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Vom Kaufhof zum Stadthof

Statt auf Rettung zu hoffen, hat Hanau beim insolventen Kaufhof-Gebäude selbst zugegriffen. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) spricht über den Wandel zum „Stadthof“, die Kosten des Abwartens und kommunalen Mut. Die Fragen stellte Julian Faber.

Behörden Spiegel: Wo verläuft angesichts verödender Innenstädte für Sie künftig die Grenze zwischen klassischer kommunaler Daseinsvorsorge und dem Auftreten der Stadt als Immobilien- und Innenstadtentwickler?

Claus Kaminsky: Wir haben in Hanau ein paar Leitplanken. Eine davon stellt felsenfest klar, dass wir uns als Stadt um das kümmern, um was wir uns kümmern können und müssen. Wir machen. Nicht die Baugesellschaft hat das ehemalige Kaufhof-Gebäude erworben, sondern die Stadt selbst. Diese 1A-Innenstadt-Immobilie ist von hoher gesellschaftlicher und demokratischer Relevanz. Aus diesen Gründen kann eine Stadt beim Thema Innenstadtentwicklung nicht vom Seitenrand zuschauen. Sie muss auf das Spielfeld – und zwar dort, wo städtebauliche Fehlentwicklungen drohen.

Seit 2019 haben wir eine Vorkaufsrechtssatzung und aus diesem repressiven Werkzeug durch den ständigen Dialog und Austausch mit der Immobilienwirtschaft ein konstruktives gemacht. Der Stadthof, in bester Lage direkt am Marktplatz und gegenüber dem Rathaus, ist ein idealtypischer Fall: In dieser Lage wäre jahrelanger Leerstand eine Katastrophe für unsere Innenstadt gewesen. Auf das jahrelange Hoffen auf eine positive Entwicklung aus der freien Wirtschaft heraus, haben wir uns nicht verlassen. Das Gebäude wird auch noch in 100 Jahren unsere Innenstadt prägen. Über das ‚Wie‘ können wir durch den Erwerb selbst entscheiden.

Behörden Spiegel: Die Transformation eines solchen Kolosses in eine multifunktionale Immobilie verschlingt Millionen. Wie haben Sie für dieses Projekt geworben?

Kaminsky: Drei Grundlinien: Ich bin seit 31 Jahren Kämmerer. Zweitens: Dafür, dass der Galeria-Kaufhof-Karstadt-Konzern auch aus Hanau flüchten wird, gab es Anzeichen. Und drittens haben die Hanauerinnen und Hanauer im guten Zusammenwirken von Bürgerschaft, Politik und Verwaltung durch den großen Stadtumbau mit 340 Hektar Konversionsfläche und dem einzigartigen Innenstadtumbau mächtig viel Erfahrung.  Wir können es uns als Stadt nicht leisten, das Gebäude nicht zu kaufen. Die traurige Botschaft des leerstehenden Hauses im Herzen unserer Stadt hätte fatale Auswirkungen auf den umliegenden Handel, die Gastronomie und somit auf die gesamte Innenstadt und Stadt. Leerstand kostet Geld.

Eine Studie des Instituts für Handelsforschung hat den Fall Hanau analysiert: Die Mindereinnahmen für den städtischen Haushalt hätten sich auf mindestens 175.000 Euro pro Jahr belaufen. Nicht eingerechnet die Wertverluste bei umliegenden Immobilien sowie beispielsweise Kosten, die eine zu befürchtende Verwahrlosung des Umfelds, etwa für das Beseitigen von Müll und Graffitis, verursacht hätten. Wir glauben an die Zukunftsfähigkeit unserer Innenstadt und sind bereit, mutig zu investieren und mutig zu handeln. Mut zieht Mutige an. Dazu zähle ich die vielen Einzelhändler, die sich im Stadthof ausprobieren.

Behörden Spiegel: Ein Projekt dieser Größenordnung erfordert neue Kompetenzen im Rathaus. Wie mussten Sie die klassischen Ämterstrukturen in Hanau aufbrechen, um die nötige Expertise und Geschwindigkeit für dieses Projekt auf die Straße zu bringen?

Kaminsky: Die Kompetenzen, Strukturen und vor allem die Haltung haben wir über die vergangenen Jahre bereits aufgebaut: Durch den Stadtumbau, den Innenstadtumbau und unser Entwicklungsprogramm ‚Hanau aufLADEN‘ haben wir über die Jahre sehr viele und sehr gute Erfahrungen gesammelt, die in das Projekt Stadthof eingeflossen sind. Auch ein gewerbliches Leerstandsmanagement haben wir bereits erfolgreich seit 2021 eingeführt und sorgen so dafür, dass Immobilienwirtschaft und wir als Stadt gemeinsam für das große Ganze handeln. In Hanau treffen also Expertise und Erfahrung auf Geschwindigkeit und Bereitschaft.

Behörden Spiegel: Wenn heute ein Amtskollege vor einem geschlossenen Kaufhaus steht und Sie um Rat fragt: Was ist der erste administrative Schritt, den eine Verwaltungsoffensive gehen muss, um nicht in eine jahrelange Schockstarre zu verfallen?

Kaminsky: Zunächst mal gibt es keinen Aktenordner, der zeigt, wie man so ein Projekt angeht. Jede Stadt, jede Situation ist anders und für sich zu bewerten. Zweitens stehen wir bereits in regelmäßigem und engem Austausch mit vielen anderen Kommunen, die den Schritt gehen wollen oder bereits gegangen sind. Auf eine Formel runtergebrochen: Der wichtigste Schritt ist, aus Hanauer Perspektive, politische Geschlossenheit. Seit vielen Jahren ist das die große Stärke unserer Innenstadtentwicklung. Alle politischen Akteure haben ein Bekenntnis zur Bedeutung der Innenstadt für unsere Stadtgesellschaft abgegeben. Alle Entscheidungen, auch die zum Erwerb der Stadthof-Immobilie, wurden einstimmig getroffen. Entscheidend ist auch die Haltung: Es lohnt sich, mutig zu sein. Der Stadthof ist nicht vom Himmel gefallen, er ist die konsequente Fortführung unserer langjährigen Bemühungen für unsere Innenstadt. Dass uns andere Städte fragen, ehrt uns. Zudem wissen wir: Innenstadtentwicklung hört nie auf.

Claus Kaminsky (SPD) ist seit 2004 Oberbürgermeister der Stadt Hanau, Hessens kleinster Großstadt. Foto: BS/Stadt Hanau

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