Die Bundeswehr nimmt sich die USA und die Ukraine zum Vorbild – zumindest in Fragen der Beschaffung. Wie aus übereinstimmenden Medienberichten hervorgeht, richtet das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) eine neue, strategisch agierende Kontroll- und Steuerungsinstanz ein. Die offizielle Bezeichnung lautet Zentralstelle Modular Open Systems Approach Bundeswehr (MOSABw).
Die MOSABw soll sicherstellen, dass unbemannte Systeme schnell und effizient für die deutschen Streitkräfte beschafft werden können. Auf Anfrage bestätigte das Verteidigungsministerium, dass eine entsprechende ministerielle Weisung bereits erlassen ist. Mit der Gründung der MOSABw verfolgen die Planerinnen und Planer im BMVg das Ziel, ein Baukastenprinzip für die Beschaffung von UAV zu etablieren. Bislang war die Beschaffung unbemannter Systeme wie Aufklärungs- und Kampfdrohnen stark von proprietären Gesamtlösungen einzelner Rüstungsunternehmen geprägt. Mit der neuen Zentralstelle plant das Verteidigungsministerium, diese Struktur aufzubrechen. Dafür ist die MOSABw ermächtigt, verbindliche technische Regeln für jeden Drohnenkauf der Bundeswehr festzulegen. Auf diese Weise hofft das Haus von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), einheitliche, offene Standards durchzusetzen. Hard- und Softwarekomponenten unterschiedlichen Ursprungs sollen auf diese Weise herstellerunabhängig im Sinne eines Baukastenprinzips miteinander agieren.
Internationale Vorbilder
Neu ist diese Idee nicht. In der Ukraine ist sie unter der Bezeichnung „Delta“ operative Praxis. Hinter dem griechischen Namen verbirgt sich ein Führungs- und Wirkungssystem, das Echtzeitdaten aus Satellitenbildern, Radaren, Drohnenaufklärung, Fronttruppen und anderen Quellen kombiniert und in einer interaktiven digitalen Karte bündelt. Zum Einsatz kam die Plattform erstmals während der russischen Belagerung Kiews. Seitdem entwickelt die Ukraine die Technologie ständig weiter. Konkret wurde das System um eine KI-Plattform erweitert, die eine automatische Erkennung gegnerischer Ausrüstung in Echtzeit ermöglicht.
Die intellektuellen Vordenker des Paradigmas sind allerdings auf der anderen Seite des Atlantiks zu verorten. Das US-Verteidigungsministerium (DoW) treibt mit dem MOSA-Ansatz die Entwicklung offener und modular aufgebauter Systemarchitekturen voran. Ziel ist es, Beschaffungsprogramme durch standardisierte Schnittstellen und austauschbare Komponenten flexibler zu gestalten sowie Innovation, Wettbewerb und Interoperabilität zu fördern. 2013 arbeitete das DoW den Ansatz strukturell aus. Seit 2019 ist er sogar gesetzlich verankert. Seither müssen sich alle großen US-Rüstungsbeschaffungsprogramme den Vorgaben der MOSA unterwerfen. Dabei ruht das Konzept auf fünf Säulen. Es schafft organisatorische und technische Rahmenbedingungen für offene Systemarchitekturen, setzt auf einen modularen Systemaufbau mit klar getrennten Funktionen und standardisierten Schnittstellen sowie auf offene Industriestandards. Ergänzend stellt eine Konformitätsprüfung sicher, dass Systeme die definierten MOSA-Vorgaben erfüllen und langfristig interoperabel, modernisierbar und zukunftssicher bleiben.
Licht und Schatten für die Industrie
Für die Industrie ist MOSA ein zweischneidiges Schwert. Zum einen erlauben die offenen Standards, schnell auf neue Technologien aufzuschalten. Nicht nur können mehr Unternehmen (Teil-)Lösungen anbieten, alle Marktteilnehmer starten das Rennen an der gleichen Stelle. Vor allem für weniger etablierte Unternehmen in der Branche und Start Ups ist das ausgesprochen attraktiv. Auf der anderen Seite nimmt die Bedeutung von geistigem Eigentum ab. Denn wenn Schnittstellen komplett offenliegen, müssen die Unternehmen ein Stück ihres Know-hows naturgemäß abgeben. Welche Seite letztendlich überwiegen wird, ist spekulativ. Allerdings erlaubt ein Blick in die Vereinigten Staaten und die mehr als eine Dekade währende Erfahrung mit dem Ansatz eine Prognose. So kommt eine Studie des U.S. Government Accountability Office zu dem Schluss, dass das DoW seine Beschaffungs- und Entwicklungsrichtlinien seit 2019 teilweise angepasst hat und an weiteren Vorgaben zur Umsetzung des MOSA arbeitet. Lücken, die die Anwendung des Prinzips erschweren könnten, bestehen allerdings fort.
Die Schwergewichte der US-Industrie wiederum unterstützen MOSA grundsätzlich, warnen jedoch vor einer Vermischung von offenen Schnittstellen und einer vollständigen Offenlegung proprietärer Technologien. So kritisierte die Aerospace Industries Association, eine zu weitgehende Umsetzung von MOSA könne „den Schutz technischer Daten und Computersoftware“ schwächen. Klare Regelungen zu Datenrechten, Lizenzmodellen und geistigem Eigentum sollen dem vorbeugen.




