Schüsse auf offener Straße, Schüsse auf Geschäfte, Schüsse mit tödlichem Ausgang: Die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Umfeld der Organisierten Kriminalität (OK) beschäftigen Berlin. Die Polizei setzt im Kampf gegen die Berliner OK bereits seit Längerem auf die Sondereinheit „Ferrum“.
Im Zeitraum von einer Woche sind es gleich drei Tatorte, an denen eine Schusswaffe die Hauptrolle spielt. Ein Friseurladen in Marzahn-Hellersdorf weist mehrere Einschusslöcher auf, am Bahnhof Zoo wird ein Mann erschossen und auch in Kreuzberg stirbt ein 22-jähriger Mann an seinen Schussverletzungen. 62 Straftaten habe es unter Verwendung „ausschließlich scharfer“ Schusswaffen bereits in diesem Jahr gegeben – Stand Anfang August. Das teilte die Polizei Berlin auf Nachfrage mit. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Behörde insgesamt 1.119 Fälle, in denen sowohl die Verwendung einer Schusswaffe angedroht als auch von einer solchen Gebrauch gemacht wurde. Unter diese Zahl fallen allerdings auch Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen (SRS). U
m die Schusswaffenverwendung künftig differenzierter abzubilden, hat die Polizei Berlin im Dezember 2025 ihre Erfassungsmodalitäten angepasst. So erfasst die Behörde nun unter anderem auch die „Art der Waffenverwendung“. Wie die Polizei Berlin hierzu einordnete, lässt sich aus dieser Zahl für Berlin aktuell noch kein Trend zu einer veränderten Hemmschwelle beim Einsatz von Schusswaffen ableiten. Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) sprach bereits im Februar dieses Jahres von einer neuen Dimension der Organisierten Kriminalität (OK). Eine mögliche Erklärung für die zunehmende Schusswaffengewalt lieferte die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel: „Streitigkeiten, die früher mit Fäusten ausgetragen wurden, werden heute vielleicht eher mit Schusswaffen ausgetragen.“
Diese Entwicklung ist bereits seit Anfang 2025 in der Hauptstadt zu beobachten. Laut der Polizei Berlin bilden sogenannte Erpressungslagen unter Verwendung von Schusswaffen inzwischen den Schwerpunkt. Die Tatverdächtigen agierten zum Teil alleine oder aber als Mitglieder krimineller Strukturen. „Weitere Tatmotive sind beispielsweise persönliche Konflikte, Familienstreitigkeiten, sogenannte Ehrverletzungen, sonstige Auseinandersetzungen oder Einschüchterungsabsichten“, erklärt die Berliner Polizeisprecherin Jane Berndt gegenüber dem Behörden Spiegel. Zum aktuellen Zeitpunkt seien einige Tatmotive zudem noch nicht vollumfänglich geklärt.
Keine konkreten Aussagen könne die Behörde zu den einzelnen kriminellen Gruppierungen geben. Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin, spricht gegenüber dem Behörden Spiegel von einem Generationenwandel innerhalb der etablierten Gruppierungen. „Wir sehen seit einem guten Jahr viel Bewegung in der Organisierten Kriminalität, weil einzelne Geschäftsfelder und Machtverhältnisse neu ausgelotet werden und die Szene in Bewegung ist“, konkretisiert Jendro. Gleichzeitig fällt laut der Polizei Berlin der Name „Daltons“ derzeit immer wieder – sowohl durch Tatverdächtige als auch durch Betroffene.
Sie sind jung und brutal
Die „Daltons“, auf Türkisch „Daltonlar“, sind eine kriminelle Gruppe mit Ursprung in Istanbul. Gleich mehrere solcher Gruppierungen mit „kindlichen Namen“ – wie „Caspers“ (ein Comic-Geist) oder „Şirinler“ (deutsch: die Schlümpfe) – fingen 2018 an, junge Männer in der türkischen Metropole zu rekrutieren. Durch die Währungs- und Schuldenkrise waren viele Istanbuler auf der Suche nach einer lukrativen Anstellung. In Videos in Sozialen Medien versprechen die Mitglieder bis heute Geld, Luxusautos und Waffen. Ob und wie junge Männer auch in Berlin angeworben werden, wollte die Polizei Berlin nicht kommentieren.
Die Behörde bestätigte jedoch, dass die Auslagerung der „Vorbereitung und Durchführung von Gewalthandlungen gegen Bezahlung an Dritte“ Gegenstand der aktuellen Ermittlungen zur Schusswaffenkriminalität sei. Jendro äußert sich zum Phänomen „Daltons“ wie folgt: „Die meist aus der Türkei stammenden Personen versuchen mittels Schusswaffenattacken auf Geschäfte ansässiger türkischstämmiger Geschäftsleute Gelder zu erpressen, was auch zu einer starken Öffentlichkeit führt. Sie sehen Berlin als lukrativen Standort an und versuchen hier Fuß zu fassen.“
Laut Medienberichten aus der Türkei steht die zunehmende internationale Aktivität der „Daltons“ auch mit dem wachsenden Verfolgungsdruck in der Türkei in Zusammenhang. So ist der vermutliche Chef der „Daltons“, Berat Can Gökdemir, selbst nicht mehr in der Türkei. Den türkischen Medien zufolge hält er sich seit Längerem in Russland auf und soll dort bereits 2024 festgenommen worden sein. Eine Auslieferung an die Türkei sei bislang nicht erfolgt. Dort würde dem 29-Jährigen eine Haftstrafe von 1.281 Jahren und zweimal lebenslänglich drohen.
Der gefährliche Ruf der „Daltons“ wird in kriminellen Kreisen in Berlin strategisch genutzt. So kann laut der Polizeisprecherin Berndt davon ausgegangen werden, dass der Name gezielt fällt, „um eine Drohkulisse aufzubauen bzw. eine einschüchternde Wirkung auf Betroffene zu entfalten“. Auch im Rahmen von Nachahmungstaten werde die Gruppe mitunter von den Tatverdächtigen erwähnt. „In der aktuellen, auch medialen Verwendung, scheint der Begriff ‚Daltons‘ eher als Sammelbezeichnung für die Tatverdächtigen zu dienen, als dass er sich tatsächlich auf reale Mitglieder dieser Gruppierung bezieht“, stellt Berndt klar.
Das schießende Eisen
Um der Schusswaffenkriminalität in der deutschen Hauptstadt im Allgemeinen Herr zu werden, hat die Polizei Berlin im Landeskriminalamt (LKA) Mitte November 2025 die „Besondere Aufbauorganisation (BAO) Ferrum“ eingerichtet. Ferrum stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Eisen“. Die neue Einheit hat sich viel vorgenommen. So sei es das Ziel der „LKA 4 BAO Ferrum“, die Verfügbarkeit illegaler Waffen nachhaltig zu reduzieren, deren Einsatz einzudämmen, Tat- und Täterstrukturen aufzuhellen und Hintermänner zu identifizieren, erklärt die Polizei Berlin. Außerdem solle sie die Strafverfolgung gemeinsam mit der bei der Staatsanwaltschaft Berlin eingerichteten Ermittlungsgruppe (EG) „Telum“ vorantreiben. Auch Telum ist ein lateinisches Wort mit Waffenbezug. Auf Deutsch bedeutet es so viel wie Waffe, Geschoss, Speer oder Pfeil.
Die Bilanz der beiden Einheiten fällt bislang umfangreich aus. Ferrum und Telum haben inzwischen mehr als 50 Verdächtige in Untersuchungshaft gebracht. Außerdem wurden seit dem Start der BAO Ferrum mehr als 6.700 Personen, rund 3.800 Fahrzeuge und über 860 Lokalitäten überprüft (Stand: 10. August). Hierbei habe die Sondereinheit rund 620 Ermittlungsverfahren eingeleitet und mehr als 68 Haftbefehle erwirkt. Den tatsächlichen Einfluss der beiden Organisationen auf die OK-Entwicklung in Berlin sieht der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) Berlin, Frank Teichert, kritisch: „Berlin ist der große Tisch und die Polizei ist die viel zu kleine Decke. Der Weg ist richtig – aber was zu erst? Wir wollen nicht nur ärgern.“ So seien Ferrum und Telum sehr effektiv, jedoch fehlten die Beamtinnen und Beamten nun an allen anderen Ecken.
Außerdem seien täglich rund 400 Polizistinnen und Polizisten für den Objektschutz gebunden. „Das sind fast drei Einsatzhundertschaften oder zwei komplette Polizeiabschnitte“, die sich in der Zeit nicht um die OK in Berlin kümmern könnten. Auch Jendro von der GdP sieht noch deutlichen Handlungsbedarf: „Wir haben durch erstklassige Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen Erfolge, aber wenn sich nichts an den grundsätzlichen Strukturen der Arbeitsfähigkeit von Polizei und Justiz ändert, werden wir das Wirken der Hydra Organisierte Kriminalität höchstens eindämmen können, Strukturen nicht nachhaltig aufbrechen.
Überschwemmt von Waffen
Welche Rolle Schusswaffen in der Berliner OK einnehmen, wird auch durch Zahlen der Polizei Berlin deutlich: Im Rahmen der Kontrollaktionen von Ferrum und Telum seien 65 scharfe Schusswaffen und mehr als 3.290 Schuss Munition beschlagnahmt worden, gibt die Behörde auf Nachfrage bekannt.
Wie der Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Dirk Peglow, laut Medienberichten erklärte, mache der Kriminalpolizei gerade besonders die Verfügbarkeit von illegalen Schusswaffen Sorgen. „Das sehen wir gerade dort, wo Waffen im Zusammenhang mit Rauschgiftkriminalität, OK oder Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen eine Rolle spielen. Wenn solche Waffen vorhanden sind, steigt natürlich auch die Gefahr, dass Konflikte schneller und mit deutlich schwerwiegenderen Folgen eskalieren.” Deutschlandweit ist der Handel mit illegalen Waffen deutlich angestiegen. Das kürzlich veröffentlichte Bundeslagebild „Waffenkriminalität 2025“ des Bundeskriminalamts (BKA) gibt hierzu einen konkreten Einblick. So registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 37.475 Verstöße gegen das Waffengesetz. Damit gab es in diesem Deliktsbereich einen Anstieg um 5,5 Prozent verglichen mit dem Vorjahr.
Die für das Lagebild ausgewertete Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) unterscheidet dabei nicht nach der Art der jeweiligen Verstöße. Das BKA ergänzt im Lagebild jedoch: „Es dürfte sich überwiegend um Fälle des illegalen Erwerbs, des illegalen Besitzes, des illegalen Führens und der illegalen Einfuhr von Waffen handeln“. Außerdem zeigt das Lagebild auch einen deutlichen Anstieg im Bereich „Waffenkriminalität unter Verwendung des Tatmittels Internet“ an. Was kompliziert klingt, bezieht sich hauptsächlich auf den Handel mit Waffen im Internet. Im Lagebild heißt es hierzu: „Nach zuletzt rückläufigen Entwicklungen im Bereich der Schusswaffenkriminalität unter Verwendung des Tatmittels Internet ist für das Jahr 2025 wieder ein deutlicher Fallanstieg um 22,8 Prozent festzustellen“. Das BKA wertet den Anstieg als Hinweis darauf, dass internetbasierte Beschaffungs- und Handelsstrukturen weiterhin im Bereich der illegalen Waffenkriminalität bedeutsam sind. Der Handel laufe vor allem über Clearnet, Darknet-Foren sowie Messenger-Dienste.
Das bereits im Februar veröffentlichte Lagebild OK 2024 des Berliner LKA unterstreicht diese Einschätzung auch für Berlin. Dort heißt es dazu: „Das LKA stellte im Rahmen der Auswertung polizeilicher Einsätze einen sprunghaften Anstieg von Auffindungen diverser Umbauten vollautomatischer Schreckschusswaffen bzw. ebenfalls qualitativ hochwertiger Nachbauten halbautomatischer Schusswaffen türkischer Hersteller fest“. Vor allem werde Berlin inzwischen regelrecht mit Schusswaffen überschwemmt, macht Teichert von der DPolG Berlin deutlich. Häufig würden die Waffen außerhalb der regulären Geschäftszeiten in türkischen Produktionsstätten hergestellt.
„Auf eigene Rechnung wird nachproduziert“, so Teichert weiter. Auch das Bundeslagebild des BKA zeichnet ein vergleichbares Bild. Die Waffen mit Ursprung in der Türkei würden „unter Nutzung professioneller Fertigungsstrukturen und industrieller Produktionsmethoden illegal hergestellt“. Die hohe Qualität deute zudem darauf hin, dass die Hersteller über ein hohes technisches Know-how verfügten. Nach Angaben von Insidern gelangen die Handfeuerwaffen über die sogenannte Balkanroute nach Deutschland – eine Route, die auch für die Weiterreise von Geflüchteten nach Europa genutzt wird. Von Deutschland aus werden die Waffen teilweise in andere europäische Länder weitertransportiert. Ein erheblicher Teil verbleibt jedoch in Berlin.
Kurz vor Redaktionsschluss durchsuchte die Polizei eine Wohnung in Neukölln – im Kampf gegen Schusswaffengewalt. Die Durchsuchung sei Teil einer größeren Aktion der Sondereinheit Ferrum und der Ermittlungsgruppe Telum gewesen, wie die Senatsverwaltung für Inneres und Sport Berlin mitteilt. Dabei ging es unter anderem um einen 21-jährigen Mann, der auf ein Geschäft geschossen haben soll. Konkret lauten die Vorwürfe: „versuchter Mord aus Habgier, besonders schwere räuberische Erpressung und Verstoß gegen das Waffengesetz“.
Innensenatorin Iris Spranger (SPD) betont, man gehe entschlossen gegen bewaffnete Auseinandersetzungen in der Stadt vor. Bei illegalem Waffenbesitz und der illegalen Verwendung von Waffen dürfe es keine Toleranz geben.




