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Auf eigenen Beinen

Morgendliches Verkehrschaos vor Kindertagesstätten gehört für viele Familien zum Alltag, doch der Griff zum Auto schürt einen gefährlichen Teufelskreis. Im Interview mit Julian Faber erklärt Stephanie Päßler, Projektleiterin beim Verkehrsclub Deutschland (VCD), wie Städte und Gemeinden durch Schulstraßen und eine kinderfreundliche Infrastruktur die aktive Mobilität der Jüngsten stärken können.

Behörden Spiegel: Sie leiten beim VCD das Projekt „Aktive Mobilität in Kitas und Kommunen“. Wenn man morgens vor vielen Kindergärten das Verkehrschaos durch sogenannte Elterntaxis sieht: Wie dramatisch hat sich das Mobilitätsverhalten der Kleinsten in den letzten Jahren gewandelt?

Stephanie Päßler: Das Mobilitätsverhalten von Kindern hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Kinder im Alter bis sechs Jahren legen die Hälfte ihrer Wege als Mitfahrende im Auto zurück. Auch auf Wegen, die früher selbstverständlich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Roller zurückgelegt wurden, kommt heute häufiger das Auto zum Einsatz. Besonders vor Kitas und Schulen wird das durch die sogenannten Elterntaxis sichtbar: Wenn zu Bring- und Abholzeiten viele Autos gleichzeitig unterwegs sind, entstehen schnell unübersichtliche und teilweise gefährliche Situationen. Dies bestätigt eine repräsentative forsa-Umfrage zum Thema Schulwege-Sicherheit, laut der fast ein Fünftel der Kinder mit dem Auto zur Schule gefahren werden. Die Umfrage zeigt außerdem, dass rund ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen mindestens einmal wöchentlich eine gefährliche Situation vor der eigenen Schule erlebt, die durch Eltern, die ihr Kind mit dem Auto zur Schule bringen, entsteht. Das kann dazu führen, dass Eltern den selbstständigen Weg ihres Kindes als zu unsicher empfinden und deshalb erst recht das Auto nutzen – ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen. Sichere Fuß- und Fahrradwege sowie Tempo 30 sind grundlegende Maßnahmen für ein kindgerechtes Verkehrssystem, das aktive Mobilität fördert.

Behörden Spiegel: An welchen Stellen stoßen die Kommunalverwaltungen bei der Entschärfung dieses Teufelskreises von Gefahrenzonen im Kita-Umfeld am häufigsten an ihre Grenzen?

Päßler: Kommunen haben Handlungsspielräume, um den Autoverkehr vor Kitas und Schulen einzudämmen. Diese Spielräume müssen sie nutzen, zum Beispiel indem sie Schulstraßen umsetzen, die nachweislich das Elterntaxi-Chaos reduzieren. Ein Landeserlass zu Schulstraßen unterstützt Kommunen bei der Umsetzung wie ein Blick nach NRW zeigt. Auf Bundesebene würde die Aufnahme von Schulstraßen in die StVO inklusive eines eigenen Verkehrsschildes nach österreichischem Vorbild helfen. Auch die teilweise langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahren sind für die Kommunen ein Hindernis. Deshalb braucht es sowohl langfristige bauliche Lösungen als auch Maßnahmen, die kurzfristig umgesetzt werden können. Dazu gehören etwa Hol- und Bringzonen in Nähe der Kitas, ergänzt durch temporäre Schulstraßen.

Behörden Spiegel: Das Projekt bindet neben Kitas und Eltern ganz bewusst auch die Städte und Gemeinden ein. Welche konkreten baulichen oder organisatorischen Maßnahmen erwarten Sie von einer modernen Kommune, um den Weg in die Kita für Kinder zu Fuß oder per Rad attraktiv zu gestalten?

Päßler: Kommunen sollten über kindgerechte, sichere und dichte Fuß- und Radwegenetze verfügen, die Schulen, Kitas und Wohngebiete lückenlos miteinander verbinden. Dazu gehören übersichtliche Kreuzungen, sichere Querungen, ausreichend lange Ampelphasen, geschützte Radwege und Tempolimits. Wichtig ist außerdem Fuß- und Radverkehr zu trennen, wo gemeinsame Wege zu Konflikten führen können. Gleichzeitig muss der Autoverkehr im direkten Umfeld von Schulen und Kitas verringert werden, beispielsweise durch Schulstraßen.

Behörden Spiegel: Wer von klein auf im Auto gefahren wird, prägt sein Mobilitätsverhalten nachhaltig. Inwiefern ist die Mobilitätsbildung in Kitas aus Ihrer Sicht ein völlig unterschätzter Hebel, um langfristig auch den Druck auf den städtischen Verkehrsraum zu verringern?

Päßler: Kinder entwickeln früh Vorstellungen davon, wie Mobilität im Alltag funktioniert und etablieren entsprechende Gewohnheiten. Wenn der Weg zur Kita selbstverständlich mit dem Auto zurückgelegt wird, sammeln sie weniger Erfahrung damit, sich selbstständig zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewegen. Hier kann Mobilitätsbildung ansetzen: Kinder üben spielerisch, sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen, schulen ihre Sensomotorik und lernen unterschiedliche Verkehrsmittel wie Laufrad, Roller und Fahrrad kennen. Dabei geht es nicht darum, Familien vorzuschreiben, wie sie sich fortbewegen sollen. Vielmehr ermöglicht es Kindern, neue Kompetenzen zu entwickeln und eigene Erfahrungen mit aktiver Mobilität zu sammeln. In Verbindung mit einer sicheren Infrastruktur festigen sich dadurch neue Mobilitätsroutinen. Das fördert die Gesundheit und Selbstständigkeit der Kinder – und davon profitieren letztlich wir alle.

Behörden Spiegel: Das Projekt läuft noch bis Anfang 2027. Was sind die wichtigsten Forderungen an die kommunalen Entscheiderinnen und Entscheider, damit die gewonnenen Erkenntnisse aus den Modellkommunen dauerhaft in die alltägliche Stadtplanung einfließen?

Päßler: Durch altersgerechte Beteiligungsformate muss die Perspektive von Kindern dauerhaft in der Verkehrs- und Stadtplanung verankert werden. Sichere Wege zur Kita sollten kein Einzelprojekt bleiben, sondern zum festen Bestandteil kommunaler Planung werden. Dafür benötigen Kommunen ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen sowie klare politische Rahmenbedingungen. Eine kindgerechte Infrastruktur muss bereits bei der Planung von Straßen, Quartieren und neuen Kitas berücksichtigt werden. Entscheidend ist ein enger Austausch zwischen Verwaltung, Kitas, Eltern und Kindern. Die Erfahrungen aus den Modellkommunen können dabei helfen, erfolgreiche Ansätze dauerhaft in die kommunale Praxis zu übertragen.

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