Sommerzeit ist Vegetationsbrandzeit. Wie jedes Jahr brennen die Wälder, Moore und ganze Landstriche. Dieses Jahr hat sich eine neue Dynamik entwickelt. Die Feuer rücken näher an Ortschaften. Nicht nur Südeuropa ist betroffen. Auch Deutschland muss sich in Zukunft anders bei der Gefahrenabwehr aufstellen.
Rauch liegt in der Luft. Selbst die NINA-Warn-App warnt im über 80 Kilometer entfernten Bonn vor Geruchsbelästigung. Der Waldbrand im Hohen Venn an der deutsch-belgischen Grenze ist spürbar. Die Bewohnerinnen und Bewohner im beschaulichen Städtchen Monschau erleben den Schrecken hautnah. Zwar ist die Ortschaft noch nicht direkt betroffen, aber vorsorglich wurden mehrere Straßenzüge mit sofortiger Wirkung evakuiert. Deutsche Einsatzkräfte leisten grenzübergreifende Hilfe in Belgien. Das Technische Hilfswerk (THW) unterstützt ebenso im Hürtgenwald mit Wasser- und Kraftstofflogistik sowie Fachberatern.
Dies ist kein Einzelfall in Deutschland oder Europa. Spanien, Frankreich kämpfen schon seit Beginn des Sommers mit dem Feuer. So mussten im Südwesten Frankreichs über 200.000 Menschen Bordeaux verlassen, da sich der Vegetationsbrand auf wenige Kilometer heranarbeitete. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) führt als Grund die im Juli anhaltende Hitze und Trockenheit in Westeuropa für die Ausbreitung und Verschärfung extremer Waldbrände an. Westeuropa erlebte den heißesten Juni und Juli seit Beginn der Aufzeichnungen, und im Juli kam es zur dritten und vierten Hitzewelle seit Mai, was eine außergewöhnliche Serie extremer Hitze in diesem Sommer bedeutete, so das EZMW. In großen Teilen der Region hielt die bereits im Mai und Juni beobachtete weit verbreitete Trockenheit an und verschärfte sich noch: Aus Frankreich, Spanien, Teilen Deutschlands und dem Vereinigten Königreich wurden außergewöhnlich geringe Niederschlagsmengen bzw. geringe Bodenfeuchte gemeldet.
Ähnliche Meldungen kommen auch vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Die teils extremen Temperaturen führten dazu, dass die Anzahl der Tage im Jahr 2026 bis einschließlich 2. August, an denen der Waldbrandgefahrenindex mindestens Stufe 4 von 5 (hoch) erreicht wurde, im Deutschlandmittel bei rund 22 lag. Im Mittel von 1991 bis 2020 sind es bis zum 2. August nur etwa zehn Tage.
Erste Kritik
Die Brände sind noch nicht gelöscht, aber es regt sich schon Kritik. So fordert die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (dfeug) in einer ersten Stellungnahme eine Weiterentwicklung von Ausstattung, Ausbildung, Personal und überörtlicher Zusammenarbeit. Entscheidend sei nun, daraus ein flächendeckendes Gesamtsystem zu entwickeln. Spezielle Ausstattung wie geländegängige Fahrzeuge, Löschrucksäcke, Pumpen oder Drohnen sei bislang nicht flächendeckend vorhanden. Auch bei Ausbildung und Schutzausrüstung bestehe Nachholbedarf. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, den Einsatzkräften dafür Ausbildung, Technik und Strukturen zur Verfügung zu stellen“, fordert René Hill, stellvertretender Landesvorsitzender NRW der dfeug.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Dr. Ulrich Cimolino, Leiter der vfdb-Expertenkommission Dynamische Schadenslagen und des AK Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband (DFV) sowie Mitglied der Forest Fire Commission im Internationalen Verband der Feuerwehren CTIF (Comité Technique International de prévention et d’extinction de Feu). Da grundsätzlich die Feuerwehren vor Ort für die Gefahrenabwehr zuständig sind, tragen diese – meist freiwilligen – Feuerwehren die Last der Vegetationsbrandbekämpfung. Zwar sei in den vergangenen Jahren bei den Feuerwehren in Sachen Vegetationsbrand viel passiert, aber es gebe noch Bereiche, in denen Mängel vorhanden seien. Cimolino listet u. a. leichte Schutzkleidung – die eigentlich für jeden vorgeschrieben wäre, wie er unterstreicht –, mehr Zusatzbeladungssätze Vegetationsbrand für geeignete, kleinere und wendige Fahrzeuge sowie mehr spezielle Sonderfahrzeuge, die geschützte Leitungen haben und voll geländegängig sind, und mehr geschützte (bzw. gepanzerte) Fahrzeuge für die Arbeit auf Munitionsverdachtsflächen auf.
In Niedersachsen hat man die Zeichen der Zeit gesehen, dass in Zukunft Vegetationsbrände häufiger auftreten werden. „Dies bedeutet, dass es erforderlich ist, entsprechende Technik und Ausrüstung vorzuhalten, aber auch die Einsatzkräfte in der Vegetationsbrandbekämpfung zu schulen“, heißt es auf Anfrage aus dem Innenministerium in Hannover. Man habe zur Verknüpfung der Akteure schon 2019 die „Expertenkommission Waldbrand“ ins Leben gerufen Zudem soll die Aus- und Fortbildung weiter ausgearbeitet werden. Um die schnelle und professionelle Unterstützung der kommunalen Feuerwehren zu gewährleisten, sind vom Land verschiedene Einheiten und Fachmodule aufgestellt worden.
Gleiches Verständnis
Ausstattung ist jedoch nur eine Komponente. „Alle Einsatz- und vor allem alle Führungskräfte müssen wissen und verstehen, was bei Vegetationsbränden anders als bei Zimmerbränden ist“, sagt Cimolino. „Es muss das Verständnis wachsen, dass insbesondere bei dynamisch verlaufenden Einsätzen, die schnell größer werden, besondere Risiken beinhalten (gefährdete Infrastruktur, Munitionsverdachtsflächen) und/oder in topographisch schwierigem Umfeld die Möglichkeiten „normal“ zu dem Thema aus- und fortgebildeter Einsatzkräfte schnell überschritten werden“, so der Experte weiter. Hier müsse frühzeitig auf Spezialisten zurückgegriffen werden.
„In der Organisation haben wir erkannt, dass wir mehr mit gleichen Standardkomponenten arbeiten müssen“, sagt Cimolino. Ergebnisse liegen dafür schon vor. Er verweist u. a. auf das Rahmenkonzept Fähigkeitsmanagement von Bund und Ländern (FäM), das sich über die Webseite des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) findet. Er kritisiert aber, dass unterschiedlich viel an den Landesfeuerwehrschulen dazu unterrichtet, eigene Unterlagen erstellt oder andere verwendet werde. Es gebe unterschiedliche Konzepte der Unterstützung der Feuerwehren, von einzelnen Bezuschussungen von Einzelfahrzeugen bis hin zur Landesbeschaffung von unterschiedlich viel Spezialfahrzeugen. Es herrsche zu oft völlig fehlerhafte Vorstellungen zur Wirksamkeit von Taktiken bzw. technischen Einsatzmitteln vor, die zu oft auf eigenen Erfahrungen bei wenigen konkreten Lagen beruhten.
Jedes Jahr grüßt die Löschflugzeugdebatte
Die Debatte um die Vorhaltung von Löschflugzeugen in Deutschland ist lang. In den vergangenen Jahren wurden über rescEU Flugzeuge in Niedersachsen stationiert. Jedoch gibt es keine Flugzeuge, die dauerhaft vorgehalten werden. Auf Anfrage heißt es aus dem niedersächsischen Inneministerium: „Mit dem Auslaufen des Projektes und der anschließenden Auswertung ergab sich, dass aus niedersächsischer Sicht die Vorhaltung von Löschflugzeugen, die in dem Zeitraum von einer Ausnahme abgesehen ausschließlich in anderen europäischen Ländern eingesetzt werden, nicht zielführend ist.“
Hauptsächlich kommen Helikopter mit Außenlasthaken zum Einsatz. Allerdings sei deren Anforderung verbesserungswürdig, kritisiert Cimolino. „Diese Verfahren der Luftunterstützung sind zu unterschiedlich, meist viel zu lange dauernd und die Kostenfrage ist für die kleinen Gemeinden in v. a. den östlichen Bundesländern verheerend!“, so Cimolino.
In vielen Bundesländern gebe es zudem praktisch noch keine geplanten Schnittstellen für die Koordination des Einsatzes von Luftfahrzeugen zusammen mit der Einsatzleitung in einem eigenen Einsatzabschnitt und auch mit der Möglichkeit, Luftfahrzeuge ohne BOS-Funk über Flugfunk ansprechen zu können, da weder die Bundeswehr noch private Anbieter – mit Ausnahme der SAR-Helikopter – BOS-Funk haben. „Dies kann zu gefährlichen Situationen sowohl im Flugbetrieb, aber auch v. a. für die Kräfte am Boden führen!“, warnt Cimolino. Diese Problematik wurde zumindest in Niedersachsen erkannt.
„Aber niemand hat auch nur einen Gedanken darauf verwendet, wie die beschriebenen Probleme in der Anforderung, Finanzierung, aber v. a. auch in Führung und Leitung im Einsatz in Deutschland, v. a. im Zusammenhang mit dem Einsatz von verschiedenen Luftfahrzeugen, endlich gelöst werden sollen“, merkt Cimolino an.




