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StartSicherheitDas letzte Glied der Krise

Das letzte Glied der Krise

Am 3. Januar war es schlagartig dunkel in Teilen Berlins. Nichts ging. Etwa 45.000 Haushalte waren von der Stromversorgung abgeschnitten. Rund 100.000 Menschen hatten für mehrere Tage keinen Strom. Heizungen fielen aus. Die Kommunikation mittels Internet oder Mobilfunk war weg. Kräfte der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) arbeiteten rund um die Uhr. Aber man kann nicht allen Menschen gleichzeitig helfen. Nun trat das ein, worauf die BOS immer wieder hinweisen: Selbstschutz und Vorsorge sind kein Nice-to-have, sondern Notwendigkeit.

Nach dem mutmaßlich linksextremistischen Brandschlag auf die Stromversorgung wurden die Rufe nach einem besseren Schutz der Kritischen Infrastrukturen (KRITIS), einer besseren Beobachtung von extremistischen Gruppierungen oder nach einem besseren administrativen Krisenmanagement lauter. Nur am Rande der (medialen) Diskussion blitzte der Hinweis auf eine Vorsorge der Bevölkerung auf. Auf der DBB-Jahrestagung sprach der rheinland-pfälzische Innenminister Michael Ebling (SPD) neben der Stärkung der staatlichen Strukturen davon, dass es ein neues Verständnis in der Bevölkerung brauche. Es sei mehr Selbstvorsorge notwendig. „Der Bevölkerungsschutz ist nicht nur eine staatliche Aufgabe“, so Ebling.

Sabine Lackner, Präsidentin des Technischen Hilfswerks (THW), rief zu mehr Pragmatismus auf. Man möge einfach eine Kiste Wasser in das Wohnzimmer stellen. „Es müssen nicht alle alles haben“, zeigt sich Lackner überzeugt und macht sich für mehr Nachbarschaftshilfen stark. Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) a. D., Ralph Tiesler, warnt schon seit Langem, dass die Resilienz und die Vorbereitung in der Bevölkerung steigen müssten. „Jeder trägt Verantwortung. Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht ohnmächtig ist.“ Wenn man wisse, was zu tun sei, sei man stärker, so Tiesler.

Kein Monolith

Das BBK hat in den vergangenen Jahren vieles unternommen, um diese Selbstvorsorge zu steigern. Die früher noch belächelte Broschüre „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“, die im Oktober des vergangenen Jahres eine Überarbeitung erfahren hat und nun „Vorsorgen für Krisen und Kata
-strophen“ heißt, erfreue sich starker Beliebtheit und wird nach Angaben des BBK sehr gut nachgefragt. „Das Thema Vorsorge wird zunehmend als Teil verantwortungsvollen Handelns wahrgenommen.“

Doch dass der Weg zu einer flächendeckenden Resilienz in der Bevölkerung noch lang ist, weiß man auch im Bundesamt in Bonn: „Die Resilienz der Bevölkerung ist insgesamt sehr heterogen ausgeprägt. Viele Menschen verfügen über funktionierende Alltagsstrategien und soziale Netzwerke, sind sich jedoch der möglichen Auswirkungen länger andauernder Stromausfälle oder Versorgungsengpässe oft nicht vollständig bewusst.“

Geringe Vorbereitung in der Bevölkerung

Die heterogene Vorbereitung wird von Zahlen des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung untermauert, die die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) veröffentlicht hat. So haben nur rund 45 Prozent der Befragten, die noch nie von einem Krisenereignis betroffen waren, einen Lebensmittelvorrat angelegt. Bei Betroffenen sind es immerhin rund 65 Prozent. Ebenfalls weniger als die Hälfte der Befragten haben einen Trinkwasservorrat. Der These „Die meisten Notfälle und Katastrophen werde ich schon aus eigener Kraft gut meistern können“ stimmten nur rund 27 Prozent der Befragten zu. Ähnliche Zahlen zeigen sich bei der These: „Auf die Folgen von Notfällen und Katastrophen kann man sich grundsätzlich gut vorbereiten.“ Über 61 Prozent stimmen der Aussage „Die Bewältigung von Notfällen und Katastrophen sehe ich als Aufgabe des Staates an“ zu.

Als Hemmnisse einer ausreichenden Vorbereitung nennen die Befragten u. a.: „Es gibt zu viele andere Dinge, um die ich mich erst kümmern muss, bevor ich mich mit Notfallvorsorge beschäftige“ (36 Prozent), „Um selbst Notfallvorsorge zu betreiben, ist zu wenig Platz in meinem Haus oder meiner Wohnung“ (27 Prozent) oder „Ich habe zu wenig Geld, um Notfallvorsorge zu betreiben“ (20 Prozent).

Diese Problematik ist dem BBK bewusst. „Soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine wichtige Rolle für individuelle Resilienz. Finanzielle Spielräume, die Wohnsituation, familiäre Strukturen, der Gesundheitszustand und nachbarschaftliche Netzwerke beeinflussen maßgeblich, wie gut Menschen Vorsorge treffen können“, heißt es auf Anfrage. Deshalb legt das BBK Wert auf alltagsnahe, realistische Empfehlungen, die schrittweise und an die jeweilige Lebenssituation angepasst umgesetzt werden können. Zu der Frage der Kosten schreibt das Amt: „Das BBK erhebt keine pauschalen Kosten für einen Vorrat oder eine Ausstattung zur Überbrückung von zehn Tagen. Die Empfehlungen im BBK-Ratgeber zielen ausdrücklich darauf ab, vorhandene Ressourcen zu nutzen und Vorsorge nach und nach in den Alltag zu integrieren.“

Für einen Vier-Personen-Haushalt kann man (nach eigener Rechnung) für einen zehntägigen Notvorrat, der laut der genannten Broschüre sinnvoll ist, mit rund 200 bis 300 Euro rechnen. Dieser Vorrat soll zudem ein lebender Vorrat sein. In Zeiten erhöhter Inflation und einer Diskussion um  den Abbau von Sozialleistungen kein geringer Betrag. Momentan gibt es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 5,2 Millionen Regelleistungsberechtigte. In einer Bundestagssitzung antwortete die Parlamentarische Staatssekretärin Kerstin Griese (SPD) auf die Frage, ob Menschen in Grundsicherung eine finanzielle Unterstützung erhalten, um Anteile der Checkliste des Ratgebers „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ beschaffen zu können, dass diese den Betrag aus dem Regelbedarf eigenverantwortlich finanzieren müssten.

Nachbarschaftshilfe ergänzt, aber ersetzt nicht

Gleichzeitig vertrauen viele Menschen auf Soziale Netzwerke. Dr. Tim Lukas vom Fachgebiet Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit der Universität Wuppertal hat im Zuge seines Projekts „Entwicklung eines Sozialkapital-Radars für den sozialraumorientierten Bevölkerungsschutz (Sokapi-R)“ die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Krisen untersucht. „Die Bereitschaft, anderen zu helfen, ist kein Naturgesetz. Unsere Forschung zeigt, dass die Unterstützungsbereitschaft in urbanen Räumen von Voraussetzungen abhängt, die ungleich verteilt sind“, so Lukas. Ob wir einander helfen und füreinander einstehen, hänge davon ab, wie gut unser soziales Miteinander im Alltag funktioniere, so der Soziologe. Lukas weist aber auch darauf hin: „Nachbarschaftliche Unterstützung bildet eine Ergänzung zur Selbstvorsorge.“

Die Daten deuten darauf hin, dass Menschen mit einem höheren finanziellen Polster häufiger in Kontakt mit ihren direkten Nachbarn stehen und auch den lokalen Zusammenhalt optimistischer einschätzen. Zudem legen die Daten nahe, dass die Wahrscheinlichkeit von Unterstützung höher sei, wenn Menschen durch ihre Hilfeleistung keine finanziellen Verluste erleiden. Daraus lässt sich folgern, dass, wenn mit der Unterstützung anderer in Krisen eine Notwendigkeit von materiellen Ressourcen und Gütern verbunden ist, Menschen mit höherem ökonomischen Status naturgemäß in einer privilegierteren Lage sind, die es ihnen einfacher macht, anderen Hilfe anzubieten. Abhilfe könnten Orte der Begegnung und die Unterstützung durch die soziale Infrastruktur schaffen. Bevölkerungsschutzakteure können sich gezielt stärker im Sozialraum vernetzen und gemeinsam mit Nachbarschaftsorganisationen, Wohlfahrtsverbänden, Kommunalverwaltung oder Quartiersentwicklung am Ausbau der sozialen Infrastruktur mitwirken. Der Weg zu einer selbstvorsorgenden Bevölkerung bleibt lang und mit einem Appell ist es nicht getan.

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1 Kommentar

  1. Wenn die Gasspeicher im März leer sind, dann wird auch bald der Strom in ganz Deutschland ausfallen, weil alle den Heizlüfter einstecken.
    Glauben wir wirklich, das sich die Menschen in Deutschland noch „selbst versorgen“ können? Ohne Heizung und Strom? „LOL“

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