In der türkischen Hauptstadt verhielt sich US-Präsident Donald Trump gegenüber seinen eigentlichen Verbündeten aus der NATO gewohnt erratisch. Das ruft weltweit Kopfschütteln hervor – die wichtigsten Reaktionen in der Presseschau.
Der NATO-Gipfel in Ankara und insbesondere das Verhalten von US-Präsident Donald Trump schafften es international in die Schlagzeilen. Das überrascht nicht. Die Publikationen weltweit zu studieren, ist aber dennoch ein lohnendes Unterfangen. Es zeigt, welche Themen rund um den Globus am meisten bewegen.
Besonders für die spanische Presse schrieben sich die Schlagzeilen fast von allein. Denn laut Aussage des US-Präsidenten besteht die Bevölkerung der Iberischen Halbinsel aus schlechten Menschen. Spanien sei ein hoffnungsloser Fall und man werde mit ihnen nicht länger Geschäfte machen, setzte der 47. US-Präsident seine Schimpftirade auf dem NATO-Gipfel in Ankara vergangene Woche fort.
Der spanische Präsident Pedro Sánchez bemühte sich unterdessen um einen beschwichtigenden Ton. „Wenn man sich ein wenig von diesen Aussagen distanziert, stellt man fest, dass die Beziehungen in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht sehr positiv sind“, betonte der Präsident. Die spanische Presse in Form der wichtigsten Tageszeitung des Landes, El Mundo, hat eine klare Haltung zu dieser Aussage: „Wir werden Trump nicht die Bedeutung beimessen, die andere gerne darin sehen würden“, laute die Devise der Regierung. Die Strategie bestehe darin, eine Konfrontation zu vermeiden und die Spannungen nicht weiter zu verschärfen. El País wiederum betonte den Stimmungswandel des US-Präsidenten am Nachmittag, nachdem Sánchez in seiner Rede die Bemühungen um die Aufrüstung in seiner Amtszeit dargelegt habe. Der Meinungswandel des US-Präsidenten war auch in anderen Publikationen Europas Thema.
Trumps Verhalten wird zum Fixpunkt
So beschrieb die französische Tageszeitung Le Monde den Gipfel in Ankara als „wahres trumpisches Spektakel“. Insbesondere der Abend des ersten Tages habe drei typische Trump-Momente geboten. Dabei zählt die Zeitung die Drohung gegen den Iran, einen verbalen Angriff auf den weltweiten Kommunismus und die Behauptung, im Sitzungssaal, in dem sich die NATO-Staats- und Regierungschefs versammelt hatten, herrschten „enorme Liebe und Einigkeit“, auf.
Die italienische Corriere della Sera ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, Donald Trumps Verhalten zu klassifizieren. Der US-Präsident sei in „radioaktiver Stimmung“ nach Ankara angereist. Darüber hinaus legte die Corriere della Sera den Fokus auf Trumps Haltung zur italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Diese sei von Trump mit einem halben Kompliment bedacht worden: „Sie ist ein guter Mensch, aber sie hat einen Fehler gemacht.“ Dieser Fehler ist nach Ansicht der Tageszeitung schnell zu identifizieren: die fehlende Bereitschaft, an Trumps Krieg im Iran mitzuwirken.
Einen völlig anderen Blickwinkel auf den NATO-Gipfel nahm die Presse des Ausrichterstaates Türkei ein. So war in der Hürriyet, der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes, zu lesen, dass der NATO-Gipfel ein voller Erfolg ohne jegliche Probleme gewesen sei. Darüber hinaus nahm die Tageszeitung die Bedeutung des Gipfels für die Rüstungsindustrie des Landes in den Blick. „Dank dieses Gipfeltreffens hat Ankara erneut gezeigt, dass es sich vom Image einer ‚grauen Beamtenstadt‘ zu einer ‚Hightech-Hochburg‘ gewandelt hat“, ist dort zu lesen.
Der Blick der Neuankömmlinge
Die Presse der neuen NATO-Mitglieder Schweden und Finnland fokussiert sich in ihrer Analyse auf die Widersprüchlichkeit des US-Präsidenten, kommt aber unabhängig voneinander zu einem verhalten positiven Resümee. Denn laut Finnlands größter Tageszeitung Helsingin Sanomat war der Gipfel ein „verwirrendes Spektakel“. Die schwedische Dagens Nyheter schrieb von einem bekannten Muster. Die finnische Tageszeitung betrachtet die Tatsache, dass der US-amerikanische Präsident die US-Solidarität zur Verteidigungsallianz nicht infrage stellte, in diesen Zeiten als Erfolg.
Einen ähnlichen Betrachtungswinkel machte sich die Dagens Nyheter zu eigen. In typischer Trump-Manier habe sich der Präsident über die unfaire Behandlung der USA beklagt, Aufregung und Aufruhr folgten, am Ende aber legte sich der Sturm und Trump glaube, einen passablen „Deal“ abgeschlossen zu haben. Allerdings ließen sich die übrigen NATO-Mitglieder weniger von diesem Vorgehen beeinflussen als noch vor einigen Jahren. Darüber hinaus weisen die skandinavischen Medien darauf hin, dass Trump auf dem Gipfel in Ankara seinen Anspruch auf Grönland wiederholte.
Gespaltenes Bild in Trumps Mutterland
Die heimische US-Presse zieht ein gemischtes Fazit zum Auftritt ihres Präsidenten in Ankara. Die einflussreiche New York Times beobachtet einen Paradigmenwechsel innerhalb der Allianz. Als Beweis für ihre These zieht sie die gemeinsame Mitteilung der Mitgliedstaaten heran. In dieser verpflichteten sich die europäischen Staaten der NATO zu einer modernisierten Allianz, die mehr europäische Aufwendungen und weniger Beiträge der USA vorsieht. Darüber hinaus spricht die Tageszeitung von einem neuen Commitment der Allianz zur Unterstützung der Ukraine. Allerdings mit der Einschränkung, dass eine Mitgliedschaft der Ukraine im Verteidigungsbündnis vom Tisch ist. Gerade die Haltung der Allianz zur Ukraine nimmt in der US-Berichterstattung eine bedeutende Rolle ein. So führt die auflagenstärkste Tageszeitung der USA, das Wall Street Journal, das Engagement der NATO für die Ukraine als eines der fünf Schlüsselelemente des Gipfels an.
Traditionell Trump-nahe Medien, insbesondere die stark konservativ orientierten Fox News, hingegen richten den Blick nach innen und analysieren die Haltung der US-Bürgerinnen und -Bürger zur Verteidigungsallianz. Fox News zitiert dabei eine Studie, laut der etwa die Hälfte der US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner ein Verbleiben ihres Heimatstaates in der NATO präferieren. Schenkt man Fox News Glauben, seien wachsende Aufwendungen für die Verteidigung des europäischen Pfeilers Voraussetzung, um die US-Öffentlichkeit vom Nutzen der Allianz zu überzeugen.




