Der Mietenreport des Deutschen Mieterbundes (DMB) 2026 offenbart die verheerenden Folgen des Wohnraumkrise: Steigende Mieten belasten Millionen Haushalte und drohen den Sozialstaat zu überfordern. Vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus wird die Problematik auf Bezirksebene zum zentralen Prüfstein für die Kommunalpolitik.
Die Mieten sind längst eine existentielle Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mehr als 52 Prozent der Menschen in Deutschland leben zur Miete – so viele wie sonst nirgends in Europa. Für immer mehr von ihnen werden die eigenen vier Wände zum Armutsrisiko. Bundesweit berichten 58 Prozent der Mieter von gestiegenen Wohnkosten im letzten Jahr, 29 Prozent sorgen sich, ihre Miete künftig nicht mehr bezahlen zu können, 47 Prozent fürchten steigende Nebenkosten. Von Berliner Bezirken bis zu mittelgroßen Städten zeigt sich: Wo bezahlbarer Wohnraum fehlt, geraten kommunale Haushalte unter Druck.
Kein Armutsproblem
Die Ausgaben für das Wohngeld sowie für die Kosten der Unterkunft und Heizung sind in den vergangenen Jahren drastisch angewachsen. Zwar teilen sich Bund und Länder die Auszahlungssumme, den Verwaltungsaufwand tragen die kommunalen Wohngeldstellen aber allein. Diese Entwicklung sei laut Report nicht etwa Ausdruck eines überdehnten Sozialstaats, sondern Folge eines Wohnungsmarktes, der seine soziale Funktion zunehmend nicht mehr erfülle. DMB-Präsidentin Melanie Weber-Moritz betont: „Wer den Sozialstaat stärken will, muss den Wohnungsmarkt reparieren.“
Laut Report verzichten 52 Prozent aufgrund ihrer Miete auf Rücklagen und Altersvorsorge, 49 Prozent schränken sich bei Freizeit ein, 46 Prozent bei Anschaffungen wie Möbeln, ein Viertel muss bei gesunden Lebensmitteln sparen und 15 Prozent an der eigenen Gesundheit. Der Bericht betont, dass dies längst auch mittlere Einkommensgruppen betrifft. Der DMB-Report schlüsselt die Betroffenheit nicht nach Berufsgruppen auf. Daten des dbb belegen aber, dass auch Beschäftigte der unteren und mittleren Besoldungsgruppen teils über 35 bis 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Warmmiete aufwenden müssen. Stefan Körzell, stellvertretender DGB-Vorsitzender, stellt klar: „Wenn Beschäftigte mit kleinen und mittleren Einkommen immer öfter jeden Euro zweimal umdrehen müssen – dann wird die Wohnungsfrage immer mehr zum Armutsrisiko.“
Aus Kommunalen Personalberichten u. a. aus Frankfurt, Köln und München geht hervor, dass mangelnder bezahlbarer Wohnraum am Dienstort zum zentralen Absagegrund bei der Stellenbesetzung geworden ist. Eine unterbesetzte Kommunalverwaltung und andauernde Vakanzen gehen damit auch auf Kosten des dysfunktionalen Wohnungsmarktes.
Brennglas Berlin
An der kommunalen Basis verschärft sich die Krise durch den historischen Tiefstand an preisgebundenem Wohnraum. Bundesweit fehlen rund 1,4 Millionen Wohnungen, während der Bestand an Sozialwohnungen auf ein Allzeittief von nur noch knapp 1,03 Millionen Einheiten gesunken ist. Allein 2025 fielen bundesweit fast 60.000 Wohnungen aus der Bindung, während lediglich 28.000 neue Sozialwohnungen fertiggestellt wurden. In Berliner Bezirken zeigen sich die Fehlentwicklungen wie unter einem Brennglas.
Im Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus entbrennt eine Debatte über die richtigen Instrumente. Während Angebotsmieten bei Neuvermietungen Rekordwerte erreichen, verharren viele Familien in zu kleinen Wohnungen, weil ein Umzug unbezahlbar ist. Laut DMB-Report lebt knapp jeder fünfte Miethaushalt in einer überbelegten Wohnung – bei armutsbetroffenen Menschen ist es jeder vierte. Gleichzeitig boomt das Geschäft mit möblierten Appartements, wodurch die Mietpreisbremse unterlaufen wird. Das Deutsche Bank Research Institute hat Berlin zudem jüngst als Stadt mit den höchsten Nebenkosten weltweit eingestuft – vor Tel Aviv-Raffa, Oslo und London. Der Ring Deutscher Makler fordert deshalb nun eine Nebenkostendeckel: „Wer eine Mietpreisbremse fordert, sollte auch selbst einmal auf die Bremse treten“, erklärt Vorstandsvorsitzender Markus Gruhn.
Einerseits hat die Bundesregierung angekündigt, die Ausnahmen der Mietpreisbremse zu überdenken – andererseits wischt sie mit Ihrer Ankündigung, die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen zu verbieten ein – wenngleich stark umstrittenes Instrument – vom Tisch. Damit erteilt sie einer deutlichen Mehrheit der Berliner Wahlberechtigten eine Absage, die sich beim Volksentscheid 2021 für eine Vergesellschaftung von Deutsche Wohnen – heute Teil der Vonovia – ausgesprochen hat. Die Profite der Vermieter sind die Verluste der Kommune: Für bezirkliche Wohnungsämter bedeutet das eine erhebliche Zusatzbelastung durch die Bearbeitung von Wohngeldanträgen und bei der Unterbringung einer wachsenden Zahl von wohnungslosen Menschen.
Kommunale Handlungsspielräume
Angesichts dieser Notlage geraten kommunale Steuerungsinstrumente an ihre Grenzen. Zwar versuchen Städte und Bezirke über Milieuschutzgebiete und das kommunale Vorkaufsrecht der Verdrängung Einhalt zu gebieten, doch ohne bundesgesetzliche Flankierungen bleibt der städtische Spielraum begrenzt. Zusätzlich sorgt die angekündigte Absicht der Bundesregierung, im Zuge von Konsolidierungsmaßnahmen beim Wohngeld zu sparen, für Alarmstimmung in den Rathäusern. Sollten Zuschüsse gekürzt werden, droht die Welle aus Mietrückständen und Zwangsräumungen ungebremst auf kommunale Sozialsysteme zurückzuschlagen. Weber-Moritz warnte davor: „Wer beim Wohngeld kürzt, löst kein einziges Problem auf dem Wohnungsmarkt. Er verschärft nur die Folgen für die Menschen, die schon heute unter hohen Wohnkosten leiden.“
Um den Teufelskreis aus Mietenanstieg und Sozialausgaben zu durchbrechen, fordern Mieterbund und Gewerkschaften einen Kurswechsel: Neben einem bundesweiten Mietenstopp und dem Schließen rechtlicher Schlupflöcher gelte es, den Bestand an Sozialwohnungen bis 2030 wieder auf mindestens zwei Millionen Einheiten zu verdoppeln.





