Die Digitalisierung verschärft die Klimakrise, deshalb muss effizienter digitalisiert werden. Der Bund hat dazu zwar Pläne, versäumt aber Meilensteine, darunter die Verbesserung des Berichtswesens. Doch ohne Daten keine Wirkungsmessung und ohne diese werden Ziele schwerer erreicht.
Hiobsbotschaften zur Klimakrise häufen sich seit Wochen, der Golfstrom könnte wahrscheinlicher und früher als befürchtet kippen, ein historischer El Niño soll weltweit zu Dürren und Überfl utungen führen, Europa leidet unter langen und schweren Hitzewellen, in Frankreich müssen deshalb Atomkraftwerke vom Netz. Gleichzeitig steigt der Energie- und Ressourcenverbrauch durch die zunehmende Digitalisierung, auch im Bund. Seit 2021 fragt jährlich die Fraktion DIE LINKE Daten zur Nachhaltigkeit der Bundes-IT ab. Die Antwort der Bundesregierung auf die diesjährige Kleine Anfrage legt nahe, dass die Maßnahmepläne, Green-IT-Initiativen und Roadmaps der letzten Jahre keine Priorität mehr haben.
Datenlage zur Nachhaltigkeit der Bundes-IT verschlechtert
Um besser zu werden, muss man den Status Quo kennen, das weiß auch der Bund. Deshalb sollte die Datenlage zur Nachhaltigkeit der Bundes-IT schon seit Jahren besser werden. Ein Tool für das Green-IT Berichtswesen wurde für 2025 angekündigt, existiert aber immer noch nicht. Tatsächlich ist die Datenlage sogar schlechter geworden, denn seit 2023 gibt es keine veröffentlichten Daten mehr zum Status Quo. Seit 2023 gibt es keine neue Klimabilanz des Bundes, was ein Sprecher des Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) damit begründet, dass der Prozess aufwändig sei und manche Daten erst zum Ende des Folgejahres vorlägen, weshalb die Klimabilanz 2024 erst im Sommer 2026 veröffentlicht werden könne. Noch für 2009 bis 2023 wurde auch der jährliche Gesamtenergieverbrauch der Bundes-IT veröffentlicht, um zu zeigen, wie gut die geplante Senkung von 650 Gigawattstunden (GWh) im Basisjahr auf unter 350 GWh erreicht werden konnte. Seit 2016 konnte der Bund diese Obergrenze einhalten – bis 2023, wo der Energieverbrauch, getrieben durch die Rechenzentren des Bundes, innerhalb eines Jahres um mehr als 63 GWh auf 407 GWh und damit weit über den Zielwert anstieg. Seitdem gibt es keine neuen Verbrauchszahlen mehr – weil der Green-IT-Bericht für 2024 noch in Bearbeitung sei, so die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage. Dem Behörden Spiegel erklärt ein Sprecher des BMUKN auf Nachfrage, dass diese Daten wegen einer Umstellung des Berichtswesens sowieso nicht mehr vergleichbar seien und verabschiedet ersatzlos das bisherige Ziel von 350 GWh: „Ein konkreter Grenzwert ist für den Gesamtenergieverbrauch nicht mehr festgelegt“.
Ob das möglicherweise daran liegt, dass nicht nur bei US-Konzernen die Klimaziele durch den Rechenzentren- Boom sämtlich unerreichbar wurden, sondern auch beim Bund, lässt sich nur vermuten. Die Bundesregierung verweist immerhin darauf, dass das vor einigen Jahren beschlossene Maßnahmeprogramm Nachhaltigkeit weiter gilt. Darin steht auch, dass Neubauten von Rechenzentren und der Einkauf von Rechenzentrumsdienstleistungen den Kriterien des Blauen Engels für Rechenzentren entsprechen sollen, aber Fragen danach, wie und ob diese Vorgaben in der Praxis eingehalten werden, kann die Bundesregierung nach eigener Aussage mangels Monitorings nicht beantworten.
Ökostromziel für Bundes-Rechenzentren seit 2024 verfehlt
Bis Ende 2024 sollten alle Liegenschaften des Bundes – einschließlich der Rechenzentren – zu 100 Prozent erneuerbare Energien nutzen. Die Umstellung auf Ökostrom scheint eine vergleichsweise einfache Maßnahme, verglichen etwa mit der Nutzung von Abwärme, die oft an den vorhandenen baulichen Gegebenheiten scheitert. Dennoch ist dieses Ziel auch in 2026 nicht erreicht. In der Antwort auf die kleine Anfrage kann der Bund für 47 seiner aktuell 157 Rechenzentren nicht einmal angeben, wie hoch der Ökostromanteil ist. Ein neues Zieldatum für den Umstieg auf Erneuerbare gibt es auch nicht. Auf Nachfragen des Behörden Spiegels dazu antwortete das zuständige Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) nicht.
Welchen Sinn machen jedoch Maßnahmen, auf deren Einhaltung niemand achtet? Das Problem ist nicht neu, deshalb kündigte schon die Ampel eine Gesamtüberprüfung des Maßnahmeprogramms für 2025 an. Aber diese Prüfung fand nie statt, sie ist nur laut Bundesregierung „weiterhin vorgesehen“. Ersatzweise wird auf die Roadmap zur klimaneutralen Bundesverwaltung verwiesen. Die nennt eine „Vorbildfunktion der öffentlichen Hand und die Pfl icht der Träger öffentlicher Aufgaben“. Will der Bund eine Vorbildfunktion wahrnehmen, muss die Nachhaltigkeit seiner IT besser und transparenter werden, denn Fortschritte sind kaum erkennbar.
Hohes Potenzial für energieeffiziente Software nicht gehoben
Weiterhin werden überwiegend klimaschädliche Kältemittel in den Rechenzentren des Bundes eingesetzt und nur jedes zehnte Rechenzentrum nutzt die Abwärme und oft sogar nur marginal. Spannend wären aktuelle Daten zur energieeffizienten Softwareentwicklung, denn laut Umweltbundesamt hat Software einen erheblichen Einfl uss darauf, wieviel Energie ein bestimmter Prozess verbraucht und wie lange die damit verwendete Hardware genutzt werden kann. Klug programmierte Software kann enorme Ressourcen einsparen. Ist sie energieeffizient und schlank programmiert, verbraucht sie weniger Strom und senkt die Anforderungen an Hardware, was Nutzungsdauern verlängert und vorzeitige Ersatzbeschaffungen verhindert. Dennoch ergab die parlamentarische Anfrage von 2025, dass in der vergangenen Legislatur trotz Richtlinien für die Berücksichtigung des Blauen Engels bei keiner einzigen der 1.700 Vergaben von Softwareentwicklungsaufträgen die Einhaltung der Kriterien des Blauen Engels für energieeffiziente Software verlangt worden war. Nicht einmal bei Eigenentwicklungen von Software hielt man sich daran und auch nicht bei den 118 Vergaben für Cloud Dienstleistungen. Bisher wurde überhaupt nur sechs Mal der Blaue Engel für energieeffiziente Software vergeben – fünfmal an Produkte von GmbHs, eines stammt von einem Verein, keine einzige zertifizierte Software wurde durch oder für eine Behörde entwickelt.
Der Trend zu Open Source Software kann zu mehr energieeffizienter Software beitragen – vier der sechs zertifizierten Anwendungen mit Blauem Engel sind Open Source Produkte. Doch der Trend zum Vibe Coding kann zum Gegenteil führen, denn auch in der Programmierung sind KI-Systeme nicht effizient, sondern „geschwätzig“ und programmieren schnell, aber fehlerhaft und ohne Fokus auf Ressourceneffizienz.
Nachhaltige IT braucht Transparenz und Wirkungsmessung
Ob der IT-Einkauf unter der aktuellen Regierung Nachhaltigkeitsvorgaben stärker berücksichtigt, kann man nur spekulieren, denn Daten dazu hat die Bundesregierung nicht veröffentlicht. Berichte, die dazu Auskunft geben könnten, wie der Green-IT Bericht für 2025, sollen erst Anfang 2027 kommen. Die Bundesregierung trat an mit dem Versprechen, transparentere Politik zu betreiben, ihre Fortschritte nachvollziehbar und ihre Wirkung messbar zu machen, dafür mehr mit Daten zu arbeiten und diese auch zu veröffentlichen. Dieses Versprechen war richtig, es wird Zeit, es einzulösen.





