münchner Wohngenossenschaft vielleben, die das Projekt in der rund 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde im Landkreis Potsdam-Mittelmark umsetzt. Bei der Planung habe man sich am Konzept der Gartenstädte des 20. Jahrhunderts orientiert, erzählt er. Dabei handelt es sich um Siedlungen, die die Vorteile vom Wohnen im Grünen mit den Annehmlichkeiten des urbanen Lebens kombinierten. Das ist auch Ziel des „KoDorfs Wiesenburg“, das derzeit auf einem 40.000 Quadratmeter großen alten Sägewerksgelände entsteht.

Projekt gegen Wohnraummangel und Abwanderung
Der Name KoDorf kombiniert bewusst die Wörter Kooperation, Community und Kuhdorf. Mit dem gemeinschaftlichen Wohnprojekt soll einerseits dem Wohnraummangel im urbanen Raum begegnet und andererseits der Abwanderung vor Ort ein kreatives Architekturkonzept entgegensetzt werden. Man wolle hier das Beste aus zwei Welten kombinieren, sagt Meier: die Ruhe des Dorfes mit der Infrastruktur einer pulsierenden Stadt.

Neben den im Bau befindlichen Holzhäusern, die zwischen 30 und 90 Quadratmeter groß sind, plant die Wohngenossenschaft auf dem Gelände ein Clusterhaus mit 30 Wohnungen. Zudem soll das seit Mitte der 90er-Jahre leerstehende Sägewerk von der Gemeinde zu einem Co-Workingspace mit Gemeinschaftsküche, Veranstaltungsräumen, Werkstätten sowie einem Aufenthaltsraum für Groß und Klein umgebaut werden. Doch das Geld für den Umbau fehlt aktuell in der Gemeindekasse, trotz einer in Aussicht stehenden Förderung in Höhe von 90 Prozent.

Finanzielle Engpässe bringen das Bauvorhaben auch an anderer Stelle ins Stocken. Zwar werden die ersten Häuser im Oktober bezogen, doch noch vor ein paar Monaten stand der Einzugstermin auf der Kippe: Zur Fertigstellung des ersten Bauabschnitts fehlten 1,7 Millionen Euro. Viereinhalb Jahre nach Projektstart liegt zwar das Baurecht vor, doch wegen gestiegener Baukosten sowie einer Altlastensanierung, die statt der veranschlagten 800.000 Euro mit rund 1,6 Millionen zu Buche schlug, werden weitere Kreditaufnahmen notwendig. So müssen außer der bis dato allein finanzierenden GLS Bank aus Bochum zusätzliche Geldgeber gefunden werden. Bislang lehnten alle Geldinstitute Kreditvergaben ab. Grund ist auch eine aktuelle Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), laut der Wiesenburg/Mark als schrumpfende Region eingestuft wird. Abwanderung, Arbeitslosigkeit, sinkende kommunale Einnahmen sowie Ausdünnung von Infrastrukturen verstärkten sich hier gegenseitig, heißt es darin.

Finanzielle Grenze erreicht
„Ich kann das Verhalten der Geschäftsbanken nicht nachvollziehen“, sagt vielleben-Vorstand Patric F. C. Meier. „Wir schaffen neuen Wohnraum außerhalb der Ballungszentren und wollen einer schrumpfenden Region wieder zum Aufschwung verhelfen. Wer immer nur das finanziert, was schon wächst, sorgt dafür, dass der Rest schrumpft.“

Zwischenzeitlich schaffte es die vielleben-Genossenschaft zwar, durch eine Zwischenfinanzierung einen drohenden Baustopp zu vermeiden. Die Kuh ist damit aber noch nicht vom Eis. Auch für die Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts mit dem 30 Wohneinheiten umfassenden Clusterhaus fehlen die Geldgeber. Mit 14 Euro pro Quadratemeter beurteilen die Geschäftsbanken die Nettokaltmiete als zu hoch, die in der Region durchschnittlich bei sechs Euro liegt. Dies könne dazu führen, dass Bewohner ausziehen, sich aber keine Nachnutzer finden.

Für die Einwohnerinnen und Einwohner, die derzeit den ersten Bauabschnitt beziehen, ist die Unsicherheit über die weitere Finanzierung beunruhigend. Finden sich keine Geldgeber für den zweiten Bauabschnitt, steigen die Mietpreise für den ersten. „Nicht nur bei mir, auch bei vielen anderen ist die finanzielle Grenze erreicht“, sagt Dorothee Bornath. Als einzige der neuen KoDorf-Einwohner wohnt sie bereits seit längerer Zeit in Wiesenburg. Die übrigen Wohnparteien kommen vor allem aus Berlin, aber auch aus Dessau und Leipzig.

Dorothee Bornath hat sich für den Umzug entschieden, weil sie sich auf das Miteinander und die Dorfgemeinschaft freut. Im KoDorf würden Menschen mit denselben Werten zusammenkommen, sagt sie. 2019 begann die Planungsphase für das Projekt. Seitdem seien viele neue Freundschaften entstanden, berichtet Bornath – auch wenn es immer wieder Fluktuation gegeben habe, weil der Baufortschritt nur langsam vorankam. Etwa ein Drittel der Bewohnerschaft sei dabeigeblieben.

Banken befürchten Leerstand und fehlende Einnahmen
Da sich der Einzugstermin immer wieder verschob, reist Bornath seit einem Jahr umher. Das sei herausfordernd, sagt sie, und anstrengend – noch weitaus mehr für Familien mit schulpflichtigen Kindern. Einige von ihnen wohnten seit mehr als einem Jahr in Übergangslösungen vor Ort, um Schulwechsel für ihre Kinder zu vermeiden.

Meier schüttelt den Kopf, wenn er über die Begründung der Banken spricht. Dass Leerstand drohe und keine weiteren Parteien nachfolgten, sei unrealistisch. Es gebe Wartelisten, sagt Bauleiter Stefan Reichmann. Wenn ein Genossenschaftsmitglied abspringe, rücke sofort ein anderes nach.

Nachdem auch die ILB-Landesbank als Kreditgeber ausgeschieden ist, schreibt Meier einen Brief an Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD). Doch auch damit kann er das Ruder nicht herumreißen: Man könne als Landesregierung auf die operativen Entscheidungen der Landesbank keinen Einfluss nehmen, heißt es in der Antwort der Staatskanzlei.

Das Genossenschaftsmodell, erklärt Meier, funktioniere gut – auch, weil zwischen den unterschiedlichen Wohntypen im Laufe des Lebens gewechselt werden könne. „Wir haben in den Großstädten häufig das Problem, dass ältere Menschen in viel zu großen Wohnungen leben. Sie ziehen aber nicht um, weil sie ansonsten für kleinere Wohnungen mehr Miete bezahlen müssten“, führt er aus. Im Genossenschaftsmodell hingegen funktioniere ein Wohnungstausch problemlos.

„Wir haben in unserer Gemeinde ein Augenmerk auf Baukultur“, sagt Wiesenburgs Bürgermeister Marco Beckendorf (Die Linke), der selbst Mitglied der AG Historische Dorfkerne ist. Das KoDorf liegt unmittelbar hinter dem Bahnhof mit Direktanschluss nach Berlin, ein Naturgolfplatz und der historische Schlosspark sind zudem in unmittelbarer Nähe. „Wir wollten hier keine 08/15-Siedlung hochziehen“, sagt Beckendorf. Das Schrumpfen einer Region könne man nur mit neuen und innovativen Wohnformen aufhalten. Wer künftig am Wiesenburger Bahnhof aussteigt und in den Ort läuft, der solle sehen, dass es hier eine Zukunft gebe. Der Bürgermeister sagt aber auch: „Ich mache drei Kreuze, wenn der erste Bauabschnitt fertig ist.“

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