Jetzt sollen auch die Kinder und Jugendlichen ran. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) macht sich dafür stark, Zivile Verteidigung und Bevölkerungsschutz-Themen in die Schulen zu bringen. Die Reaktionen darauf sind gemischt – ganz nach Profession.
Schülerinnen und Schüler sollen schon eine Menge lernen. Je nach Aussage sollen Kinder und Jugendliche neben Mathe, Deutsch, Englisch, Chemie und Geschichte auch den Umgang mit KI, BWL oder „Glück“ erlernen. Jetzt kommt ein weiteres Wunschfach hinzu. „Zivile Verteidigung gehört in die Schulen. Vorsorge schafft Sicherheit. Unsere Schüler werden damit zu klugen Krisenvorsorge-Kennern: Sie tragen das Wissen so direkt in die Familien hinein“, erklärte kürzlich Dobrindt. Der Bundesinnenminister schlägt eine verpflichtende Doppelstunde pro Halbjahr zu Themen der Krisenvorsorge vor. In der Unterrichtseinheit sollen Schülerinnen und Schüler Praxiswissen dazu erwerben, wie sie sich bei Stromausfällen oder Naturkatastrophen zu verhalten haben. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI) erklärt, dass die Bürgerinnen und Bürger durch die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten grundsätzlich in die Lage versetzt werden sollten, sich selbst und anderen in einer Notlage zu helfen. Stichworte: Selbstschutz und Selbsthilfe. Dobrindt will das Thema in die kommende Frühjahrssitzung der IMK einbringen. Weiter erklärt ein Sprecher des BMI: „In ihrer vergangenen Herbstsitzung hat sich die Innenministerkonferenz mit dem Thema ‚Aufnahme von Bevölkerungsschutzthemen in den Schulunterricht‘ befasst. Die IMK sieht die Einbindung von Themen des Bevölkerungsschutzes in den Schulunterricht als wirksames Mittel, um die Selbstschutz- und Selbsthilfefähigkeiten der Bevölkerung flächendeckend und nachhaltig zu stärken.“ Die Forderung nach einem solchen Schulfach ist nicht wirklich neu. Schon die Bundesbildungsministerin der Ampelkoalition, Bettina Stark-Watzinger (FDP), machte sich für Katastrophenfallübungen in Schulen stark und verwies auf Großbritannien als Vorbild. „Dort gehören Übungen für den Katastrophenfall an Schulen zum Alltag.
Davon können wir lernen“, so die damalige Bildungsministerin. Schon damals war das Echo gemischt. So auch dieses Mal.
Politische Reaktionen auf den Vorschlag von Dobrindt waren erwartbar: Linke und AfD werfen dem CSU-Politiker wahlweise „Kriegstreiberei“ (AfD) oder das „Schüren von Angst“ (Linke) vor. Von den Grünen sind eher positive Signale zu entnehmen.
Auch bei den verschiedenen Interessenverbänden zeigt sich eine unterschiedliche Sichtweise auf das Thema. „Wir stehen dafür ein, dass Sicherheit, Bildung und gesellschaftliche Resilienz Hand in Hand gehen“, heißt es vom Deutschen Feuerwehrverband (DFV). DFV-Präsident Karl-Heinz Banse erklärt auf Anfrage: „Die Resilienz unserer Gesellschaft beginnt in den Schulen. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wie man sich in Krisen eigenständig schützt, Hilfe leistet und solidarisch handelt.“ Die Kinder und Jugendlichen würden dann als Multiplikatoren in die Familien zurückkehren. So könnten dann bestenfalls Maßnahmen zur Resilienzbildung in den Haushalten umgesetzt werden.
Das ist zumindest die Hoffnung von Banse. Krisenvorsorge gehöre unverzichtbar zum schulischen Bildungsauftrag. Die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) begrüßt den Vorschlag: „Der Vorstoß ist grundsätzlich zeitgemäß und sinnvoll.“ Es folgt aber ein großes Aber und dies zeigt die Problematik des deutschen Bildungssystems auf: „Aus unserer Erfahrung heraus ist jedoch davon auszugehen, dass es bei der Umsetzung erhebliche Herausforderungen geben wird. Insbesondere ist mit Vorbehalten seitens einzelner oder mehrerer Bundesländer zu rechnen. Vergleichbare Diskussionen kennen wir bereits aus dem Bereich der Brandschutzerziehung, wo häufig Argumente wie überfüllte Lehrpläne angeführt werden.“
BOS kann Lücke nicht füllen
Der Hoffnung, dass (ehrenamtliche) Kräfte der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) in die Bresche springen könnten, erteilt die vfdb ebenfalls eine Absage. Zwar gebe es zahlreiche Helferinnen und Helfer, die schon Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung leisteten, jedoch mahnt die vfdb: „Es sollte realistisch eingeschätzt werden, dass eine flächendeckende, jährliche Schulung aller Schülerinnen und Schüler durch ehrenamtliche Kräfte nicht leistbar ist.“ Zielführender erscheine daher ein Ansatz, bei dem Lehrkräfte entsprechend qualifiziert würden, diese Inhalte selbst zu vermitteln. Banse zeigt sich überzeugt, dass man auf bestehende Konzepte aufbauen könne. So könne man die Lerninhalte der Selbstvorsorge an die Inhalte zur Brandschutzerziehung andocken. „Wir haben gemeinsam bereits Materialien entwickelt, mit denen Lehrkräfte gezielt auf Naturkatastrophen und Stromausfälle vorbereiten können“, erklärt der DFV-Präsident zur Umsetzung.
Doch genau hier liegt das Problem. „Man lernt im Tun, nicht in einer Doppelstunde Katastrophenschutz. Das müssen wir klar sagen: Dieses Wissen aus einer Projektstunde verankert sich nicht und wird auch nicht in die Familie getragen. Die Broschüren landen im Papierkorb“, kommentiert Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), den Vorschlag von Dobrindt. Wer Kinder und Jugendliche auf den Ernstfall vorbereiten wolle, brauche eine Schule, die sie darauf ganzheitlich vorbereite.
Auch von Seiten der betroffenen Jugend wird der Vorstoß grundsätzlich begrüßt, Handlungskompetenz im Umgang mit Ausnahmelagen zu vermitteln. „Wichtig ist jedoch, dass der Fokus nicht einseitig auf politisch oder militärisch bedingten Konflikten liegt“, sagt Joel Morales Kaufhold, Sprecher des Jugendgemeinderat Stuttgart. Z. B. Klimawandelauswirkungen dürften nicht unter den Tisch fallen. „Gleichzeitig darf eine solche Erweiterung schulischer Inhalte nicht zu Lasten anderer zentraler Themen gehen“, so Kaufhold.
Rollenverteilung in der Familie
Die Länder, die für die Bildung zuständig sind, zeigen sich nicht komplett überzeugt. „Die niedersächsische Kultusministerin hat in den vergangenen Monaten klar zum Ausdruck gebracht, dass sie das Ansinnen durchaus für berechtigt hält. Denn wir fragen uns ja alle: Wie kann man sich auf Katastrophenszenarien vorbereiten? Was passiert, wenn ein Krieg stattfindet, der auch Deutschland betrifft, wenn es Angriffe auf unsere Versorgungsnetze gibt?“, erklärt das niedersächsische Kultusministerium. Solche Themen gehörten natürlich in die Schule. Doch auch die geforderte Doppelstunde wird in Hannover kritisch gesehen. Diese Forderung bleibe plakativ und sei nicht wirklich zielführend. Einige Themen würden jetzt schon behandelt. Wenn der Bund dazu Materialien entwickele, sei das zwar grundsätzlich zu begrüßen. Wichtig sei aber: Schulen könnten nicht reparieren, was in Familien (nicht) stattfinde. „Kinder sollen nicht ihre Familien informieren, was sie bei einem Stromausfall oder Bombenszenario tun müssen. Das kann nicht die Rolle von Schülerinnen und Schülern sein“, stellt das Kultusministerium in Niedersachsen klar. Eine einzelne „Doppelstunde Katastrophenschutz“ werde insofern der Herausforderung nicht gerecht.






