Öffentlicher Raum ist mehr als ein Durchgangskorridor, um von A nach B zu kommen. Gut gestaltet können damit Begegnungsflächen für Bürgerinnen und Bürger geschaffen und für mehr Verständnis untereinander gesorgt werden. So bereichern in den Sommermonaten z. B. bunte, schattenspendende Sitzgruppen, Tischkicker oder Tischtennisplatten die Innenstadt und bieten einen Anlass zum Verweilen.
Zu finden ist diese Idee in dem Pop-up-Projekt „Hameln. Komm, wie du bist“. Auch im Sommer 2025 kamen die bunten, witterungsbeständigen Spielgeräte und Sitzmöglichkeiten wieder in die Hamelner Innenstadt zurück. Katrin Legandt ist an der Entwicklung des Konzepts beteiligt und stellt das Gefühl der Menschen klar in den Mittelpunkt. Für das Projekt habe man versucht, alle Akteure zusammenzubringen und ein gemeinsames Ziel und Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.
Gerade positiv überraschende Erlebnisse würden für eine entspannte und ungezwungene Atmosphäre sorgen, erklärt die Konzeptentwicklerin für Marken im Raum. Ein lebendiger Ort, der niedrigschwellig zu betreten ist und viele unterschiedliche Möglichkeiten für die Aufenthaltsgestaltung bietet, lädt zum Verweilen ein, ist auch Dr. Bettina Reimann vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu) überzeugt. Das sei wichtig, um eine willkommen heißende Atmosphäre im öffentlichen Raum zu schaffen, denn „das hat einen sozialen und demokratischen Mehrwert“.
Daneben müsse aber auch ein Gefühl von Sicherheit vermittelt werden, ergänzt Tobias Goevert, Abteilungsleiter für Landes- und Stadtentwicklung der Freien und Hansestadt Hamburg. Solche öffentlichen Orte seien zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet und müssten zu jeder Zeit als sichere Orte funktionieren. Daneben seien auch die Gestaltungsqualität und Infrastrukturgegebenheiten entscheidend, so Goevert weiter: Schattenspendende Bäume, Beleuchtung, Toiletten oder Gastronomieangebote spielten hier eine Rolle. Zusätzlich sollten frühzeitig alle relevanten Akteurinnen und Akteure in die Planung eingebunden werden, damit sich das Planungsteam in die unterschiedlichen Nutzungsperspektiven hineinversetzen und beispielsweise auch eingeschränkte Personen berücksichtigen könne.
Ein weiteres gelungenes Beispiel ist für Dr. Reimann der Gleisdreieckpark in Berlin. Verschiedene Angebote wie Sportgeräte, Urban Gardening oder Möglichkeiten für Begegnung und kulturellen Austausch sowie Spielplätze und -geräte würden Nutzungsgelegenheiten für verschiedene Nutzergruppen bieten. Hinzu kämen Cafés, Grillplätze, Bänke und andere spontane Aufenthaltsmöglichkeiten, die den Park attraktiv und einladend gestalteten. Dass der Park auch gut gepflegt und gewartet werde, sei Teil eines Gesamtkonzepts, in dem nicht nur die Instandhaltung, sondern auch die Durchführung von kleinen Pilotprojekten verankert sei, meint Dr. Reimann.
Ein Blick in die Zukunft
Dass temporäre Pilotprojekte und urbane Experimente wertvoll sind, findet auch Dr. Sabine Weck, Leiterin der Forschungsgruppe „Sozialraum Stadt“ vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Denn „sie zeigen auf, was alles möglich sein könnte. Selbst wenn nur an einem kleinen Platz drei neue Bänke und ein bisschen Begrünung aufgestellt werden, merken die Leute auf einmal ‚Hey, das ist ja ein toller Ort, an dem man sich aufhalten kann‘“. Es müssen keine ganzen Parks geplant werden, um Orte für Begegnung zu schaffen, weiß Weck – offene Werkstätten oder Repair-Cafés seien ebenfalls Möglichkeiten, genauso wie kleine Infrastrukturen wie Bänke, Kioske oder mobile Spielgeräte. Reimann ist ähnlicher Ansicht. So seien zum Beispiel Verfügungsfonds eine niedrigschwellige Möglichkeit, um eigenständige Ideen von Bürgergruppen umzusetzen und damit ein Motivations- und Identifikationsgefühl für den Stadtteil in den Beteiligten zu wecken.
Ein Freund von Verfügungsfondsprojekten ist auch Goevert. So habe Hamburg bereits um die 40 Projekte umgesetzt, „die von Bürgerinnen und Bürgern initiiert und durchgeführt wurden. Ganz tolle Sachen, von Pop-up-Spielplätzen über Kunst im öffentlichen Raum oder Hip-Hop-Festivals bis hin zu Themen, die sich mit Nachhaltigkeit befassen.“ Jedoch erzeugten sie auch Erwartungshaltungen und es komme häufig zu Herausforderungen: Denn oft brauche es auch eine dauerhafte lokale Beteiligung, planbare Instandhaltung und finanzielle Mittel, um solche Projekte zu verstetigen.
Auch kooperative Wohnprojekte und gemeinschaftlich verantwortete Räume könnten Zugehörigkeitsgefühl schaffen und zu lokaler Beteiligung führen – Kommunen könnten hier durch Konzeptvergaben Einfluss auf Bau- und Aufenthaltsqualität nehmen. Als Beispiel nennt Weck hier ein Projekt in Duisburg. „Ein Großwohnkomplex, der unsagbar hohe Fluktuationsraten hatte, Probleme mit Sicherheit, mit Kriminalität. […] Was da geholfen hat, war einfach ein Quartiersmanagement, was dann auch zusammen mit ganz vielen anderen ehrenamtlichen Akteuren Angebote geschaffen hat. Und das, was da wirklich vorbildhaft entwickelt worden ist, war eine sehr niedrigschwellige Ansprache.“ Solche Ansätze stärkten die Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Objekt, verringerten Vandalismus und schafften über Jahre eine attraktive, sozial integrierte Wohngegend.
Aktiv sein, statt passiv erwarten
Doch wie das Beispiel der Berline Friedrichstraße zeige (erst Autostraße, dann Aufenthaltsraum ohne Durchgangsverkehr, dann wieder Autostraße; d. Red.), hänge die Gestaltung von öffentlichen Räumen auch stark von politischen Entscheidungen und Verwaltungsvorgaben ab – die Raumfunktion könne sich also auch durch einen Regierungswechsel ändern, weiß Reimann. „Deswegen kann ich auch immer nur empfehlen, nicht nur im eigenen Interesse zu handeln, sondern auch eine wissenschaftliche Begleitung oder Einbettung in Forschungsprojekte anzustreben. Das hilft in diesen Zusammenhängen häufig auch, ein bisschen mehr Raum für Reflexion und für Aushandlung zu bekommen.“ Auch aufseiten der Bürger lohnt es sich in ihren Augen, zu debattieren und um solche Änderungen zu kämpfen und nicht einfach hinzunehmen, dass die Entscheidung am Ende ohnehin von oben geschehe.





