Das Bundesfinanzministerium legt einen Referentenentwurf für eine Finanzbildungsstrategie vor. Darin sind mehr als 30 Maßnahmen enthalten, die vor allem benachteiligte Bevölkerungsgruppen über Geldanlage, Altersvorsorge und das allgemeine Finanzsystem informieren sollen. Aus Sicht von Gewerkschaften greift das Strategiepapier zu kurz.
Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll die finanzielle Bildung in Deutschland merklich verbessert werden, mit dem Ziel: Alle Bürgerinnen und Bürger sollen in Zukunft Finanzentscheidungen treffen können, die verantwortungsvoll und ihrer Lebenssituation angemessen sind. Mittel zum Zweck ist ein Referentenentwurf für eine nationale Finanzbildungsstrategie, den das Bundesfinanzministerium (BMF) kürzlich vorgelegt hat und der im kommenden Jahr umgesetzt werden soll.
Überdurchschnittliche Finanzkompetenz in Deutschland
An dem Strategieentwurf wurde mehrere Jahre gearbeitet. Dabei fußt der Entwurf auf mehreren Berichten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Finanzbildung in Deutschland. Demnach schnitten Bürgerinnen und Bürger mit geringem Einkommen sowie niedriger formaler Bildung deutlich schlechter ab als Personen mit höherem Einkommen oder höheren Bildungsabschlüssen. Auch verfügten Frauen im Durchschnitt über weniger Finanzwissen und würden ihr eigenes Wissen zurückhaltender einschätzen als Männer. Zwar zeigten jüngere Menschen ein wachsendes Interesse an Finanzen, bilanziert die OECD weiter – gleichzeitig würden sie sich aber unzureichend informiert fühlen, wenn es beispielsweise um das Thema Altersvorsorge geht. Die OECD attestiert der Bundesrepublik aber insgesamt eine im europäischen Vergleich überdurchschnittliche Finanzkompetenz.
Die vom BMF veröffentlichte Strategie fokussiert drei wesentliche Punkte: den Aufbau von Wissen, die Befähigung zur Wissensanwendung sowie die „Förderung von Einstellungen“, damit ein langfristig orientiertes Finanzverhalten möglich ist. Mit mehr als 30 Maßnahmen will das BMF insbesondere benachteiligte Bevölkerungsgruppen über Geldanlage, Altersvorsorge, aber auch das allgemeine Finanzsystem informieren. Um das zu erreichen, sollen unter anderem nationale Finanzbildungsbotschafter eingesetzt werden, die „Finanzbildung sichtbar machen und Bürgerinnen und Bürger direkt erreichen“. Geplant ist, dass sie über soziale Medien und klassische Medienformate, auf Veranstaltungen und bei öffentlichen Debatten informieren.
Ökonomisches Grundwissen in frühen Jahren fördern
Auch die Finanzbildung an den Schulen soll verbessert werden: Expertinnen und Experten der Deutschen Bundesbank sollen dort „grundlegende ökonomische Inhalte“ vermitteln und so dabei helfen, ökonomisches Grundwissen bereits in frühen Jahren aufzubauen. Auch für die Internetseite der Deutschen Bundesbank sind Angebote zur Finanzbildung geplant. Ein weiteres Vehikel ist die Finanzbildungsplattform „Mit Geld und Verstand“, auf der unabhängige und verständliche Angebote des Bundes bereitgestellt werden. Damit die geplante Finanzbildungsstrategie auf fruchtbaren Boden fällt, fordert das BMF einen regelmäßigen Austausch zwischen Bund und Ländern sowie zivilgesellschaftlichen und privaten Stakeholdern.
Der Deutsche Bankenverband begrüßt die Strategie in ihrer vorliegenden Form, weil sie sich nicht nur auf die schulische Bildung konzentriere, sondern auch das Thema Altersvorsorge und Prävention vor Überschuldung in den Fokus nehme, erklärte Hauptgeschäftsführer Heiner Herkenhoff in einer Informationsveranstaltung des Bankenverbands. Der angedachte Zeitraum von fünf Jahren könne allerdings nur ein Einstieg sein. „Das Thema Finanzbildung darf nicht nach fünf Jahren zu Ende sein“, sagte Herkenhoff weiter.
Dabei hob der Verband lobend hervor, dass der Referentenentwurf alle Lebenslagen sowie das Thema Gründung ins Visier nehme. Frauke Revermann, Leiterin Finanzbildung beim Deutschen Bankenverband, machte zudem die Bedeutung deutlich, Jugendliche mit der Strategie zu erreichen. „Wenn die Menschen erst einmal im Erwachsenenalter sind, wird es viel schwieriger, sie anzusprechen“, sagte sie.
Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) geht der vorliegende Referentenentwurf (DGB) ebenfalls in die richtige Richtung, er attestiert dem Papier aber auch „erhebliche Nachbesserungsbedarfe“. Es werde in der Strategie suggeriert, dass der Mangel an Information und Unwissen letztlich zu Zurückhaltung am Kapitalmarkt führe. Stattdessen habe mangelnder Vermögensaufbau am Kapitalmarkt seine Ursache nicht in „individuellen Informationsdefiziten“, sondern in der „strukturell bedingten Vermögens- und Einkommensungleichheit in Deutschland“. Nach einer Studie von Finanzwende Recherche verfüge fast die Hälfte der Deutschen über ein Bruttovermögen von lediglich 6.000 Euro. Für den Großteil der Gesellschaft sei damit das potenzielle Anlagevermögen zu gering.
Mehr Investitionen in Bildungs- und Betreuungssystem
Weiter unterstreicht der DGB in einer Stellungnahme: Es dürfe nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Menschen mit niedrigem Einkommen lediglich mehr Finanzwissen benötigten, um ihre finanzielle Situation zu verbessern. „Eine solche Perspektive greift zu kurz und muss den Lernenden geradezu zynisch vorkommen, da sie die sozioökonomischen Rahmenbedingungen ausblendet, unter denen Menschen ihre finanziellen Entscheidungen treffen müssen“, heißt es in dem Statement der Gewerkschaft. Ihre Forderung: Mehr Investitionen in das Bildungs- und Betreuungssystem seien notwendig, damit Menschen mit geringem Einkommen nicht zunehmend ausgegrenzt würden und Armut immer weitervererbt werde.
BU: Nach der Finanzbildungsstrategie aus dem BMF sollen unter anderem spezielle Bildungsbotschafter die Bevölkerung über den Vermögensaufbau am Kapitalmarkt aufklären. (Foto: BS/Sulastri, stock.adobe.com)





