Patientenbetten auf den Fluren, überhitzte Behandlungsräume, medizinisches Fachpersonal am Rande der Erschöpfung – die Ausnahmetemperaturen in den vergangenen Monaten haben gezeigt: Deutsche Krankenhäuser sind auf extreme Hitze nicht ausreichend vorbereitet. Während Interessenvertretungen die Politik in die Pflicht nehmen und die Bundesregierung diskutiert, ob Klimaanpassung im Grundgesetz verankert werden sollte, macht Rheinland-Pfalz ein weitreichendes Versprechen.
„Unbefriedigend“ – so beschreibt Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), den Hitzeschutz in Krankenhäusern. „Hitzeschutz besteht heute im Wesentlichen aus einfachen Mitteln wie Fensterverschattung, nächtlichem Lüften oder Ventilatoren.“ Das helfe aber nicht, wenn sich in längeren Hitzeperioden Gebäude aufgeheizt hätten und es nachts nicht mehr abkühle. Dann müsse nachhaltig gekühlt werden. Die Möglichkeiten der Krankenhäuser seien hier sehr begrenzt.
Not macht erfinderisch
Dennoch haben Krankenhäuser und Kliniken verschiedenste Maßnahmen entwickelt, um die Hitzewelle für Patienten und Beschäftigte so erträglich wie möglich zu gestalten. Das Universitätsklinikum Freiburg hat beispielsweise in der ersten großen Hitzewelle dieses Jahres eine Taskforce Hitze eingerichtet. Diese bewertet die Belastung einzelner Bereiche, priorisiert Bedarfe und koordiniert kurzfristige Maßnahmen wie das Aufstellen von mobilen Klimageräten, die Einteilung von Kühlzonen und angepassten Arbeitszeiten.
Die Universitätsmedizin Mainz kann bei Bedarf sogenannte Kälteinseln einrichten. Dabei handelt es sich um klimatisierbare Räume, die für gehfähige Patienten und Mitarbeitende als Erholungszonen geöffnet werden. Das Universitätsklinikum Düsseldorf erstellt im Rahmen seines Hitzeschutzplans eine Heat-Map, mit der besonders warme Bereiche im Klinikum identifiziert und Maßnahmen darauf zugeschnitten werden sollen.
Diese Ideen können für kurzfristige Entlastung sorgen, sie reichen aber nicht aus. Für echte Abkühlung braucht es bauliche Anpassungen – doch die sind komplex und von den Krankenhäusern selbst nicht finanzierbar.
Gaß sieht die Politik in der Verantwortung. Länder seien gesetzlich verpflichtet, die tatsächlich anfallenden Kosten für Bauten, Geräte u. Ä. zu tragen – und damit auch von Klimaanlagen. Eine ausreichende Investitionskostenfinanzierung habe in diesem Bereich jedoch über Jahrzehnte hinweg nicht stattgefunden. „Das wenige Geld setzten die Krankenhäuser eher für Investitionen ein, die für die direkte Patientenversorgung unverzichtbar sind.“ Hinzu kämen komplizierte Förderbestimmungen, die die Förderfähigkeit von Klimaanlagen für Patientenzimmer nicht beinhalteten. Anstatt den Krankenhäusern das Wirtschaften weiter zu erschweren – wie zuletzt durch das GKV-Spargesetz – müsse nun konkret investiert werden, damit Krankenhäuser zügig Kühltechnik nachrüsten könnten und sich die Situation bis zum nächsten Sommer spürbar verbessere.
Gemeinsam gegen Überlastung
„Wenn wir nicht wollen, dass Belegschaften in Kliniken, Praxen, Rettungsdienst und Bereitschaftsdienst in heißen Sommern regelhaft überlastet werden, dann müssen wir auch strukturell etwas ändern – und wir müssen jetzt damit beginnen“, heißt es aus der Ärztekammer Nordrhein. Neben finanzieller Unterstützung brauche es ein verbindliches Hitzewarnsystem, das Kliniken, Rettungsdiensten, ambulanten Bereitschaftsdiensten etc. ermögliche, Dienstpläne anzupassen und benötigte Kapazitäten rechtzeitig freizuhalten. „Je nach Lage ist eine überkommunale Zusammenarbeit sinnvoll“, erklärt eine Sprecherin. Diese müsse koordiniert werden und brauche klare Ablaufschemata.
„Bislang gibt es kaum Hilfen von der Politik“, kritisiert auch der Paritätische Gesamtverband. Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Rock fordert daher die Wiederöffnung und Ausweitung des Klimaförderprogramms AnpaSo. Vor allem aber brauche es ein Förderprogramm für die klimaeffiziente Sanierung sozialer Einrichtungen in Milliardenhöhe. „Eine Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung im Grundgesetz wäre ein sichtbares Zeichen dafür, dass Bund und Länder hier gemeinsam Verantwortung übernehmen“, so Rock. Eine solche Grundgesetzänderung hatten die SPD-Bundesminister kürzlich öffentlich gefordert – die CDU steht dem jedoch kritisch gegenüber.
In Vorbildfunktion
Währenddessen ziehen erste Bundesländer ihre Konsequenzen aus den vergangenen Hitzeerfahrungen, auch mit Blick auf die geforderten Investitionen. Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) versprach nun, künftig bei Klimaanpassungs- und Hitzeschutzmaßnahmen in Krankenhäusern auf den Eigenanteil der Einrichtungen zu verzichten. Maßnahmen sollen vollständig durch das Land gefördert werden. Damit diese langfristig Wirkung entfalten, stellt das Gesundheitsministerium zusätzlich 7,5 Millionen Euro für energetische Untersuchungen zur Verfügung. So soll für jeden Standort eine individuelle, nachhaltige und passgenaue Lösung gefunden werden. Auch Nordrhein-Westfalen regiert auf die Erfahrungen der letzten Monate. Krankenhäuser, die in den Krankenhausplan aufgenommen wurden, können hier derzeit eine Förderung aus dem Krankenhaustransformationsfonds beantragen. Besonders ist dabei, dass das Gesundheitsministerium nun festgelegt hat, dass ein Drittel der bewilligten Landesmittel für Klimaanpassungsmaßnahmen verwendet werden müssen – z. B. für Klimatisierung.
Einige Länder erhoffen sich finanzielle Unterstützung von der Bundesebene. Das Bundesministerium der Gesundheit (BMG) sieht seine Aufgabe jedoch in Aufklärung und Prävention. Hitzeschutzmaßnahmen in Krankenhäusern und Kliniken verortet es in der Verwaltungsund Finanzierungskompetenz der Länder. Zur Unterstützung stellt der Bund neben Informationsportalen einen Musterhitzeschutzplan für Krankenhäuser zur Verfügung. Dieser ist jedoch nicht bindend. Während sich die Ärztekammer Nordrhein hier mehr Verbindlichkeit wünscht, warnt der DKG-Vorsitzende Gaß genau davor: „Immer mehr Regulierung löst keine Probleme, sie schafft nur neue.“ Es fehle Krankenhäusern weder an Erkenntnissen noch am Willen, Hitzeschutz für Patienten und Beschäftigte umzusetzen. Hitzepläne könnten dabei helfen, Verantwortlichkeiten und Abläufe festzulegen. Temperaturen könnten aber nur durch entschiedene Investitionen in Kühltechnik gesenkt werden. „Die Politik muss jetzt aufhören, über Hitzeschutz zu diskutieren und so schnell wie möglich handeln.“




