- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -
StartSicherheitPunktuell massive Zerstörung

Punktuell massive Zerstörung

Das Erdbeben in Venezuela hat die Menschen hart getroffen. Mehrere tausend Menschen haben ihr Leben verloren. Viele gelten noch als vermisst. Viele internationale Katastrophenschutzorganisationen leisteten Hilfe. Darunter auch die deutsche Hilfsorganisation @fire. Florian Zonker, Leiter des Einsatzteams, erklärt im Interview, wie die Lage vor Ort ist und welche Lehren die Organisation aus dem Einsatz zieht. Die Fragen stellte Bennet Biskup-Klawon.

Behörden Spiegel: Wie sieht die Lage vor Ort aus?

Florian Zonker: Es ist ein bisschen anders als in der Türkei. Die Zerstörungen sind nicht so großflächig. Dort, wo sie aufgetreten sind – vor allem punktuell entlang des Küstenstreifens –, sind sie allerdings massiv. Insbesondere größere Gebäude mit zehn, zwölf oder sogar 15 Stockwerken sind komplett eingestürzt. Das Ausmaß der Zerstörung ist dort wirklich enorm.

Behörden Spiegel: Wie geht es den Menschen vor Ort?

Zonker: Das ist schwer einzuschätzen. Uns gegenüber waren die Menschen ausgesprochen freundlich. Wir haben eine große Hilfsbereitschaft und eine beeindruckende Willkommenskultur erlebt. Das war völlig unproblematisch.

Unser Eindruck war, dass die Verzweiflung insbesondere am ersten Tag noch sehr groß war. Unsere erste Nacht vor Ort – in der Nacht von Freitag auf Samstag – war geprägt von einer gewissen Resignation. Im Laufe der Zeit hat sich das aber verändert. Man hatte das Gefühl, dass die Rettungsarbeiten noch einmal deutlich an Dynamik gewonnen haben und dadurch auch neue Hoffnung entstanden ist.

Behörden Spiegel: Wie lief der Einsatz konkret ab? Was haben Sie vor Ort gemacht?

Zonker: Nachdem wir angekommen waren, haben wir zunächst Kontakt zu den Erdbebenrettungsteams aufgenommen, die bereits vor Ort im Einsatz waren. Für solche Lagen gibt es ein international abgestimmtes System unter dem Dach der Vereinten Nationen, dem sich alle beteiligten Teams verpflichtet haben. Die ersten Einheiten hatten den Koordinierungsmechanismus bereits aufgebaut, und wir sind dann unmittelbar in diese Strukturen eingestiegen.

In unserer ersten Nacht haben wir zunächst mit einer Erkundung begonnen und eine sogenannte Triage durchgeführt. Dabei verschafft man sich einen Überblick darüber, an welchen Gebäuden noch realistische Überlebenschancen bestehen. Die Gebäude werden in die Kategorien A bis D eingeteilt: Kategorie A bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch oder bereits bestätigt ist, dass sich noch Überlebende im Gebäude befinden und eine Rettung aussichtsreich ist. Bis Kategorie D nimmt diese Wahrscheinlichkeit entsprechend ab – dort geht man davon aus, dass keine Menschen mehr lebend gerettet werden können.

Ziel ist es, sich möglichst schnell einen Überblick über den zugewiesenen Einsatzsektor zu verschaffen, um die begrenzten personellen und technischen Ressourcen dort einzusetzen, wo sie die größte Wirkung entfalten können.

Nachdem diese erste Lagebeurteilung abgeschlossen war, begannen wir mit der Suche an den Einsatzstellen, die uns zugewiesen wurden. In den folgenden Tagen haben wir zahlreiche Gebäude abgesucht – mit Rettungshunden und technischen Ortungsgeräten –, in der Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Leider ist uns das in diesem Einsatz nicht gelungen.

Behörden Spiegel: Wie gehen Sie mit dem Stress um? Gibt es während des Einsatzes jemanden, der Sie psychologisch betreut?

Zonker: Nein, während des Einsatzes gibt es keine psychologische Betreuung. Nach der Rückkehr haben wir jedoch ein strukturiertes Nachsorgekonzept. Dabei kümmern wir uns um unsere Teammitglieder und nehmen auch in den Wochen danach immer wieder Kontakt auf.

Während des Einsatzes selbst ist man so fokussiert auf die Aufgabe, dass man die wenigen freien Momente vor allem zum Schlafen oder Ausruhen nutzt. Gleichzeitig tauscht man sich innerhalb des Teams aus. Vieles wird dort gemeinsam aufgefangen.

Behörden Spiegel: Sie waren gemeinsam mit anderen Organisationen im Einsatz, unter anderem mit dem THW und weiteren internationalen Teams. Wie lief die Zusammenarbeit ab?

Zonker: Insgesamt hat die Zusammenarbeit hervorragend funktioniert. Viele von uns kennen sich bereits von internationalen Treffen und Übungen. Es gibt ein weltweites Klassifizierungssystem für Erdbebenrettungsteams, und wir sind dort selbst auch als Prüfer tätig.

Unsere direkten Nachbarn im Base of Operations waren beispielsweise die italienischen Kollegen. Mit ihnen war ich erst wenige Wochen zuvor im Rahmen einer Klassifizierung zusammen gewesen. Man kennt sich also häufig schon persönlich.

Das schafft eine gute Basis für die Zusammenarbeit. Alle verfolgen dasselbe Ziel, verfügen über eine vergleichbare Ausbildung und arbeiten nach denselben internationalen Standards. Natürlich gibt es im Detail kleinere Unterschiede zwischen den einzelnen Teams, aber insgesamt funktioniert diese internationale Zusammenarbeit außergewöhnlich gut – gerade wenn man bedenkt, dass die Einsatzkräfte aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen.

Behörden Spiegel: Wie lief die Zusammenarbeit mit den venezolanischen Behörden vor Ort?

Zonker: Direkt mit der Katastrophenschutzbehörde haben wir nicht zusammengearbeitet. Diese Abstimmung lief über die internationale Koordinierungsstelle. Unser unmittelbarer Ansprechpartner vor Ort war das Militär.

Bei jedem Einsatz im Gelände wurde uns eine Militärpatrouille zur Seite gestellt, die uns begleitet hat. Das hat sehr gut funktioniert. Die Soldaten haben Transporte organisiert, sich um die Logistik gekümmert und darauf geachtet, dass wir sicher arbeiten konnten. Insgesamt waren sie sehr engagiert und unterstützend.

Behörden Spiegel: Wie lief nach Ihrer Rückkehr die Einsatznachbereitung ab?

Zonker: Direkt nach unserer Rückkehr haben wir auf dem Fliegerhorst eine erste Nachbesprechung durchgeführt – ein sogenanntes Hotwash. Dabei haben wir die wichtigsten Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, solange sie noch frisch waren. Wir haben besprochen, was gut funktioniert hat, wo wir unsere Abläufe verbessern können und welche Prozesse wir für künftige Einsätze anpassen sollten.

Außerdem haben wir das Thema psychosoziale Nachsorge angesprochen. Alle Teammitglieder sind zwar entsprechend geschult, dennoch haben wir noch einmal darauf hingewiesen, welche Reaktionen nach einem solchen Einsatz völlig normal sind. Gleichzeitig haben wir erläutert, welche Anzeichen darauf hindeuten können, dass eine weitergehende Unterstützung sinnvoll wäre. Kontaktdaten wurden ausgetauscht, sodass jederzeit Hilfe in Anspruch genommen werden kann.

Anschließend wurden alle Teammitglieder noch ärztlich untersucht beziehungsweise gesundheitlich überprüft, um sicherzustellen, dass jeder ohne Einschränkungen nach Hause fahren konnte. Danach wurde der Einsatz offiziell beendet.

Behörden Spiegel: Welche Erkenntnisse nehmen Sie für zukünftige Einsätze mit?

Zonker: Das sind oft viele kleine Erkenntnisse. Wir haben an verschiedenen Stellen gesehen, wo wir unsere Abläufe noch verbessern können. Ein wichtiges Thema waren beispielsweise die klimatischen Bedingungen. Es war außergewöhnlich heiß, bei gleichzeitig sehr hoher Luftfeuchtigkeit.

Deshalb werden wir uns unsere Ausrüstung noch einmal genau anschauen. Wir brauchen beispielsweise bessere Möglichkeiten, Schatten zu schaffen, ohne uns in Zelte zurückziehen zu müssen. Dort wurde es nämlich ebenfalls sehr heiß. Solche Erfahrungen sammeln wir jetzt systematisch und arbeiten sie anschließend auf.

Behörden Spiegel: Sie haben eingangs schon den Vergleich zum Erdbebeneinsatz in der Türkei gezogen. Wie ordnen Sie diesen Einsatz im Vergleich dazu ein?

Zonker: Der größte Unterschied war zunächst einmal die Ausdehnung des Schadensgebiets. In der Türkei war die betroffene Fläche deutlich größer. Außerdem waren die klimatischen Bedingungen völlig anders. Damals arbeiteten wir bei großer Kälte, nachts fielen die Temperaturen auf minus 15 Grad Celsius. In Venezuela lagen die Temperaturen nachts bei circa 30 Grad Celsius.

Ein weiterer Unterschied ist, dass in der Türkei deutlich mehr Menschen lebend gerettet werden konnten. Woran das genau liegt, können wir derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Das werden wir im Rahmen der Einsatzauswertung noch genauer analysieren. Fest steht aber, dass wir in der Türkei deutlich erfolgreicher waren als bei diesem Einsatz.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein