Die Wirtschaft fordert mehr souveräne Clouds in Deutschland – und dafür mehr Rechenzentren sowie den Staat als Ankerkunden, wird selbst aber immer abhängiger von US-Clouds. Die Regierung will die Rechenzentren-Kapazitäten in vier Jahren verdoppeln, während die Energiewende ausgebremst wird. Die gesellschaftliche Akzeptanz für den Rechenzentren-Ausbau könnte kippen und den Ausbau wirklich souveräner Clouds in Deutschland gefährden.
In der Wirtschaft nutzen immer mehr Unternehmen Cloud-Dienste und werden dabei immer abhängiger. Laut dem „Bitkom Cloud Report 2026“ finden 85 Prozent von über 600 befragten Führungskräften der Wirtschaft, dass Deutschland zu abhängig von US-Cloud-Anbietern ist. Mit Blick auf die digitale Souveränität klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander: Über 90 Prozent dieser Unternehmen nutzen lieber einen Cloud-Provider aus Deutschland, aber nur jedes zweite macht das auch – mehr als 70 Prozent nutzen Clouds der US-Hyperscaler. Laut Bitkom-Report sind gleichzeitig immer mehr Unternehmen zu Abstrichen bereit, würden also beispielsweise höhere Entgelte zahlen oder länger auf neue Funktionalitäten warten, wenn sie dafür eine wirklich souveräne Cloud nutzen könnten.
Unternehmen: Staat muss Vorreiter sein
Dass souveräne Clouds so wenig genutzt werden, hat viele Gründe. Lock-In-Effekte, die den Wechsel erschweren, gehören nach Angaben der Führungskräfte dazu, aber auch ein Mangel an passenden Angeboten. Auch die Politik der Bundesregierung kritisieren drei Viertel der Befragten und stimmen der Aussage zu, dass „politische Initiativen zur digitalen Souveränität bisher zu wenig konkrete Effekte für unser Unternehmen haben“; genauso viele halten staatliche Initiativen zur Stärkung europäischer Clouds für notwendig. Knapp 80 Prozent wollen den Staat als Vorreiter bei der Nutzung digital souveräner Clouds sehen und noch mehr fordern, dass staatliche Stellen selbst stärker auf europäische oder souveräne Clouds setzen sollten. Auch in der Bundesregierung betont man die eigene Rolle vom Staat als Ankerkunden, der mit seinem enormen Einkaufsvolumen den Markt digital souveräner Lösungen fördern kann – aber im Markt kommt das bisher nicht an.
Die Forderung der Unternehmen an den Staat, seine eigene Marktmacht als Ankerkunde noch viel stärker für die Entwicklung besserer Angebote digital souveräner Clouds in Deutschland einzusetzen und eine Vorreiterrolle einzunehmen, gibt hoffentlich Digitalminister Dr. Karsten Wildberger (CDU) Rückenwind bei der geplanten strategischen Steuerung des öffentlichen IT-Einkaufs. Neben seiner Marktmacht kann der Staat aber auch durch Regulierung Einfluss nehmen und auch da gibt es Kritik aus der Wirtschaft. Jedes zweite Unternehmen findet rechtliche und regulatorische Anforderungen unklar oder uneinheitlich und eine überwältigende Mehrheit der Befragten beklagt die mangelhafte Transparenz bei der Datenverarbeitung und den Zugriffsrechten souveräner Cloud-Angebote internationaler Anbieter. Das ist nachvollziehbar, denn wenn es diese Transparenz nicht gibt, fehlt die Basis für Vertrauen. Sonst wird Unabhängigkeit vorgetäuscht, etwa mit Verweis auf Serverstandorte in Deutschland. Diese bieten aber keine Garantie für den Schutz der verarbeiteten Daten, denn US-Gesetze gelten auch dann, wenn Software der US-Hyperscaler auf Servern in Deutschland läuft.
Zivilgesellschaft: Mangel an Transparenz beim Rechenzentren-Ausbau
Mehr Nachfrage nach souveränen Cloud-Diensten bedeutet dennoch in jedem Fall mehr Rechenzentren in Deutschland. Der Bund verspricht eine Verdopplung der Rechenzentren-Kapazität innerhalb von vier Jahren. Ob das möglich wird, hängt von vielen Faktoren ab, auch von der Akzeptanz der Bevölkerung. In den USA wird der bisherige Rechenzentren-Boom aufgrund enormer Widerstände durch die Zivilgesellschaft bereits gebremst.
In seiner Rede zum Haushaltsentwurf für 2027 versprach Wildberger im September, der Rechenzentren-Ausbau müsse „nachhaltig sein: energieeffizient mit Erneuerbaren Energien, Abwärmenutzung und wassersparender Kühlung“. Das muss belegbar sein und darf nicht zulasten der Energiewende gehen. Doch bisher ist die Planung neuer Rechenzentren sehr intransparent. In vielen Fällen sind weder genaue Standorte noch künftige Nutzer oder konkrete Ressourcenverbräuche von Strom bis Wasser bekannt. Deshalb wächst auch hierzulande der Widerstand. Der mangelnden Transparenz begegnen zivilgesellschaftliche Organisationen (Frag den Staat und Algorithmwatch) mit der Plattform heisseluft.org, in der Daten zu geplanten Rechenzentren gesammelt und auf einer Deutschlandkarte veröffentlicht werden. Zivilgesellschaftliche Stimmen kritisieren, dass der Ressourcenverbrauch zu hoch sei und die Energiewende ausbremse, viele Rechenzentren gar nicht benötigt würden, außerdem die meisten keine digitale Souveränität stärkten, sondern die Dominanz von US-Hyperscalern vergrößerten und es an öffentlicher Debatte mangele. So will allein in Brandenburg AWS fast acht Milliarden Euro in neue Rechenzentren investieren, von denen keines digital souverän sein wird, denn auch die dafür neu gegründete AWS-Tochter-GmbH unterliegt USGesetzen.
Widerstand im bayerischen Wenzenbach
Im nahe Regensburg gelegenen bayerischen Wenzenbach mobilisiert eine Bürgerinitiative gegen Pläne für ein neues 300-MW-Rechenzentrum in einem Trinkwasserschutzgebiet, das sich in einer der niederschlagärmsten Regionen der Oberpfalz befindet, und weist auf den unvertretbar hohen Wasser- und Energieverbrauch hin. Geladene Fachleute, u. a. von Scientists for Future, erklärten dort im September vor 200 Bürgerinnen und Bürgern, dass es für die 300 MW auch eine Notstromversorgung brauche, z. B. durch ein neues Gaskraftwerk oder Dieselgeneratoren, selbst wenn der normale Betrieb mit Erneuerbaren Energien laufe. Renommierte Juristen, Ex-Richter, Politiker und Wirtschaftsberater wiesen darauf hin, dass selbst mit der neuen Gewerbesteuerreform kein Euro bei der Gemeinde landen werde, weil hohe Investitionen die Gewinne schmälerten und ausgerechnet Hyperscaler laut Gesetzentwurf von der Verteil-Option der Gewerbesteuer nicht betroffen seien, da sie nur für Unternehmen gelte, die nichts anderes machten, als Rechenzentren zu bauen und zu betreiben. In Wenzenbach will ein Unternehmen bauen, das erst 2023 gegründet wurde und überhaupt noch nie ein Rechenzntrum gebaut hat. Wer das Rechenzentrum nach Fertigstellung nutzen soll, weiß in der Gemeinde bisher niemand.
Experten bezweifeln, dass die ehrgeizigen Ausbaupläne der Regierung überhaupt, wie versprochen, mit Erneuerbarer Energie umsetzbar seien, da gleichzeitig Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die Rahmenbedingungen für die Energiewende verschlechtere. Auch in den USA entflammte der parteiübergreifende Widerstand der Zivilgesellschaft vor allem am enormen Wasser- und Energieverbrauch zulasten der Bevölkerung. Er wird zum wahlbeeinflussenden Thema, weshalb konservative wie linke Politiker sich plötzlich gegen KI-Rechenzentren positionieren. Wenn Wirtschaft und Verwaltung in Deutschland mehr Cloud-Dienste nutzen wollen und aus Gründen der Souveränität dafür auch in Deutschland mehr Rechenzentren gebaut werden müssen, dann geht das nur mit der Akzeptanz der Bevölkerung. Dafür braucht es Transparenz, offene Debatten, eine ausreichende Versorgung mit Erneuerbaren Energien sowie einen klar erkennbaren Nutzen für die Gesellschaft – z. B. durch den geplanten Betrieb wirklich souveräner Clouds. Sonst verbindet sich die Ablehnung von Bauvorhaben der US-Tech-Milliardäre auch hierzulande mit einer allgemeinen Ablehnung neuer Rechenzentren, was den sinnvollen Ausbau neuer Kapazitäten und damit auch die Stärkung unserer digitalen Souveränität behindern würde.





