Welche Investitionen braucht es, um angesichts des fortschreitenden Klimawandels die öffentliche Wasserversorgung sicherzustellen und wie kann dies finanziert werden? Darüber sprach Martin Weyand, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), mit dem Behörden Spiegel. Die Fragen stellte Anne Mareile Moschinski.
Behörden Spiegel: Vor kurzem hat der BDEW eine Studie veröffentlicht, die erstmals versucht, die klimabedingten Mehrkosten für die Wasserversorgung zu quantifizieren. Danach ist in den kommenden zehn Jahren mit bis zu 30 Prozent höheren Gesamtinvestitionen zu rechnen. Hat Sie das Ergebnis überrascht?
Martin Weyand: Die Studie systematisiert die klimainduzierten Kosten und schafft eine Übersicht. Das Ergebnis: Der Anteil der klimawandelbedingten Investitionen an den Gesamtinvestitionen der untersuchten Unternehmen liegt zwischen sieben und 30 Prozent. Legt man die aktuellen Investitionsvolumina der öffentlichen Wasserversorgung von rund 4,5 Milliarden Euro jährlich zugrunde, ergibt sich für die nächsten zehn Jahre ein zusätzliches Investitionsvolumen für die Auswirkungen des Klimawandels zwischen 3,2 und 13,5 Milliarden Euro. Auslöser hierfür sind vor allem geplante Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz und Versorgungssicherheit in klimawandelbedingt längeren Spitzenlastphasen sowie Investitionen in Hochwasser- und Trinkwasserschutz.
Damit werden die Kosten erstmals bezifferbar, gleichzeitig wird deutlich: Bestimmte Maßnahmen müssen entgelt- und umlagefähig bleiben. Wenn es um größere Investitionen geht – z. B. um den Bau von Leitungen oder um die Restrukturierung von Wasserwerken und Wassergewinnungsanlagen – dann ist eine finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand zwingend nötig.
Behörden Spiegel: Welche staatlichen Finanzierungswege gäbe es aus Ihrer Sicht?
Weyand: Bedingt durch den Klimawandel haben wir es regional differenziert mit einem Rückgang des Grundwasserspiegels zu tun. Parallel haben wir in einigen Regionen weiterhin eine hohe Nitratbelastung durch die Landwirtschaft, mit einer teilweisen Überschreitung der Nitrat-Grenzwerte. Würde man die durch eine Aufbereitung entstehenden Kapital- und Investitionskosten auf die Bürgerinnen und Bürger umlegen, kann dies zu erhöhten Entgelten führen. Zum Beispiel hat die PFAS-Aufbereitung in Rastatt zu einer Verdopplung der Trinkwasserpreise geführt. Deshalb wäre die Einrichtung eines staatlichen Fonds sinnvoll, der Investitionen in die öffentliche Wasserversorgung unterstützt.
Behörden Spiegel: Wie muss eine resiliente Wasserversorgung aufgebaut sein und was können Stadtwerke und Wasserversorger unternehmen, um ihre Resilienz zu stärken?
Weyand: Wir müssen uns in Zukunft auf einen stärkeren Temperaturanstieg einstellen. Das führt zu einer Verminderung des zur Verfügung stehenden Wassers und einer steigenden Temperatur des Grundwassers. Leitungen müssen daher möglicherweise niedriger verlegt werden. Hochbehälter müssen besser isoliert werden, damit sie weniger temperaturanfällig sind und wir brauchen größere Brunnenkapazitäten, aber auch höhere Kapazitäten für die Aufbereitung in den Wasserwerken.
Behörden Spiegel: Welche Möglichkeiten haben Wasserversorger darüber hinaus, um die geringer werdenden Wassermengen zu kompensieren?
Weyand: Geringer werdende Wassermengen sind regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Deutschland ist insgesamt ein wasserreiches Land, es ist vor allem eine Frage der Verteilung. Städte und Gemeinden haben die Möglichkeit, mit anderen Gemeinden zu kooperieren. Bei klimawandelbedingten Ausfällen von Einspeisepunkten oder dem Ausfall von Brunnen können beispielsweise die Wasserleitungsnetze von Ortsteilen oder ganzen Kommunen miteinander verknüpft werden. Auch besteht die Möglichkeit zu prüfen, ob Fernwasserversorgung als zusätzliche Einspeisung in ein kommunales Wasserkonzept integriert werden kann. In den vergangenen Jahren wurde auch intensiv an der künstlichen Grundwasseranreicherung geforscht. Dabei wird Oberflächenwasser z.B. aus einem Fluss auf geschützten Flächen gezielt versickert, um die Grundwasserstände zu stärken. Die Anforderungen an die Investitionen sind je nach Gebiet sehr unterschiedlich.
In küstennahen Gebieten gibt es zunehmend das Problem der Salzwasser-Intrusion. Der Rückgang von Süßwassermengen ermöglicht hydrologisch das Nachdringen von Salzwasser. Hier kann unter Umständen der Bau von Entsalzungsanlagen geprüft werden. In anderen Regionen steht die Frage im Raum: Müssen Talsperren ausgebaut werden? In Rheinland-Pfalz und dem Saarland wurden zum Beispiel zwei Talsperren miteinander verknüpft, um eine höhere gegenseitige Mengenverfügbarkeit und Resilienz zu schaffen.
Behörden Spiegel: Nachdem Sie nun eine Reihe an Anpassungsmaßnahmen definiert haben: Über welchen Zeitraum sprechen wir, wenn es darum geht, die Maßnahmen umzusetzen?
Weyand: Das hängt sehr stark von der Maßnahme ab. Der Bau eines neuen Wasserwerks kann gut und gerne zehn oder sogar 20 Jahre dauern. Deshalb setzt sich der BDEW auch dafür ein, dass Genehmigungsprozesse für Wasserinfrastrukturen in Zukunft schneller vonstattengehen. Wir brauchen keine Minderung der qualitativen Anforderungen, aber eine höhere Geschwindigkeit, um dem Klimawandel zu begegnen.
Im Wasserbereich ist der Klimawandel angekommen. Deshalb müssen wir mit Maßnahmen gegensteuern. Im Falle eines Wassermangels sollte die öffentliche Trinkwasserversorgung Vorrang haben. Sie dient als Trinkwasser, der Hygiene, der Zubereitung von Essen und der Entsorgung von Abwasser. Ohne Trinkwasserversorgung haben wir auch keine Abwasserentsorgung. Bei allen Vorbereitungs- und Umstellungsmaßnahmen muss das mitgedacht werden.





